Raben in der Mythologie

Vom Götter- zum Galgenvogel 02:56 Min. Verfügbar bis 30.12.2099

Rabenvögel

Raben in der Mythologie

Von Harald Brenner

Das Verhältnis der Menschen zu Rabenvögeln ist zwiespältig. In vorchristlicher Zeit war ihr Image gut. In der Antike wurden sie oft als göttliche Vögel verehrt und man sagte ihnen magische Kräfte nach. Während die Tiere in der indianischen Kultur Nordwest-Amerikas auch heute noch hoch angesehen sind, änderte sich das in den abendländischen Kulturen mit dem Aufkommen des Christentums drastisch.

Göttliche Rabenvögel

Der germanische Gott Odin (Wotan), Gott der Weisheit und der Schlachten, konnte sich gelegentlich in einen Raben verwandeln. Außerdem führte er immer "Munin" und "Kunin" (Hugin) mit sich: zwei Raben, die er jeden Tag ausschickte, um zu erfahren, was in der Welt Wichtiges geschah.

Da Odin ihr höchster Gott war, verehrten die Germanen die Raben als heilige Göttervögel. Im Vorfeld einer Schlacht galten der Flug und das Verhalten der Tiere als Omen für den Ausgang der kriegerischen Auseinandersetzung. Ein Glaube, der auch schon bei den Babyloniern und im antiken Griechenland eine wichtige Rolle spielte.

Historienbild: Germanische Seherin mit einem Raben, der neben einem Totenkopf sitzt

Den Germanen waren Raben heilig

Im alten Rom befragten die Auguren – ein sechzehnköpfiges Gremium römischer Beamter – das Vogelorakel, um zu erfahren, ob ein geplantes Handeln den Göttern genehm sei.

Je nachdem, aus welcher Richtung ein Rabe einen von den Auguren abgegrenzten Bereich durchflog, bedeutete das Unheil oder Segen. Kam er von links, war es ein schlechtes Zeichen, von rechts bedeutete eine günstige Konstellation. Flog gar ein Paar in den "Augural-Bezirk", galt dies als besonders positiv.

Herrscher und Heerführer ließen sich von Rabenvögeln weissagen, ob sie mit ihrem Handeln in die Katastrophe steuerten oder nicht. Schon Aristoteles vermutete, dass die Vögel nicht nur über Instinkt, sondern auch über eine feine Intelligenz verfügten und ihr Handeln danach ausrichteten.

Galgenvögel

Das schlechte Image von Rabenvögeln rührt vor allem von ihrer Neigung, Aas zu fressen. Dabei unterscheiden sie naturgemäß nicht zwischen Mensch und Tier. Nach einer Schlacht mit vielen Toten war der Tisch natürlich reich gedeckt.

Auch war es nicht weiter verwunderlich, dass sie sich am Fleisch gehenkter Zeitgenossen gütlich taten, was ihnen das geflügelte Wort vom "Galgenvogel" eingetragen hat.

Mit dem Aufkommen des Christentums und dem Rückgang der Naturreligionen veränderte sich das Ansehen der Vögel stark. Das Auftauchen großer Schwärme galt bald als Vorbote von Tod, Unheil und Pestilenz.

Die Welt der Tiere wurde in zwei Gruppen eingeteilt: In die Kreaturen, die dem Menschen nützlich waren, und jene, die ihm schadeten. Schnell zählten Rabenvögel zu den Schädlingen.

Im Mittelalter galten sie als Begleiter von Hexen. Der Aberglaube war so stark, dass eine Frau schon als Hexe verteufelt wurde, wenn ihr eine Krähe zu nahe gekommen war. Noch schlimmer traf es die Elster, die gar selbst als verwandelte Hexe angesehen wurde. Zur Abwehr von Unheil wurde es Brauch, tote Elstern oder Krähen an die Haustür zu nageln.

Wahrsagerin blickt durch ihre Kristallkugel, neben ihr ein Rabe

Hexen werden oft mit Raben dargestellt

Rabenschwarzes Ansehen

Vieles, was den Rabenvögeln in unserer heutigen Kultur sprichwörtlich anhaftet, hält sich hartnäckig in der Volksmeinung. Die meisten dieser Eigenschaften sind jedoch angedichtet und entbehren jeglicher biologischen Grundlage.

Der Begriff "Rabeneltern" zum Beispiel fußt auf einer Vorstellung aus dem Altertum, Raben würden ihre Jungen verhungern lassen und sie sogar aus dem Nest werfen. Das Gegenteil ist der Fall. Rabeneltern sind besonders fürsorglich, sie füttern ihren Nachwuchs auch noch, wenn dieser längst flügge geworden ist.

Gerne sprechen wir von einem "rabenschwarzen Tag", wenn alles schiefgegangen ist. Dieser Gedanke rührt wohl noch aus der biblischen Legende, Raben hätten nur deshalb keine Farben in ihrem Gefieder, weil ihnen ein sündhaftes Wesen eigen sei, sie extrem unzuverlässig und deshalb vom Archenbauer Noah verflucht worden seien. Seither müssten sie zur Strafe Schwarz tragen.

Die Palette der Negativbilder reicht vom Kinderlied "Hoppe Hoppe Reiter" ("...fällt er in den Graben, fressen ihn die Raben") bis zum "Unglücksraben".

Ganz anders das Bild bei den nordwestamerikanischen Indianerstämmen. Dort genießen Raben bis heute hohes Ansehen und Prestige. Sie gelten als gottgleiche Gestalten, die den Lebensraum Erde für Mensch und Tier erschlossen hätten. Den übernatürlichen Kräften der Raben sei es zu verdanken, dass Berge, Flüsse und Seen ihren Platz gefunden hätten. Die Tiere sollen sogar Sonne, Mond und Sterne ans Firmament gehängt haben.

Stand: 29.05.2019, 15:30

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