Tiere der Stadt

Waschbären durchstöbern Abfalleimer

Tier und Mensch

Tiere der Stadt

Von Claudia Kynast

Viele Wildtiere zieht es in die Nähe der Menschen. Inzwischen leben in europäischen Metropolen im Schnitt mehr als 10.000 unterschiedliche Arten. Als europäische Hauptstadt der Tiere gilt Berlin – hier gibt es allein 150 verschiedene Brutvogelarten.

Die Zahl der Tiere in der Stadt steigt

Wissenschaftler prognostizieren: Die Zahl der Tiere in den Städten wird in Zukunft noch zunehmen. Denn hier gehe es vielen mittlerweile besser als auf dem Land, sagt auch der Berliner Wildtierexperte Derk Ehlert. Das große Futterangebot ist dafür entscheidend.

Besonders die vielen offen liegenden und gut zugänglichen Abfälle locken Fuchs, Mauersegler oder Waschbär in die Großstadt. Die Bedingungen sind hier besser als draußen im Wald, auf Feldern und Wiesen, wo landwirtschaftliche Monokulturen nur noch wenig Nahrung bieten.

"Wir bauen hektarweise nur noch eine Pflanzenart an, überdüngen die Felder, zerstören mit schweren Geräten die Lebensräume", sagt Derk Ehlert. Was wächst und was nicht, liegt allein in der Hand des Menschen. Für die Wildtiere bleibt auf dem Land deshalb weniger Nahrung.

Neue Autobahnen und Bahnstrecken zerschneiden die Lebensräume der Tiere und verkleinern das Gebiet für die Nahrungssuche weiter. Auch die Städte dehnen sich weiter aus, sodass manche Tiere ganz ihren ländlichen Lebensraum verlieren.

Ein riesiges Weizenfeld, auf dem ein großer Traktor fährt.

Monokulturen zerstören den Lebensraum der Tiere

Viel Nahrung für Wildtiere

Die Stadt ist vielfältig und bietet den Wildtieren so ausreichend Nahrung. Volle Mülltonnen etwa laden zum Beutezug ein. In Kassel müssen sie sogar abgeschlossen werden, denn Waschbären öffnen die Tonnen. Kleingärten bieten eine große Auswahl an pflanzlicher Nahrung auf dem Beet oder Kompost. Und manchmal füttern die Menschen die Tiere sogar noch zusätzlich – wie etwa die Vögel im Winter.

Nicht nur in puncto Nahrungssuche hat eine Großstadt den Tieren viel zu bieten, sondern auch bei den Unterkunftsmöglichkeiten. In Parks, Häusern und auf Brachen gibt es Nischen zum Leben, die sogar sicherer sind als die freie Wildbahn.

Wildkaninchen zum Beispiel werden in Wohngebieten weniger häufig gejagt als außerhalb der Stadt: Natürliche Feinde verirren sich nicht hierher, Hunde sind meistens an der Leine und ein Jäger wird erst tätig, wenn die Population stark überhand nimmt.

Das meist trockene und wärmere Klima hält die Tiere zusätzlich in der Stadt, wo auch für die nächste Generation wieder gut gesorgt ist. Wildschweine, Ratten, Füchse, Tauben, Kaninchen – sie alle werden zu sogenannten Kulturfolgern: Sie leben ganz nah am Menschen und profitieren davon.

Fuchs sonnt sich im Garten eines Hauses.

Der Fuchs folgt dem Menschen sogar bis in den Garten

Brachen in Berlin

Mitten in der Großstadt, sogar mitten in Berlin sollen Tiere leben? Tatsächlich sind es vor allem die Abschnitte zwischen den Bezirken, insbesondere die Brachen, die für Wildtiere so attraktiv sind. Selbst Wildschweine wurden schon in Berlin gesichtet.

"Berlin ist aufgrund seiner Struktur einmalig", sagt Wildtierexperte Ehlert. "Die Stadt ist sternförmig angeordnet, durchzogen von sehr viel Grün. Es ist einem Tier so möglich, von ganz außen bis ins Zentrum vorzudringen."

Die Mischung aus Grünland, kurzen Wegen zum Müll und stillen Unterschlupfen lädt die Tiere ein. Besonders in Berlin gibt es zahlreiche Brachen, auf denen sie sich ungestört niederlassen und vermehren können. Das hat auch viel mit der Geschichte der Stadt zu tun. Nach der Wende wurden viele alte Betriebe geschlossen; zurück blieben verlassene Hallen und Fabrikgelände.

Auf stillgelegten Güterbahnhöfen der ehemaligen DDR etwa finden Tiere neuen Lebensraum. Auch andere Städte und Regionen, die einen Strukturwandel durchlaufen, bieten Wildtieren neue Lebensräume auf Brachen, zum Beispiel das Ruhrgebiet.

Stillgelegtes Stahlwerk in Duisburg.

Industriebrachen entwickeln sich zu Biotopen

Tiere verändern sich

Das Leben in der Stadt unterscheidet sich vom Leben auf dem Land – und das hinterlässt Spuren. Die Tiere reagieren auf ihre Umgebung und verändern sich. Leben sie dicht neben dem Menschen, verlieren sie ihre natürliche Scheu. Für die zweite Generation ist eine Rückkehr in die Wildnis kaum mehr möglich.

Denn die Tiere kennen nur noch das Leben in der Stadt und würden in anderer Umgebung, neben ihren natürlichen Fressfeinden, nicht überleben. Es gibt Füchse, die es sich in Parkanlagen heimelig gemacht haben und ihr Revier nicht mehr verlassen. Würde man sie betäuben und in die Wildnis bringen, wären sie am nächsten Tag wieder an Ort und Stelle.

Auch Vögel verändern ihr Verhalten: Kohlmeisen und Nachtigallen singen in der Stadt lauter und schriller, wie Vogelkundler herausgefunden haben. Sie vermuten, dass die Tiere das tun, um über den Stadtlärm hinweg zu singen. Manche Rotkehlchen werden nachtaktiv, um den Kontakt mit Menschen zu vermeiden. Und Stare und Amseln zwitschern plötzlich Handymelodien.

Ob sich Stadttiere in Zukunft noch mit ihren Artgenossen in der Wildnis vermehren können, darüber sind sich Wissenschaftler nicht einig. Vogelkundler aber prognostizieren langfristig die Entstehung neuer Arten, die sich auf das Leben in der Stadt spezialisiert haben.

Tierische Einwanderer

In der Stadt leben nicht nur die Tiere, die vom Land gekommen sind. Immer wieder ist von ausgebüxten Exoten zu hören, die nicht aus unseren Breitengraden stammen. So machte im September 2010 ein ausgerissenes Känguru in Hamburg Schlagzeilen und bereitete der Polizei alle Mühe, es wieder einzufangen.

Es stellte sich heraus, dass der Besitzer auch ein zweites vermisste. Hätten die Beuteltiere eine Chance zu überleben? Die Geschichte erinnert sehr an die Verbreitung des Waschbären in Deutschland.

In den 1930er-Jahren lebten zwei Waschbärenpaare in Deutschland: Eines war am Edersee bei Kassel ausgesetzt worden, das andere war in Berlin ausgerissen. Heute, Jahrzehnte später, sind die eigentlich aus Nordamerika stammenden Tiere zu einer echten Plage geworden. Waschbären haben in Deutschland ihre Nischen gefunden und vermehren sich stark.

"Das ist ein Zeichen dafür, dass es ihnen bei uns gut geht und das Futterangebot hervorragend ist", sagt Derk Ehlert. "Wir können da wenig tun. Lediglich knappe Futterressourcen oder Krankheiten könnten den Bestand verkleinern."

(Erstveröffentlichung: 2011. Letzte Aktualisierung: 24.08.2017)

WDR

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