Interview mit Prof. Gerald Hüther
Planet Wissen (PW): Prof. Hüther, bei Ihren Forschungen beschäftigen Sie sich sehr intensiv mit der Entwicklung des menschlichen Gehirns bei Kindern. Was unterscheidet die kindliche Entwicklung des Gehirns von der des Erwachsenen?
Gerald Hüther (G.H.): Während der frühen Phasen der Hirnentwicklung wird zunächst ein riesiges Überangebot an Fortsätzen, an Vernetzungen und Kontakten zwischen den Nervenzellen bereitgestellt. Es gibt vor allem in der Hirnrinde noch keine festgelegten Verschaltungsmuster, alles ist noch offen, deshalb können Kinder noch alles lernen. Und das tun sie ja auch. Aber in China geht es eben anders zu als in Deutschland oder im tropischen Regenwald oder am Polarkreis. So machen die in eine bestimmte Familie, in eine bestimmte Kultur hineinwachsenden Kinder ihre jeweils unterschiedlichen Erfahrungen. Diejenigen Verschaltungsmuster im Gehirn, die sie dabei immer wieder aktivieren, werden gebahnt und stabilisiert und bleiben als "innere Repräsentanzen" erhalten. Der Rest von diesem großen, anfangs bereitgestellten Überangebot an Vernetzungsoptionen verkümmert wieder.
Das Gehirn von Erwachsenen, die irgendwo auf der Welt aufgewachsen sind, ist also immer nur eine Kümmerversion dessen, was daraus (auch noch) hätte werden können. Das ist aber nicht so schlimm, weil auch dieses erwachsene Gehirn noch zeitlebens veränderbar, umbaufähig ist. Und zwar immer dann, wenn es anders als bisher benutzt wird. Aber eine neue Erfahrung, zum Beispiel Klavier spielen, Jonglieren, Chinesisch lernen, mit Kindern spielen, wird nur dann nachhaltig im Gehirn in Form bestimmter Netzwerkstrukturen verankert, wenn sie mit einer Aktivierung der emotionalen Zentren im Gehirn einhergeht. Dann werden vermehrt neuroplastische Botenstoffe wie Dopamin und Endorphine ausgeschüttet. Und die tragen dazu bei, dass die neue Erfahrung und die dabei aktivierten Verschaltungen gebahnt und gefestigt werden. Das schönste Gefühl, das man bei einer neuen Erfahrung haben kann und was am besten geeignet ist, diese Erfahrung im Gehirn zu verankern, heißt Begeisterung. Solange sich Menschen noch für etwas Neues begeistern können, verändert sich ihr Gehirn auch dann noch, wenn sie steinalt geworden sind.
PW: Die Eindrücke, die wir bekommen, Bilder und Gefühle speichern wir zum Teil ganz unterschiedlich ab. Wie arbeitet unser Gehirn, dass manche Erinnerungen schnell verfliegen und andere auch nach vielen Jahren sehr deutlich bleiben?
G.H.: Man kann ja mit dem Gehirn gar nichts wirklich Neues lernen. Jede neue Erfahrung, jede neue Sinneswahrnehmung, jede Vokabel einer Fremdsprache muss an etwas anknüpfbar sein, also mit etwas assoziierbar sein, das schon da ist, dass man vorher schon gelernt und im Gehirn verankert hat.
Jeder Mensch hat also immer schon bestimmte Vorerfahrungen, und daraus entstehen dann bestimmte Erwartungen, Hoffnungen und Wünsche. Je nachdem, wie dieses Bedürfnis oder die Erwartung erfüllt oder enttäuscht wird, entsteht auch ein Gefühl – gut oder schlecht. Im Gehirn wird die Erfahrung, die wir machen, mit dem entsprechenden Gefühl gekoppelt, das wir in dieser Situation empfinden. Diese Kopplung ist um so stärker, je stärker dieses Gefühl ist. Alles, was uns tief genug "unter die Haut" geht, ist also stärker im Gehirn und Gedächtnis verankert.
PW: Das heißt also: Was uns emotional nicht berührt, bekommen wir nicht in den Kopf. Ist das vielleicht der Grund, warum vielen Kindern das Lernen in der Schule so schwerfällt?
G.H.: Viele Schulen haben immer noch eine Unterrichtsmethodik, die aus dem vorherigen Jahrhundert stammt. Lehrer verstehen sich nicht immer als das, was sie sein sollten, also als Erwachsene, die über viel Wissen verfügen und die in der Lage sind, Kinder einzuladen, sie zu ermutigen und sie zu inspirieren, sich Wissen anzueignen. Wir wissen aus der neurobiologischen Forschung, dass das Auswendiglernen von Sachverhalten keine bleibenden Spuren im Hirn hinterlässt. Jeder, der einmal versucht hat, Telefonbücher auswendig zu lernen, weiß das. Das ist genauso schnell wieder weg, wie man es eingespeichert hat. Tief verankert wird neues Wissen dann, wenn es anknüpfbar an bereits vorhandenes Wissen ist. Das ist die Voraussetzung, dass man überhaupt was lernen kann. Gleichzeitig müssen die emotionalen Zentren aktiviert werden. Das bedeutet, wir müssen es in der Schule schaffen, dass Unterrichtsstoff unter die Haut geht. Die Angebote von Entdeckungs- und Gestaltungsmöglichkeiten an Schulen müssen den Kindern und Jugendlichen Möglichkeiten bieten, neue Erfahrungen zu sammeln. Neue Erfahrungen werden im Gehirn, wie gerade erwähnt, immer an die dabei stattgefundenen und aktivierten Gefühle gekoppelt. So ist es natürlich eine Katastrophe, wenn man Lernerfahrungen mit negativen Gefühlen koppelt, weil dann zeitlebens bei der Erinnerung an Schule im Allgemeinen oder an das spezielle Fach die alten negativen Gefühle wieder wach werden. Wenn man also Schule optimal gestalten will, müssten die dort stattfindenden Bildungsprozesse mit einer Aktivierung emotionaler Zentren einhergehen, die positive Gefühle hinterlassen. Das Wort, was wir dafür verwenden müssen, heißt Begeisterung.
PW: Kinder werden in der Schule zu oft nur mit Infos gefüttert – wie ein Roboter, dem man Input gibt – aber emotional nicht berührt. Ist dies das Hauptproblem unseres Schulsystems?
G.H.: Es ist sogar noch schlimmer. Wir schaffen dort eine Situation, in der wir die Schüler zwingen sich Wissen anzueignen, von dem sie oftmals gar nicht wissen, wozu sie es brauchen. Dann merken sie sich das bis zur nächsten Prüfungssituation. Dort bekommen sie eine Zensur und anschließend wird dieses Wissen gewissermaßen wieder aus dem Kopf gelöscht. Das ist vergleichbar mit der Erkrankung Bulimie, die wir kennen. Wissen wird in ähnlicher Weise in sich hineingefressen und anschließend wieder ausgespuckt. Das kann auf Dauer nicht der Sinn von Schule sein.
PW: Ausgehend von diesem Stand der Forschung und des Wissens, müsste man da unser Schulsystem nicht ganz gehörig umkrempeln?
G.H.: Jeder weiß, dass wir mit diesem Schulsystem, was wir im Augenblick haben, weltweit hinter vielem herhinken. Das zeigen nicht nur die Studien bei Pisa, sondern das zeigt ja auch die Tatsache, dass es uns nicht mal gelingt, Kinder, die aus anderen Herkunftsfamilien kommen als dem sogenannten Bildungsbürgertum, in diese Schulen hinreichend gut einzuladen, sie so gut zu ermutigen und sie so zu inspirieren, dass sie auch dort zu Höchstleistungen kommen. In anderen Ländern ist das überhaupt kein Problem.
PW: Nun ist Schule ja nicht der einzige Ort, an dem Kinder lernen und Potenziale entfalten. Sie tun das ja genaugenommen jeden Moment. Was brauchen Kinder, um ihr Gehirn und ihre Gefühlswelt gut zu entfalten?
G.H.: Das hübscheste deutsche Wort, was wir dafür haben, heißt Abenteuer. Das heißt, Kinder brauchen Aufgaben, an denen sie wachsen können. Sie brauchen Möglichkeiten, diese ihnen angeborene Entdeckerfreude und Neugier unter der kompetenten Begleitung von Erwachsenen, die mehr wissen als sie, auszuleben und weiter auszubauen. Um diese Bildungsprozesse gelingen zu lassen, dürfen Kinder auf keinen Fall ihre Entdeckerfreude und Neugier nach einigen Jahren in der Schule verlieren. Bei uns passiert das meistens in der vierten oder fünften Klasse, dass diese Eigenschaften nicht mehr wiederzufinden sind. Oft flüchtet sich diese Entdeckerfreude auch in andere Bereiche hin, die mit Schule nichts zu tun haben. Der beliebteste Bereich, in dem sich Kinder heute Aufgaben suchen, an denen sie wachsen können, sind die modernen Medien.
PW: Das Bild von Kindern, die zusammen durch Feld, Wald und Wiesen streunen, die Welt entdecken und ihre kleinen Abenteuer erleben, scheint heute leider geradezu antiquiert. Ist eine optimale Entwicklung dadurch gefährdet oder nur einfach anders geworden?
G.H.: Wir sind ja nach wie vor noch lebendige Lebewesen, auch wenn wir uns sehr von der Natur emanzipiert haben. Das heißt, Kinder entwickeln sich nach wie vor nach den gleichen Gesetzmäßigkeiten, nach denen sie sich auch schon vor 100.000 Jahren entwickelt haben. Dabei heißt die erste wichtige Grundregel, dass die entscheidenden neuronalen Verschaltungsmuster im Gehirn nicht dadurch angelegt werden, dass man dem Kind bereits im Kindergarten Wissen beibringt oder gar Englischunterricht gibt, sondern, dass diese Kinder erst mal ihren eigenen Körper kennenlernen. Sie müssen also lernen, dass es möglich ist, den eigenen Körper zu lenken und zu steuern. Das ist der erste wichtige Baustein auf dem Weg zur Entwicklung eines sogenannten Selbstwirksamkeitskonzeptes. Eine weitere Aufgabe besteht darin, das, was aus dem Körper kommt und zum Gehirn signalisiert wird, in Form von Gefühlen, zu regulieren. Das heißt, diese sogenannte Selbstregulation oder Affektkontrolle ist die zweite wichtige Aufgabe, die Kinder zu bewältigen haben, sonst werden sie im Laufe ihres Lebens den Kontakt zum eigenen Körper verlieren und deswegen über kurz oder lang krank werden. Oder die Kinder werden nicht in der Lage sein, mit ihren eigenen Gefühlen umgehen zu lernen und brauchen deswegen ständig diese Geräte, mit deren Hilfe man auch Affektkontrolle machen kann oder aber irgendwelche Tabletten. Das halte ich nicht für eine sehr attraktive Zukunftsperspektive. Mit anderen Worten: Wir sind im Augenblick auf einem falschen Weg.
PW: Es liegt also an uns Erwachsenen, dass wir uns von den Medien ein Stück weit lösen und versuchen, unsere Kinder etwas natürlicher groß werden lassen?
G.H.: In einer virtuellen Welt kann sich kein Kind die Kompetenzen aneignen, die es in der realen Welt braucht.
PW: So ganz kann man sich ja dieser Technik, von der wir umgeben sind, gar nicht entziehen. Was kann ich denn als Erwachsener, als Mutter oder Vater tun, um mein Kind wirklich auf diesen richtigen Weg zu führen?
G.H.: Es ist ja so, dass diese modernen Medien wunderbare Werkzeuge sind, aber die soll man natürlich auch nur als solche einsetzen und zwar, um damit ein Werk zu vollbringen. Sie sollten nicht als Instrumente eingesetzt werden, um seine Gefühle zu kontrollieren. Das wäre nämlich der Bereich Affektregulation, in dem man mithilfe der modernen Medien seinen Frust, seine Wut, seinen Ärger, vielleicht auch seine Langeweile, vor diesen Medien abarbeitet. Dann wird man zwangsläufig von diesen Medien abhängig. Das bedeutet natürlich auch, dass man selbst keine Möglichkeit hat, seine eigenen Gefühle zu steuern, weil man diese Aufgabe diesen Medien übergibt. Das ist sehr problematisch.
Wenn Erwachsene ihre Kinder auf den richtigen Weg führen wollen, sollten sie sich zunächst einmal darüber klar werden, ob sie nicht unter Umständen selbst diese Medien zur Affektregulation benutzen. Das wäre schon mal ziemlich schlecht. Denn dann müssten sie erst mal versuchen, diese Einstellung zu verändern.
Zweitens können Erwachsene an ihre Kinder nur das weitergeben, was sie selbst haben. Das heißt auf der Ebene der emotionalen Grundhaltungen: Begeisterung kann man nur weitergeben, wenn man begeistert ist, Mut kann man Kindern nur machen, wenn man selbst mutig ist. Inspirieren kann man Kinder nur, wenn man selbst inspiriert ist.
Es gibt ja dieses Sprichwort: "Der Apfel fällt nicht weit vom Stamm." Das betrifft weniger das in einer Familie erworbene Wissen als die in einer Familie weitergegebenen Haltungen. Wenn die Eltern nur vor dem Fernseher sitzen, gibt es für das Kind keinen Grund, zu einem Weltentdecker zu werden.
PW: Woran können Eltern merken, dass ihre Kinder "mehr Futter" für ihr wachsendes Gehirn brauchen?
G.H.: Dazu muss man sein eigenes Kind genau anschauen. Kinder geben die entsprechenden Signale. Das ist zumindest so, wenn die Kinder noch sehr klein sind. Wenn man als Eltern lernt, sein Kind genau zu beobachten, wird man sehen, was es gerade für Netzwerke stricken will. Sprich, welche Bereiche besonders blühen und wo so viele Verschaltungen bereitgestellt werden, dass da jetzt Futter rein muss. Es gibt diesen Zeitpunkt, an dem ein Kind plötzlich anfängt, sich mit Sprache zu befassen oder an dem es auf einmal laufen lernen will oder an dem es plötzlich anfängt, mit der Feinmotorik zu arbeiten. Da hat man den Kindern früher die Strickliesel gegeben, ein wunderbares Instrument, um Feinmotorik zu lernen. Diese Entwicklungsphasen, in die das Kind reingeht, sind nicht aus Lehrbüchern zu entnehmen. Man muss in der Lage sein, sie zu erkennen. Und das kann man wiederum nur, wenn man es nicht mit einer Brille eigener Vorurteile und Erwartungen anschaut.
PW: Das heißt, ich muss annehmen, was das Kind mir anbietet?
G.H.: Sie müssen das Kind so sehen, wie es ist und dann können Sie plötzlich beobachten, was das Kind Ihnen anbietet. Wenn Sie aber das Kind immer unter dem Gesichtspunkt anschauen, dass es noch nicht so richtig ist, wie es nun gerade ist, dann sehen Sie nicht, was es Ihnen an Signalen sendet und was es eigentlich gerne als Futter für sein Gehirn hätte. Dann sehen Sie immer nur Ihre eigenen Befürchtungen und Ängste, dass irgendwas nicht so wird, wie es nach Ihrer Vorstellung zu sein hätte.
PW: Wie hat Ihre Arbeit als Emotions- und Hirnforscher den Umgang mit Ihren eigenen Kindern geprägt?
G.H.: Das ist sehr schwierig, denn das sind zwei verschiedene Bereiche. Wenn man in so einem Sektor sehr viel Wissen erwirbt, heißt das noch lange nicht, dass man es in seinem eigenen Bereich auch anwenden kann. Natürlich haben meine Frau und ich, wie alle anderen Eltern auch, unsere Fehler gemacht.
Und ich habe meine entscheidenden Erfahrungen, wie man Kinder erziehen müsste, aus eben diesen Fehlern gezogen. Das einzige, was uns vielleicht aufgrund meiner Profession etwas geholfen hat, war die Tatsache, dass wir etwas schneller bereit waren, uns diese Fehler einzugestehen. Man hat doch etwas feiner hingeschaut, was man da treibt und seine, sagen wir, eigene Unfähigkeit etwas früher korrigiert.
Interview: Andrea Wengel, Stand vom 16.06.2009







