Interview: Plastikmüll

Portraitaufnahme von Dr. Henning Wilts.

Verpackung

Interview: Plastikmüll

Von Barbara Garde

Die wachsenden Plastikmüll-Berge belasten unsere Gesellschaft. Das Kunststoffrecycling bleibt hinter den Erwartungen zurück. Die Mülldeponien platzen aus allen Nähten, Mikroplastik findet man zunehmend in der Umwelt, in Böden, Flüssen und dem Meer. Wie kann man die Flut bewältigen?

Dr. Henning Wilts vom Wuppertal Institut erforscht die Möglichkeiten der Kreislaufwirtschaft. Er fordert ein flächendeckendes Recycling und ein Umdenken bei der Müllvermeidung.

Planet Wissen: Mehr als acht Milliarden Tonnen Plastikmüll haben wir seit der Entwicklung des Kunststoffs hergestellt – und auch wieder weggeworfen, das meiste in den vergangenen 20 Jahren. Was ist damit passiert, Herr Wilts?

Henning Wilts: Der allergrößte Anteil ist ohne irgendeine Behandlung deponiert worden, ist im Meer gelandet oder wenn es gut gelaufen ist, auf irgendwelchen technisch regulierten Mülldeponien. Ein großer Anteil ist verbrannt worden und ein wirklich kleiner Anteil – weniger als zehn Prozent  ist bisher tatsächlich recycelt worden.

Sie sind Leiter der Abteilung Kreislaufwirtschaft im Wuppertal Institut. Wie sieht eine funktionierende Kreislaufwirtschaft für Sie aus? Warum funktioniert das Plastikrecycling mehr schlecht als recht?

Die Idee der Kreislaufwirtschaft ist, den Wert von Produkten am Ende der Lebensphase so gut wie möglich zu erhalten. Mir geht es nicht darum, zu recyceln, damit Plastikabfälle nicht verbrannt werden. Mir geht’s darum zu überlegen, wie man ein Produkt von Anfang an designen muss, damit man es am Ende tatsächlich recyceln kann, dass man es für den gleichen Zweck wiederverwenden kann.

Also: Wie kommen wir von der gebrauchten PET-Flasche zur neuen PET-Flasche? Und wenn das nach zehnmaligem Recycling vielleicht nicht mehr möglich ist, dann muss man sich überlegen: Wie könnte die nächste sinnvolle Nutzung aussehen. Es geht also um eine dauerhafte, hochwertige Verwendung des einmal produzierten Kunststoffes und nicht darum, irgendwelche Recycling-Quoten zu erfüllen.

Tüten voller Plastik.

39 Kilogramm Verpackungsplastik wirft jeder Deutsche pro Jahr weg – alles nur einmal benutzt

Warum funktioniert das Recycling immer noch nicht wirklich?

Plastik ist ein sehr differenzierter Stoff: Es gibt hunderttausende verschiedene, ganz spezifische Kombinationen unterschiedlicher Kunststoffe, die man zum Teil sehr gut recyceln kann, zum Teil aber in manchen Kombinationen auch nicht. Das wird bisher kaum berücksichtigt, wenn zum Beispiel eine Verpackung designt wird und auch nicht bedacht, wenn man Verpackungen am Ende wegwirft.

Eins meiner Lieblingsbeispiele ist die Verpackung von Käsescheiben: vier Scheiben separater Käse in einer vertieften PET-Schale. Darüber ist eine Folie aus bis zu zwölf verschiedenen, miteinander verbundenen Kunststoff-Folien, die dafür sorgen, dass der Käse nicht schwitzt, dass der auch das UV-Licht abkann, dass er lange hält, dass alles möglichst bequem ist für den Verbraucher.

Von Anfang an ist da klar: Die Kunststoff-Verpackung kann man nicht recyceln. Der Aufwand, diese vielen verschiedenen Folien wieder voneinander zu trennen, wäre höher als der Aufwand, den wir brauchen würden, um neuen Kunststoff zu produzieren. Selbst aus ökologischer Sicht würde ich da sagen, dass so eine Verpackung in die Müllverbrennung gehört. Das ist genau das Problem. Wir achten auf alles, aber nicht aufs Recycling.

Obst in Plastikpackungen.

Obst to go, appetitlich verpackt, aber mit enormem Plastikeinsatz

Welche Methoden haben wir heute, um Plastik zu recyceln?

Da gibt es mehrere Verfahren, in den letzten Jahren auch einige technische Innovationen: Wir haben zum einen das klassische, mechanische Recycling: Da werden Dinge geschreddert, gesäubert, eingeschmolzen und dann wieder zu Kunststoff verarbeitet.

Dabei muss man schauen, dass möglichst Kunststoffe gleicher Zusammensetzung zusammen recycelt werden, um wieder gebrauchsfähige, hochwertige, sortenreine Rezyklate zu erzielen. Aber das spart etwa die Hälfte an Energieaufwand und an CO2 ein – gegenüber der Herstellung von neuem Plastik. Das macht also aus ökologischer Sicht total viel Sinn.

Dann gibt es ganz komplexe Verfahren wie zum Beispiel das chemische Recycling. Kunststoff durchläuft den Prozess der Pyrolyse. Dabei wird aus dem Plastik wieder Öl gemacht, aus dem dann erneut Plastik hergestellt werden kann. Da muss man schon sehr genau hingucken: Wo lohnt sich das und wo lohnt sich das nicht.

Wenn wir die Dinge auf 800 Grad erhitzen, dann kann man sich vorstellen, dass das wirklich sehr viel Energieeinsatz erfordert. Viele Umweltverbände sind besorgt, dass dann am Ende zwar recycelt wird, aber die Natur davon letztendlich in der Gesamtbilanz eigentlich nicht profitiert.

Wie könnten wir die Recycling-Quoten erhöhen?

Ich glaube, wir müssen möglichst weit vorne anfangen. Wir sollten nur noch Plastikprodukte auf den Markt bringen, die wirklich recyclingfähig sind. Nur wenn es gar nicht geht, wenn die Verpackung beispielsweise sehr viel mehr Lebensmittelabfall verhindert, dann müssen wir auch mit dem daraus resultierenden Verpackungsabfall leben beziehungsweise klarkommen.

Und das andere ist: Wir müssen viel mehr Wiederverwendbares gestalten. Wir müssen Systeme entwickeln, bei dem man eine Verpackung möglichst häufig verwenden kann. Dazu gehört nicht nur das Grunddesign, die Zusammensetzung der Plastikprodukte, dazu gehört auch die Logistik nach dem Einsatz: Man muss sich überlegen, wie kommt eine Verpackung von a nach b und wieder zurück, wie wird sie gesäubert…

Das erfordert viel mehr Absprachen – zwischen Anbietern beziehungsweise Nutzern der Verpackungen und auch zwischen den verschiedenen Herstellern. Da sind die Unternehmen gefragt. Wir haben ja schon gut funktionierende Mehrweg-Systeme, zum Beispiel bei den Bierflaschen. Aber auch da haben wir den traurigen Trend, dass der Mehrweganteil sinkt, nur weil die Hersteller immer mehr in ihre Flaschen ihr eigenes Logo reinmodelliert haben wollen. Es kann nicht sein, dass wir deswegen wertvolle ökologische Potenziale verschwenden.

Was könnten Politiker tun, um die Plastikflut einzudämmen?

Ich hätte gern neben den verbindlichen Recyclingquoten, die wir jetzt schon haben, eine verbindliche Erweiterung der Richtlinien: Jeder, der eine Verpackung auf den Markt bringt, sollte nachweisen müssen – so das technisch möglich ist – dass er da einen ausreichenden Anteil recycelter Kunststoffe bei der Herstellung verwendet hat.

Ich glaube, das wird viele Anreize für neue Innnovationen setzen, nicht nur besser zu sammeln, vor allem besser zu recyceln, auch bessere Recycling-Produkte auf den Markt zu bringen.

Das Zweite ist: Ich wünsche mir verbindliche Mehrwegquoten. Von den im Gesetz festgelegten 70 Prozent bei Getränkeverpackungen erreichen wir gerade mal 40 Prozent, und es passiert nichts. Das darf nicht sein. Das muss stärker kontrolliert werden.

Mich treibt dabei auch die Rolle der Deutschen um: Ich merke, dass ganz viele Länder bei diesem Verpackungsthema auf Deutschland gucken, weil wir vor 30 Jahren die ersten waren mit Dosenpfand und mit erweiterter Hersteller-Verantwortung. Wenn so ein reiches Land wie Deutschland das nicht hinkriegt, sagen viele Länder weltweit, dann brauchen wir damit gar nicht erst anzufangen.

Deswegen glaube ich, dass wir eine besondere Verantwortung haben. Wir haben mit Recyclingsystemen in den letzten Jahren extrem viel Geld verdient, wir exportieren viel Verpackungen, dann müssen wir auch weltweit demonstrieren, dass es auch mit weniger Abfall und mehr Recycling geht.

5 bunte To-Go-Becher auf einem Tisch

Der eigene To-Go-Becher hilft Plastikmüll zu vermeiden

Und wir Verbraucher, was müsste sich bei uns ändern?

Wir müssen uns fragen, ob unsere Bequemlichkeit, ständig alles "to go" essen zu können oder die Dinge ewig haltbar zu haben, die damit zusammenhängenden, permanent anwachsenden Mengen an Verpackungen, rechtfertigen können. Da dürfen wir uns nicht rausziehen. Am Ende verkaufen die Unternehmer auch nur die Verpackungen, die wir Verbraucher:innen ihnen auch abnehmen.

Da ist jeder für sich gefragt, und ich muss mir da auch an die eigene Nase packen: Ich reise viel und dann ist man schnell dabei, irgendwelche in Plastikschalen verpackten Salate zu kaufen. Das muss nicht sein. Ein bisschen mehr Bewusstsein, ein bisschen mehr nachdenken und planen kann helfen, riesige Mengen an Abfall zu vermeiden.

Der beste Müll ist der, der gar nicht erst gemacht wird. Essen in Mehrweg-Behältern zu kaufen oder zu transportieren, ist durchaus möglich.

SWR | Stand: 02.12.2021, 17:00

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