Flüchtlinge

Menschenrechte

Flüchtlinge

Flucht und Vertreibung gibt es, seitdem es Menschen gibt. Ob Kriege oder Missernten, Verfolgung oder wirtschaftliche Not, Umweltkatastrophen oder fehlende Lebensperspektiven – die Gründe, warum Menschen ihre Heimat verlassen, sind vielfältig. Und obwohl besonders seit den Erfahrungen der Weltkriege im 20. Jahrhundert Flüchtlingshilfe auf vielen Ebenen stattfindet, besteht das Problem weiterhin. Und das wird sich auch nicht so schnell ändern.

Zwei Kinder in einem irakischen Flüchtlingscamp.

Viele Flüchtlinge sind Vertriebene im eigenen Land - wie hier im Irak

Von biblischen Zeiten bis zum Römischen Reich

Schon in der vorchristlichen Bronze- und Eisenzeit gab es zwischen verschiedenen Stämmen Auseinandersetzungen um Jagdreviere, Siedlungsorte und Frauen als Fortpflanzungspartner. Die Überlebenden des unterlegenen Stammes mussten danach ihre Heimat verlassen und sich an anderer Stelle niederlassen.

Handkolorierter Holzschnitt aus dem 19. Jahrhundert, der Moses zeigt, wie er das Volk Israel aus Ägypten führt.

Biblische Flüchtlinge: Moses und das Volk Israel

Auch in der Bibel spielen Unterdrückung und Flucht eine tragende Rolle. So wird Moses von Gott auserkoren, das Volk Israel von seinem Sklavendasein in Ägypten zu befreien und führt sein Volk ins gelobte Land nach Kanaan. Viele Historiker vertreten die Ansicht, dass der Auszug aus Ägypten im Alten Testament auf wahren historischen Begebenheiten im 13. Jahrhundert vor Christus beruht.

In der Antike und zur Römerzeit wurden viele Volksgruppen wegen ihres Glaubens und ihrer Kultur vertrieben. Auch das Ende des Römischen Reichs und der Beginn des Mittelalters stehen in engem Zusammenhang mit massenhaften Flüchtlingsbewegungen, oft unter dem eher verharmlosenden Begriff "Völkerwanderung" zusammengefasst.

Auf der Flucht vor den Hunnen, einem aus Zentralasien anrückenden Reitervolk, machten sich viele germanische Stämme auf den Weg nach Westen. Sie baten darum, sich im Römischen Reich niederlassen zu dürfen, was ihnen 376 nach Christus gewährt wurde.

Doch die Integration gelang nicht, es kam zu Aufständen. Immer neue Volksstämme zogen in den folgenden Jahrzehnten aus Norden und Osten ins Römische Reich, wo sie sich ein wirtschaftlich und politisch besseres Leben erhofften. Als Folge der vielfältigen, zum Teil mit Gewalt erzwungenen Völkerbewegungen, zerfiel Rom in viele kleinere Reiche, in denen der Grundstein für das heutige Europa gelegt wurde.

Globalisierte Flüchtlingsbewegungen im 20. Jahrhundert

Eine Gruppe von Flüchtlingen zieht 1944 ihre Habseligkeiten auf Leiterwagen durch eine zerstörte Ortschaft in Ostpreußen.

Millionen Menschen verloren im Zweiten Weltkrieg ihre Heimat

In den folgenden Jahrhunderten waren es immer wieder Kriege aufgrund von Territorialinteressen, religiöser oder rassistischer Ansichten, die zu Flucht und Vertreibung führten. Wie zum Beispiel der Dreißigjährige Krieg oder im 20. Jahrhundert die beiden Weltkriege, die zur Folge hatten, dass Millionen Menschen ihre Heimat verloren.

Doch auch Missernten waren Ursachen für Fluchtbewegungen. So machten sich Mitte des 19. Jahrhunderts knapp zwei Millionen Iren auf den Weg nach Amerika, Australien und Großbritannien, um der nach mehreren Kartoffelmissernten in Irland grassierenden Hungersnot zu entgehen.

Seit Ende des 20. Jahrhunderts haben sich die Flüchtlingsbewegungen globalisiert. Zwar bilden kriegerische Konflikte weiterhin oftmals die Ursache, doch zunehmend spielen auch andere Gründe eine Rolle, warum Menschen ihre Heimat verlassen: Armut, Hunger, Umweltkatastrophen und fehlende Lebensperspektiven. Auch Eingriffe in die Natur wie zum Beispiel Flussbegradigungen oder Staudämme ziehen immer wieder Flucht nach sich.

Die westlichen Industrienationen verheißen zurzeit am meisten Sicherheit und Wohlstand und sind somit zum Ziel von Millionen Flüchtlingen aus armen und konfliktbeladenen Regionen, vor allem aus Afrika und Asien, geworden. Besonders die USA sowie die Staaten der Europäischen Union sind beliebte Ziele.

Die Flüchtlinge nehmen dafür große Strapazen und hohe finanzielle Belastungen in Kauf und riskieren nicht selten - etwa bei der Überfahrt von Nordafrika durch das Mittelmeer - ihr Leben. Und selbst wenn ihnen die Einreise gelingt, kommt es oft vor, dass sie nicht als asylsuchende Flüchtlinge anerkannt und zurück in ihre Heimat abgeschoben werden.

Definitionen: Flüchtlinge, Asylsuchende, Migranten

Flüchtlinge aus Myanmar warten in einem provisorischen Krankenhaus auf einen Arzt.

In Myanmar wird die Karen-Volksgruppe vom Staat verfolgt

Die Genfer Flüchtlingskonvention hat 1951 im Auftrag der Vereinten Nationen genau definiert, wer als Flüchtling gilt, um den Betroffenen einen rechtlichen Schutzrahmen anzubieten. Ein Flüchtling ist laut Definition eine Person, die sich außerhalb ihres Heimatstaates aufhält, da ihr dort aufgrund ihrer Rasse, Religion, Nationalität, politischen Überzeugung oder Zugehörigkeit zu einer bestimmten sozialen Gruppe Verfolgung droht.

Die Staaten, die der Flüchtlingskonvention beigetreten sind, sichern Flüchtlingen eine Grundversorgung zu. Zudem wird ihnen Religionsfreiheit zugesichert, sie können ordentliche Gerichte anrufen, ihnen wird ein Reisedokument ausgestellt und sie sollen vor Diskriminierung geschützt werden. Außerdem darf ein Flüchtling nicht in ein Land zurückgeschickt werden, in dem ihm Verfolgung droht.

Dabei wenden die Länder verschiedene Regelungen an. Das deutsche Asylrecht erkennt Bewerber nicht an, wenn sie über einen sogenannten "sicheren Drittstaat" eingereist sind. Auch muss die Verfolgung zielgerichtet und aufgrund der persönlichen Merkmale des Bewerbers erfolgen; allgemeine Notsituationen im Heimatland werden nicht anerkannt.

Nicht unter die Genfer Flüchtlingskonvention fallen Migranten: Menschen, die aus wirtschaftlichen Gründen ihr Heimatland verlassen oder vor Umweltkatastrophen, Kriegen oder Hunger fliehen. Die Aufnahmen von Migranten regelt jedes Land individuell, es gibt keine verbindlichen Richtlinien wie bei Flüchtlingen, obwohl beide Gruppen oft die gleichen Wege gehen.

In Deutschland wurden in den 1950er und 1960er Jahren gezielt Gastarbeiter aus Italien, der Türkei und Griechenland angeworben, um den Bedarf an Arbeitskräften zu decken. Als sich dann in den 1970er Jahren die wirtschaftliche Lage verschlechterte, wurden strengere Regelungen erlassen.

Hilfe von Staatengemeinschaften, Ländern, privaten Organisationen

Eine Flagge weht über dem Hauptquartier des Internationalen Roten Kreuzes in Genf.

Das Rote Kreuz kümmert sich weltweit um Flüchtlinge

Die Hilfsangebote für Flüchtlinge sind auf verschiedenen Ebenen organisiert. So wurde 1951 das Flüchtlingswerk der Vereinten Nationen gegründet (UNHCR), das sich für die Rechte der Flüchtlinge und die Einhaltung der Genfer Konvention einsetzt und in Krisengebieten Vor-Ort-Hilfe leistet.

Die Europäische Union (EU) hat 1992 eine Generaldirektion für humanitäre Hilfe eingerichtet und ist in nahezu allen Krisenregionen der Welt aktiv. Zudem ist die EU einer der größten Geber öffentlicher Entwicklungshilfe. Programme zur Wirtschaftsförderung, Gesundheitsverbesserung und Armutsbekämpfung sollen dazu beitragen, Gründe für eine mögliche Flucht zu reduzieren.

Auch einzelne Staaten leisten in Form von Notprogrammen und bilateralen Vereinbarungen mit Partnerländern Hilfe zur wirtschaftlichen Entwicklung. Zudem wird auf staatlicher Ebene in Form der Asylgesetzgebung der Umgang mit Flüchtlingen geregelt. So bekommt ein Asylberechtigter in Deutschland eine auf vorerst drei Jahre befristete Aufenthaltsgenehmigung sowie unter bestimmten Bedingungen Anspruch auf Sozialleistungen.

Das Bundesamt für Migration und Flüchtlinge leistet Flüchtlingen, die in Deutschland bleiben wollen, Hilfe bei der Integration, zum Beispiel durch Sprachkurse und Rechtsberatung.

Außerdem engagieren sich viele Nichtregierungsorganisationen (NGOs) in der Flüchtlingshilfe. Organisationen und Vereine wie Rotes Kreuz, Roter Halbmond, Ärzte ohne Grenzen, terre des hommes oder Cap Anamur, die sich dem Gemeinnutz verpflichtet haben, leisten Hilfe in Notsituationen und versorgen Flüchtlinge vor Ort. Aufgrund ihrer schlanken Strukturen und teilweise kurzen Entscheidungswege sind NGOs oft flexibler und somit zu schnellerer Hilfe in der Lage als staatliche Stellen.

60 Millionen Menschen auf der Flucht

Eine Frau steht in einem sudanesischen Flüchtlingslager vor Strohhütten, die mit Plastikplanen abgedeckt sind.

Im Sudan leben Millionen Flüchtlinge in Lagern

Trotz der wachsenden Hilfsangebote von verschiedenen Seiten hat sich die Lage für Flüchtlinge im neuen Jahrtausend nicht verbessert. Laut einem Bericht der Vereinten Nationen waren Mitte 2015 weltweit zirka 60 Millionen Menschen auf der Flucht

Während die Zahl der offiziell anerkannten Flüchtlinge seit 1999 tendenziell unverändert bleibt, ist die Zahl der sogenannten Binnenflüchtlinge, die innerhalb ihres Heimatlandes zur Flucht gezwungen werden, stark angestiegen. Binnenflüchtlinge machen mit 34 Millionen inzwischen den größten Anteil der Menschen aus, die ihre Heimat verloren haben.

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 08.07.2016, 13:00

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