Kreuzfahrtschiffe

Das Kreuzfahrtschiff "Europa" im Sonnenuntergang

Nachhaltiges Reisen

Kreuzfahrtschiffe

Von Hernán J. Martin

Ein Hotel, Restaurant, Schwimmbad, Theater sowie Geschäfte in ein Schiff einzubauen, ist eine beeindruckende technische Leistung. Aber das Erschaffen schwimmender Städte hat seinen Preis: Kreuzfahrtschiffe richten ökologische, wirtschaftliche und sozialen Schäden an. 

Kreuzfahrtschiffe: Hotel, Freizeitpark und Transportmittel in einem

Eine Kreuzfahrt hat ihre Vorzüge: Sie ermöglicht es Passagieren, Traumorte zu besuchen und unterwegs Luxus und Komfort zu genießen. Die Veranstalter kombinieren geschickt beliebte Reiseziele mit einer großen Vielfalt von Aktivitäten an Bord. Pool, Kasino und Shows gehören heute zum Standard der Schiffe.

Kreuzfahrtschiffe sind die Nachfahren der ersten Transatlantikschiffe, die Ende des 19. Jahrhunderts Europa mit Amerika verbanden. Die Titanic ist das bekannteste Beispiel dafür. Der Zweck der damaligen Schiffe war jedoch lediglich, die Passagiere von einem Hafen zum anderen zu befördern.

Bei einer Kreuzfahrt geht es hingegen darum, die Reise genauso zu genießen wie das Ziel. Der große Unterschied besteht darin, dass Kreuzfahrtrouten in der Regel am selben Hafen beginnen und enden. Auf der Route hält das Schiff an verschiedenen Häfen, an denen die Passagiere aussteigen und den Ort für eine bestimmte Zeit erkunden können. Danach legt das Schiff ab und die Fahrt geht weiter zum nächsten Ziel.

Ein voll besetztes Theater in einem Kreuzfahrtschiff.

Ein Theater ist nur eine von vielen Attraktionen an Bord

Die Kreuzfahrtindustrie in Zahlen (2019)

  • 404 Schiffe weltweit
  • Kapazität für insgesamt 600.000 Passagiere
  • 27,8 Millionen Passagiere pro Jahr
  • 34,5 Milliarden Euro Umsatz pro Jahr
  • Wichtigste Reiseziele: Karibik (40 Prozent), Mittelmeer (15 Prozent), Pazifik (12 Prozent)

Die Kehrseite der Kreuzfahrt: Umweltverschmutzung

Die meisten Schiffe bieten Platz für etwa 4000 Passagiere. Die größten Kreuzfahrtschiffe befördern sogar bis zu 6000 Menschen, die an Bord schlafen, essen und sich amüsieren. Hinzu kommen einige hundert Mitarbeiter, die auf dem Schiff arbeiten und leben. Eine solche schwimmende Stadt zu betreiben hat seinen ökologischen Preis.

Die meisten Kreuzfahrtschiffe verwenden Schweröle, die hundertmal umweltschädlicher sind als Diesel in PKW oder LKWs. Sie weisen auch einen höheren Schwefelgehalt auf. Kreuzfahrtschiffe benutzen damit Kraftstoffe, die für den Verkehr an Land verboten sind und von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) als potenziell krebserregend eingestuft werden.

Auch die CO2-Bilanz von Kreuzfahrschiffen ist hoch. Forscher geben die Wirkung auf das Klima häufig in CO2-Äquivalenten an. Die Maßeinheit berücksichtigt nicht nur CO2, sondern weitere Treibhausgase wie Methan oder Lachgas. Diese werden in die Klimawirkung von CO2 umgerechnet und summiert als CO2-Äquivalente angegeben.  Eine Schiffsreise von Großbritannien nach New York kann etwa neun Tonnen CO2-Äquivalente pro Passagier erreichen. Zum Vergleich: Bei einem Hin- und Rückflug von Düsseldorf nach New York beträgt dieser Fußabdruck 2,8 Tonnen CO2-Äquivalente – und bereits dieser Wert überschreitet das klimaverträgliche Jahresbudget eines Menschen um fast das Doppelte.

Ein Swimmingpool auf dem Deck eines Kreuzfahrtschiffes, in dem viele Passagiere baden. Im Hintergrund gibt ein Schornstein schwarzen Rauch ab.

Vergnügen und Umweltschäden – der große Widerspruch einer Kreuzfahrt

Was viele in der CO2-Bilanz eines Kreuzfahrtschiffs vergessen, ist die Anreise der Passagiere. Wenn sich eine Familie aus Berlin im Sommer zu einer Mittelmeer-Kreuzfahrt entschließt, muss sie zum Abfahrtshafen reisen – zum Beispiel nach Barcelona. In den meisten Fällen fällt dadurch zusätzlich ein Flug an. Dieser muss zu dem bereits hohen CO2-Fußabdruck der Kreuzfahrt addiert werden.

Hinzu kommt, dass Kreuzfahrtschiffe nicht nur während der Fahrt Energie verbrauchen. Im Hafen benötigen sie weiterhin Strom, um die Aktivitäten an Bord aufrechtzuerhalten. In vielen Fällen sind deshalb die Motoren auch dann noch in Betrieb, wenn die Schiffe stillstehen.

Ein weiterer wichtiger Punkt ist der Müll. Während der Reise erzeugen die Tausenden von Passagieren Abfall. Damit ist nicht nur der Plastik- oder Papiermüll gemeint. Jeder Passagier produziert täglich mehr als 300 Liter Abwasser, indem er den Pool, die Dusche und die Toilette benutzt. Hinzu kommen giftige Abfälle, die bei einigen Aktivitäten auf dem Schiff anfallen (etwa bei der chemischen Reinigung), sowie Abfälle von Essensresten oder anderen Produkten. Insgesamt stammt ein Viertel der festen Abfälle des weltweiten Seeverkehrs von Kreuzfahrtschiffen.

Ein wenig beachtetes Umweltproblem: Ballastwasser

Ein weiteres ökologisches Problem, das häufig übersehen wird, ist das sogenannte Ballastwasser. Dabei handelt es sich um Wasser, das Schiffe be- und entladen, um ihre Stabilität zu verbessern. Das Einleiten von Wasser aus einer Region in ein anderes Ökosystem birgt Risiken. Die Schiffe können durch das Ballastwasser zum Beispiel invasive Arten einschleppen – sowohl Tiere als auch Pflanzen wie etwa Algen. Da Kreuzfahrtschiffe viele verschiedene Orte anfahren, ist der Effekt bei ihnen deutlich größer als beispielsweise bei Containerschiffen.

Auch Mikroorganismen und Krankheitserreger können auf diesem Weg befördert werden. Im Jahr 1991 gab es in Peru eine Cholera-Epidemie, die Experten auf das Ballastwasser zurückführen, das Schiffe im dortigen Hafen abgelassen haben. Diese Epidemie führte zu fast 100.000 Erkrankten und mehr als 500 Todesfällen.

Ein Schiff lässt Wasser aus mehreren Luken ab.

Ballastwasser kann am Zielort Schaden anrichten

Darüber hinaus können Kreuzfahrtschiffe in ökologisch sensiblen Gebieten, wie zum Beispiel Korallenriffen, großen Schaden anrichten. Wissenschaftler schätzen, dass ein einziges Schiff, das in einem Korallengebiet vor Anker geht, fast 200 Quadratmeter Riff zerstören kann. In der Karibik, dem Hauptziel von Kreuzfahrtschiffen, haben sich die Zustände der Korallenriffe deutlich verschlechtert. Im Cancún-Nationalpark in Mexiko sind zum Beispiel rund 80 Prozent des Meeresbodens durch Kreuzfahrtschiffe beschädigt worden.

Indirekte Schäden: Belastung der Häfen und der Mitarbeiter

Neben diesen offensichtlichen, umweltbezogenen Schäden sind Kreuzfahrtschiffe auch für wirtschaftliche und soziale Probleme verantwortlich.

Die angefahrenen Städte leiden oftmals unter den Kreuzfahrtreisen. Es mag zunächst den Anschein haben, dass es für die Städte wirtschaftlich vorteilhaft ist, wenn sie Tausende von Touristen am Tag in Empfang nehmen. Ein Kreuzfahrt-Ticket ist jedoch in der Regel "all inclusive". Das heißt, dass die meisten Passagiere zum Essen an Bord zurückkehren, anstatt in lokalen Restaurants zu essen. Auch Touren und Aktivitäten vor Ort werden von der Bord-Besatzung organisiert. Das Geld fließt nicht in die lokale Wirtschaft, sondern in die Hände des Kreuzfahrt-Veranstalters. 

Eine Straße mit Cafés in der Innenstadt von Venedig, im Hintergrund ein riesiges Kreuzfahrtschiff

Kreuzfahrtschiffe überlasten die Orte auf ihrer Route – wie zum Beispiel Venedig

Ob es für die Einheimischen einen Nutzen gibt, ist fraglich – gerade wenn man bedenkt, dass die Schiffe beim Anlegen viel Abfall abladen, der im Hafen verarbeitet werden muss. Die Häfen mussten zudem häufig für viel Geld angepasst und vergrößert werden, um die Schiffe überhaupt aufnehmen zu können.

Auch die Situation der Mitarbeiter an Bord ist oft prekär. Die Idee, auf einer Kreuzfahrt zu arbeiten, klingt zunächst verlockend. Die Arbeitsbedingungen sind jedoch sehr hart. Arbeitstage von mehr als zwölf Stunden sind auf vielen Schiffen normal. Häufig arbeiten die Angestellten an sechs bis sieben Tage pro Woche – und das bei vergleichsweise sehr geringen Gehältern.

Diese in Industrieländern undenkbaren Bedingungen sind möglich, da Kreuzfahrtschiffe häufig unter einer sogenannten Billigflagge fahren. Das heißt, dass die Veranstalter ihre Schiffe in Ländern wie den Bahamas oder Panama registrieren, wo die Arbeitsgesetze lockerer sind.

Gefährliche Verschrottung

Wie alle Verkehrsmittel haben auch Kreuzfahrtschiffe eine Nutzungsdauer, die früher oder später zu Ende geht. In der Regel fahren sie nur 20 Jahre auf den Ozeanen. Das liegt auch daran, dass es unter den Anbietern einen Wettbewerb für immer modernere Schiffe mit neuen Attraktionen gibt.

Wenn das Schiff entsorgt werden muss, entsteht ein großes Problem. Viele große Reedereien verkaufen die Schiffe an Entwicklungsländer, die sie zerlegen und den Schrott verkaufen. Nachdem die Riesenschiffe in modernen Werften in Italien, Deutschland, Finnland oder Japan gebaut wurden und jahrelang über die Ozeane gefahren sind, stranden sie zum Abwracken in Ländern wie Indien oder Pakistan.

Kreuzfahrtschiffe, Ozeandampfer und Frachtschiffe drängen sich dort an Schrottplätzen an den Stränden. Auf diesen Schiffsfriedhöfen werden sie ohne ausreichende Recyclingstandards und Sicherheitsmaßnahmen abgebaut. So gelangen Treibstoff, Plastik und Rost ins Meer und schädigen das Ökosystem sowie die Gesundheit der Menschen, die sie abwracken und die in der Umgebung leben.                                               

Gefährliche Verschrottung

Gefährliche Verschrottung von Kreuzfahrtschiffen

Mehrere ganze und halbverschrottete Kreuzfahrtschiffe in einer Reihe

Diese Kreuzfahrtschiffe werden in Izmir (Türkei) verschrottet

Diese Kreuzfahrtschiffe werden in Izmir (Türkei) verschrottet

Die Zahl der Kreuzfahrtschiffe, die abgewrackt werden, steigt nicht zuletzt wegen der Corona-Krise

Die Arbeit auf der Abwrackwerft in Chittagong (Bangladesch) ist gefährlich

Die Abwrack-Arbeiten für dieses Schiff in Gadani (Pakistan) stehen noch bevor

Zwei von Tausenden von Arbeitern, die auf der Abwrackwerft in Dhaka (Bangladesch) ihre Gesundheit aufs Spiel setzen

Kleine Schritte in eine nachhaltigere Zukunft

Trotz der vielschichtigen Probleme hat die Kreuzfahrt auch Zukunftsperspektiven. Es gibt Möglichkeiten, diese Art von Reisen weniger umweltschädlich zu machen und die Branche unternimmt kleine Schritte in diese Richtung.

Seit 2018 werden etwa neue Motoren eingeführt, die sich mit Flüssiggas betreiben lassen. Dieses Gas ist zwar ebenfalls ein fossiler Brennstoff, aber die Emissionen von Stickoxiden und CO2 sind geringer als bei den herkömmlichen, mit Schwerölen betriebenen Motoren. In einigen neuen Schiffen wird der neue Kraftstoff bereits eingesetzt und damit die Luft weniger verschmutzt.

Ein Kreuzfahrtschiff legt am Hamburger Hafen an.

Landstromanlagen wie etwa am Hamburger Hafen helfen dabei, CO2 zu reduzieren

Es gibt weitere Ideen, um den CO2-Ausstoß der Schiffe zu reduzieren. Wenn das Schiff im Hafen liegt, kann es an das lokale Stromnetz angeschlossen werden. Dafür müssen die Häfen zunächst ihre Infrastrukturen ausbauen, was bisher einige Städte getan haben. Im Hamburger Hafen beispielsweise ist eine solche Landstromanlage im Jahr 2016 ans Netz gegangen.

Es gibt außerdem neuartige Methoden, um den Müll an Bord zu komprimieren. So kann er einfacher gelagert und anschließend sicher entsorgt werden. Es gibt auch Systeme, die das Abwasser filtern und reinigen, bevor es ins Meer geleitet wird. Einige moderne Schiffe benutzen diese bereits. Sie sind jedoch noch kein Standard, obwohl die Installation vergleichsweise einfach und günstig ist.

Obwohl Kreuzfahrtschiffe erste Schritte in die richtige Richtung machen, ist diese Art des Reisens weiterhin nicht nachhaltig – es gibt noch einiges zu tun, was die Vermeidung von Umweltschäden, die Verbesserungen der sozialen Bedingungen für Mitarbeiter an Bord und der wirtschaftlichen Folgen für die besuchten Orte betrifft.

WDR | Stand: 18.03.2021, 11:41

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