Stürme und Natur

Feuerwehrleute beseitigen umgestürzte Bäume.

Stürme

Stürme und Natur

Von Pia Grzesiak

Für die Natur und den Wald haben starke Stürme schwere Folgen. Wo der Wald zu großen Teilen aus Fichten besteht, kann er der Kraft eines Orkans wenig entgegensetzen. Damit der Wald auch in den Zeiten des Klimawandels überleben kann, muss ein robuster, standortgerechter Mischwald entstehen.

Der Wald hat viele Aufgaben

Es mehren sich die Hinweise, dass Winterstürme in unseren Breitengraden zwar nicht häufiger, aber heftiger und zerstörerischer werden. Das ist ein ernst zu nehmendes Problem für unseren Wald.

Orkan Lothar zerstörte allein in Deutschland 40 Millionen Kubikmeter Holz und riss europaweit 200 Millionen Festmeter Holz um. Vor Generationen angelegte Wälder, die "Sparkasse" der Waldbauern, wurden binnen weniger Stunden zerstört.

Ein Grund dafür sind die zunehmenden Windgeschwindigkeiten der Stürme, ein anderer ist der Zustand des Waldes selbst. Seit Jahrzehnten greift der Mensch ins Ökosystem ein.

Der Wald ist ein Wirtschaftsfaktor, der bestimmte Funktionen erfüllen muss: Er soll Holz liefern, die Luft und das Wasser rein halten, aber auch der Erholung dienen und Tieren und Pflanzen einen gesunden Lebensraum bieten. Verschiedene Funktionen, die in Zeiten des Klimawandels immer schwerer unter einen Hut zu bringen sind.

Soll der Wald seine Schutzfunktion für Mensch und Natur weiterhin erfüllen, müssen große Gebiete umgestaltet werden. Ob der Mensch zu diesem Zweck aufräumen und aufforsten soll oder ob er den Wald besser einfach sich selbst überlässt – bei diesem Thema scheiden sich die Geister.

Top 5 der Stürme 01:54 Min. Verfügbar bis 30.12.2020

Der Wald der Zukunft

Am Umbau des Waldes wird im Prinzip schon seit den 1980er Jahren gearbeitet. Seit dieser Zeit reduzieren die Waldbauern die Fichtenbestände. In den vergangenen 15 Jahren hat ihr Bestand bereits um sieben Prozent abgenommen, unter anderem bedingt durch den Klimawandel.

Extreme Niederschläge, durchfeuchtete Böden, ausbleibende Bodenfröste und lange Trockenperioden im Sommer sorgen dafür, dass sich die Fichte mehr und mehr nach Norden zurückzieht. Mit ihren flachen Wurzeln hat sie dem Sturm weniger entgegenzusetzen als ein standortgerechter Laubbaum.

Natürlicherweise läge der Fichtenanteil in Deutschland nur bei ungefähr fünf Prozent. Dass er im Moment viel höher ist, liegt daran, dass die Fichte künstlich in unsere Breiten eingeführt wurde. Sie ist der "Brotbaum" der Waldwirtschaft. Sie wächst schnell, es lässt sich viel Geld mit ihr verdienen. Das Holz eignet sich als Bauholz und für andere Zwecke mit großer Nachfrage.

Nicht zuletzt durch die drohende Zunahme an starken Stürmen wird der Umbau des Waldes nun immer drängender. In Baden-Württemberg ist die Temperatur in den vergangenen zwei Jahrzehnten um ein Grad Celsius angestiegen.

Das Klima unterhalb von 400 Metern ist zunehmend besser für Bäume wie Buche, Douglasie, Eiche, Esche, Ahorn und Kirsche geeignet als für die ursprünglich weiter im Norden beheimatete Fichte.

Im Schatten hoher Bäume wächst Bärlauch in einem Wald.

Mischwald ist gefordert

Therapiekonzepte für den Wald

Naturschützer fordern, viel mehr Waldfläche sich selbst zu überlassen. Die Flächen sollten zum sogenannten Bannwald erklärt werden, damit Flora und Fauna gesunden können.

Im Schwarzwald, im Naturschutzgebiet Ruhestein, hat man eine große Sturmwurffläche zum Bannwald gemacht und in den Jahren nach Lothar eine Explosion der Artenvielfalt erlebt. Auf dem Lotharpfad können Besucher die erstaunliche Vielfalt der Tier- und Pflanzenwelt erleben.

Liegen gelassenes Totholz birgt aber auch die Gefahr einer Insektenplage. Vor allem das weiche Fichtenholz verrottet so schnell, dass sich Borkenkäfer rasant vermehren. Nach Lothar gab es vielerorts Borkenkäferplagen.

Das härtere Holz von Eichen und Buchen ist zwar nicht so anfällig, trotzdem halten viele Forstwissenschaftler es für keine gute Option, den Wald nach dem Sturm einfach sich selbst zu überlassen. Die Verluste in einem Wald, der wirtschaftlich genutzt werden soll, seien zu groß. Langfristig würde sich das Problem der Insektenplagen von selbst regeln.

Laubbäume statt Fichten

Ein Beispiel für den gezielten Waldumbau ist der Friesenheimer Wald bei Freiburg. Durch Lothar gingen hier ein Drittel der Waldfläche und 50 Prozent des Holzvorrates verloren. Das entsprach einem Wertverlust von 70 Prozent.

Seither wurde durch konsequenten Umbau für mehr als vier Millionen Euro ein zukunftsfähiger, artenreicher Mischwald geschaffen, angepasst an die veränderten Bedingungen des Klimawandels. Die Friesenheimer Wälder mit Eichen, Buchen, Kastanien und Wildkirschen haben Modellcharakter.

Zehn Jahre nach Lothar waren die 450 Hektar Kahlflächen wieder geschlossen. Die Waldbauern können auch mit Buchen und Eichen Geld verdienen, wenn auch auf niedrigerem Niveau. Regionen, in denen der "Brotbaum" Fichte besser wächst, werden immer schneller und billiger Holz liefern als der deutsche Markt.

Viele Waldbauern konzentrieren sich deshalb mehr auf die Produktion höherer Holzqualitäten, wie zum Beispiel Eichenholz für Weinfässer, oder haben sich mit Obstbau und Tourismus alternative Einkunftsquellen geschaffen.

Bavariabuche auf einer Wiese.

Baum der Zukunft: die Buche

Orkan Lothar sorgt für Lichtblicke

Trotz aller Zerstörung, die Orkan Lothar mit sich brachte, hatte er doch auch sein Gutes. Die dunklen Tannenwälder des Schwarzwaldes haben sich gelichtet. Der Tourismus sieht sich vielerorts sogar als Gewinner. Der ehemals dunkle Tann des Schwarzwaldes wich einem lichteren Wald mit viel mehr Sonne und grandiosen Ausblicken.

Ein Beispiel dafür ist der unter Wanderern bekannte Westweg – eine 280 Kilometer lange Wanderstrecke von Pforzheim nach Basel, die nach Lothar für ihre schönen Panoramaausblicke das Gütesiegel "Wanderbares Deutschland" erhalten hat.

SWR | Stand: 23.07.2019, 10:30

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