Der Mensch und die Gans

Landgänse werden in den Stall getrieben

Entenvögel

Der Mensch und die Gans

Von Harald Brenner und Tobias Aufmkolk

Forscher vermuten, dass Menschen schon vor Tausenden von Jahren in der Jungsteinzeit Gänse domestiziert haben. Genauso lange spielen sie in Religion, Aberglaube, Medizin und als Nahrungsmittel eine wichtige Rolle.
Aus dem alten Ägypten gibt es Belege, dass Graugänse gezähmt wurden und als weiße Hausgänse Nahrung von Priestern und Königen waren. Dabei hat der Mensch den evolutionären Prozess vom Wild- zum Haustier nach seinen Vorstellungen gesteuert – nicht unbedingt zum Vorteil der Gänse.

Die Gans in der Geschichte

Im alten Ägypten wurden Grau- und Blessgänse als Schoßtiere gehalten. Der Überlieferung nach hatten die Tiere aber auch kultische Bedeutung, wie zahlreiche Bilder in Grabstätten belegen.

Auch religiöse Deutungen aus dem Jahr 2300 vor Christus sind bekannt: So soll es am Anfang der Welt eine Insel im Urgewässer gegeben haben, auf der ein Ei lag. Daraus schlüpfte der Sonnengott und flog als Gans davon.

Schon früh beherrschten die Menschen in der Antike Verfahren, Gänseeier künstlich auszubrüten. Im Römischen Reich wurden dazu große Gänsefarmen eingerichtet.

Nicht nur das als Delikatesse geltende Fleisch war den Menschen wichtig, auch die Kunst verewigte die schnatternden Gesellen. Die Vögel erschienen auf Münzen und Vasen, geschnitzte und modellierte Gänseköpfe dienten als Verzierung von Schiffen und Musikinstrumenten.

Auch Wissenschaftler beschäftigten sich schon früh mit den Vögeln. Bereits Aristoteles kannte im 4. Jahrhundert vor Christus viele anatomische Details und zahlreiche Arten. Der römische Gelehrte Plinius der Ältere hat Anfang des 1. Jahrhunderts nach Christus die Flugformation der Tiere genau beschrieben.

Gänse in Flugformation

Schon Plinius der Ältere beschrieb vor 2000 Jahren die Flugformation

Dass Gänse die Stadt Rom 387 vor Christus vor der Zerstörung durch die Kelten gerettet haben sollen, weil sie laut schnatternd Alarm schlugen, gehört wohl eher in den Bereich der Legenden. Ihr Geschrei war allerdings schon für ihren teils schlechten Ruf verantwortlich, denn sie galten als geschwätzig.

In Kleinasien und Griechenland dagegen waren sie der Liebesgöttin Aphrodite geweiht. 500 nach Christus entdeckte man die Flügelfedern der Gänse als Schreibgerät. Bis ins 19. Jahrhundert war der Gänsekiel das gebräuchlichste Schreibinstrument.

Die Gans in Mythen und Märchen

Im Mittelalter galten die weit verbreiteten Haustiere als laut, aggressiv und dumm. "Gänse beschlagen" war damals ein Synonym für eine unnütze Handlung. So schickte man im Berner Jura Leute in den April, indem man sie zum Hufschmied beorderte, um dort eine Gans beschlagen zu lassen.

Gänse waren größtenteils Unglücksboten, manchmal aber auch Glücksbringer. Sie spielten eine wichtige Rolle bei Heiratsorakeln und Wettervorhersagen. In verschiedenen Sagen kommen Gänsefüße vor, die mit bösen Geistern und Dämonen in Verbindung gebracht werden. "Gänsefüßchen" heißen im Übrigen wohl nur deswegen so, weil die französische Form (»«) dem Abdruck eines Gänsefußes ähnelt.

Zeichnung aus dem Märchen "Hans im Glück", Hans ärgert eine davon rennende Gans mit einem Ast

Die Brüder Grimm verewigten die Gans im Märchen

Auch in zahlreichen Märchen sind Gänse als Protagonisten verewigt, so zum Beispiel im Grimm'schen Märchen "Hans im Glück".

Selbst die Geschichte der Martinsgans ist wohl als bloße Erfindung zu sehen. Der Legende nach soll sich der heilige Martin, als er zum Bischof gewählt wurde, in einem Gänsestall versteckt haben, weil er das Amt nicht annehmen wollte. Natürlich hat ihn das laute Geschnatter verraten.

Im Lauf der Zeit wurde der heilige Martin zum Schutzpatron der Gänse verklärt und so gibt es jedes Jahr zum Martinstag am 11. November die Martinsgans.

Die Gans als Nutztier

Fast jedem Teil der Gans hat man früher heilende Kräfte zugeschrieben. Manche Verirrung hat sich bis in die Neuzeit gehalten. Schon im 16. Jahrhundert beschreibt der Schweizer Gelehrte Conrad Gesner, wie nützlich Gänse sein können.

Gänseschmalz und Gänsefedern sind da noch nachvollziehbar. Gesner nennt aber auch Gänsekot als Heilmittel gegen Skorbut, Gelb- und Wassersucht. Selbst Gänsemist entfalte demnach ungeahnte Wirkungen: Geräuchert vertreibe er böse Geister und helfe gegen Schlafsucht und Verstopfung.

Realistischer sind dagegen die "Erfolge", die durch Zucht entstanden sind. Die Hausgans kann ein Gewicht von 15 Kilogramm erreichen und ist meist nicht richtig flugfähig. Mit der schlanken Graugans, von der sie abstammt und die nur drei bis vier Kilo wiegt, hat das nicht mehr viel zu tun.

Mehrere Hausgänse

Hausgänse wurden als Nutztiere gezüchtet

Wärmende Federn und Daunen für Betten und Jacken stehen an oberster Stelle. Die entdeckten schon die alten Germanen im 1. Jahrhundert nach Christus für sich. In Deutschland ist das Rupfen bei lebendigen Leib seit 1993 verboten, in anderen Ländern aber noch erlaubt – eine für die Tiere äußerst schmerzhafte Prozedur.

Nicht weniger brutal ist die Herstellung der Gänseleberpastete, die schon in der Antike als Delikatesse bekannt war. Dabei werden die Tiere mehrmals täglich zwangsernährt – auch als Stopfen bekannt. Dadurch vergrößert sich die Leber enorm. Statt der im Durchschnitt üblichen 100 Gramm erreicht das Organ einer gemästeten Gans stattliche 1000 Gramm.

In Deutschland ist diese Prozedur seit 1933 verboten. In Frankreich hingegen ist sie nach wie vor erlaubt. Die Gänsestopfleber wurde 2005 von der französischen Nationalversammlung zum nationalen und gastronomischen Kulturerbe erklärt. Die qualvolle Prozedur bleibt daher von den Tierschutzgesetzen ausgenommen.

Mann steckt Gans einen Schlauch in den Mund

Bei uns verboten, in anderen Ländern erlaubt: das Stopfen

Stand: 20.09.2019, 11:10

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