Glaube und Wissen - Die Scholastik

Gemälde von Aristoteles

Leben im Mittelalter

Glaube und Wissen - Die Scholastik

Häufig beklagten die Gelehrten in späteren Jahrhunderten, das Mittelalter habe Kultur und Philosophie der Antike ignoriert. Doch dieser Vorwurf stimmt nicht, im Gegenteil: Während des 12. und 13. Jahrhunderts hielten die Lehren des Aristoteles Einzug in Europa und beeinflussten Theologen wie Albertus Magnus und Thomas von Aquin. Diese beiden Dominikanermönche waren es auch, die der philosophischen Richtung der Scholastik zur Blüte verhalfen und sie zu einer der bestimmenden Denkschulen des Mittelalters machten.

Der Glaube bekommt Konkurrenz

Sowohl im geistigen als auch im politischen Leben war die Kirche im Mittelalter eine äußerst einflussreiche Kraft. Bischöfe waren nicht nur mächtige Fürsten mit Landbesitz und Untergebenen, sondern berieten bisweilen sogar Könige und Kaiser. Der Papst selbst krönte über viele Jahrhunderte den Kaiser des Heiligen Römischen Reiches und herrschte über den Kirchenstaat in Mittelitalien. So ist es kein Wunder, dass Kirche und Glaube das gesamte mittelalterliche Leben und vor allem auch das Denken prägten.

Doch im Hoch- und besonders im Spätmittelalter erwuchs dem Glauben ein starker Konkurrent: die Wissenschaft. In einer komplexer werdenden Welt wollten die Menschen immer dringender wissen, welche Regeln und Zusammenhänge sich hinter den Erscheinungen der Natur verbargen - der Verweis auf die göttliche Schöpfung genügte vielen nicht mehr.

Kupferstich: Die Erde im Mittelpunkt eines Planetensystems.

Auch das Interesse an antiker Astronomie nahm zu

Ein wichtiger Impuls für das Erblühen des wissenschaftlichen Interesses kam aus dem Osten. Spätantike Schriften über Astronomie, Geografie oder Geometrie wurden neu übersetzt und damit der westlichen Welt zugänglich gemacht. Auch den Philosophen des alten Griechenlands wurde in Europa nun mehr Aufmerksamkeit geschenkt. Einen besonders wertvollen Dienst erwies der arabische Gelehrte Averroës (1126 bis 1198) der europäischen Geisteswelt: Er kommentierte fast das gesamte Werk des Philosophen Aristoteles und legte damit einen der Grundsteine für die Lehren der Scholastik.

Aristoteles trifft Albert den Deutschen

Statue des Albertus Magnus vor der Universität Köln.

Albertus-Statue vor der Universität Köln

Auch die mächtige Kirche konnte die vorwärts drängende Wissenschaft nicht vollständig ignorieren. Zwar wurde das Studium der aristotelischen Schriften an Dom- und Klosterschulen zeitweilig verboten, weil es nicht zur üblichen Ausbildung des geistlichen Nachwuchses gehörte. Doch aus den kirchlichen Reihen gab es zunehmend Versuche, die heidnischen Philosophen der Antike mit der Lehre von Gott zu verknüpfen. Albertus Magnus (um 1200 bis 1280) war einer derjenigen, denen diese Verknüpfung gelang.

Der Dominikanermönch, der seinen Zeitgenossen als Albert der Deutsche bekannt war, gilt heute als einer der bedeutendsten Vertreter der Scholastik. Albertus kommentierte die Werke Aristoteles' und versuchte sie mit der christlichen Lehre in Einklang zu bringen. Es ging ihm nicht darum, den Glauben durch Wissenschaft zu ersetzen, sondern beide miteinander zu verknüpfen. Auch mit Medizin, Biologie und Geografie beschäftigte sich Albertus Magnus, weshalb er 1941 von Papst Pius XII. zum Schutzpatron der Naturwissenschaftler ernannt wurde.

Wissen als Beweis für Gottes Größe

Altarbild: Thomas von Aquin mit dem Modell einer Kirche und einem Buch in den Händen.

Thomas von Aquin wurde 1323 heiliggesprochen

Ein besonders gelehriger Schüler des Albertus Magnus war der Dominikaner Thomas von Aquin (um 1225 bis 1274). Der aus neapolitanischem Adel stammende Thomas entwickelte die Arbeit seines Lehrmeisters weiter. Schon knapp 50 Jahre nach seinem Tod wurde der bedeutendste Scholastiker wegen seiner großen Verdienste um Theologie und Wissenschaft heiliggesprochen.

Während Albertus Magnus die verschiedenen Strömungen aus Kirchenlehre sowie antiker und arabischer Philosophie noch weitgehend nebeneinander betrachtet hatte, gelang es Thomas von Aquin, diese Elemente zu einer Denkschule zu verbinden. Die Suche nach Wissen und Wissenschaft galt ihm nicht als Konkurrenz zum Glauben, im Gegenteil: Indem er nach wissenschaftlichen Erkenntnissen strebte, wollte Thomas die göttliche Größe noch stärker betonen. Die naturwissenschaftlichen Gesetze waren für ihn lediglich ein weiterer Beweis für die Allmacht Gottes.

Autoritäre Quellen und verbindliche Wahrheiten

Gemälde: Der heilige Augustinus an seinem Schreibpult.

Einer der Kirchenväter: der heilige Augustinus

Basis für die Forschungen der Scholastiker waren die "auctoritates", Schriften aus der Feder von unantastbaren Glaubens- und Wissensautoritäten. Dazu gehörten zum einen die Kirchenväter, die mit ihren Werken entscheidend zu den Überzeugungen und zum Selbstverständnis des Christentums beigetragen hatten, wie etwa Augustinus. Zum anderen wurden die antiken Autoren studiert, besonders die naturphilosophischen Schriften des Aristoteles. Um zu einer wissenschaftlichen und theologischen Erkenntnis zu gelangen, schufen die Scholastiker unter Thomas von Aquin eine streng reglementierte Arbeitsmethode: die Dialektik.

Ausgangspunkt des Erkenntnisprozesses war immer ein Text der "auctoritates", der gemeinschaftlich gelesen und anschließend mit Fragen konfrontiert wurde. In der folgenden - durchaus kontroversen - Diskussion tauschten die Beteiligten ihre verschiedenen Standpunkte aus, um einer "wahren" Antwort näherzukommen.

Den Abschluss bildete die "resolutio": Der Vorsitzende der Lehrveranstaltung verkündete die gültige Lehrmeinung. Während der Diskussion waren also verschiedene Sichtweisen möglich und erwünscht, doch am Ende stand eine einzig gültige und verbindliche Wahrheit, die sich mit den christlichen Glaubenssätzen in Einklang bringen ließ.

Defekte Weiblichkeit und Fegefeuer

Gemälde: Dämonen quälen die Seelen Verstorbener.

Die Scholastik prägte auch die Vorstellungen vom Jenseits

Die Erkenntnisse der Scholastik erstreckten sich auf alle Lebensbereiche, auf Geschlechterrollen, Ehe, Schönheitsideale und vieles mehr. So war Thomas von Aquin zum Beispiel der Ansicht, dass die Geburt eines Mädchens das Ergebnis unterschiedlicher Defekte sei. Nur der Mann galt in seinen Augen als vollkommener Vertreter der menschlichen Spezies. Auch die weibliche Seele betrachtete Thomas im Vergleich zur männlichen als minderwertig. Kein Wunder, dass er die Ansicht vertrat, die Frau müsse sich in der Ehe ihrem Gatten unterordnen.

Auch zu den Themen Sterben und Leben nach dem Tod äußerten sich die Scholastiker. Selbsttötung etwa galt Thomas von Aquin als dreifache Sünde - gegen die Natur, die Gemeinschaft und Gott. Prägend für die mittelalterliche Jenseitsvorstellung war auch die scholastische Lehre vom Fegefeuer, in dem die Seelen der Verstorbenen qualvoll von ihren Sünden befreit werden sollten. Thomas von Aquin verortete das Fegefeuer unterhalb der Erde, in der Nähe der Hölle, und schuf damit eine im Mittelalter weit verbreitete Vorstellung.

Wie stark der Einfluss der Scholastik auf den Einzelnen war, ist nicht mit letzter Bestimmtheit zu sagen. Fest steht allerdings, dass besonders Thomas von Aquin eine der größten Autoritäten des Spätmittelalters war. Seine Lehren waren maßgebend für die Ausbildung der geistigen Eliten an den Universitäten und damit auch - zumindest für kurze Zeit - für die mittelalterliche Weltsicht.

Verdammt und wiederbelebt

Mit ihren "gültigen Wahrheiten" trug die Scholastik entscheidend zur Etablierung eines einheitlichen Weltbilds bei. Doch diese Harmonie hatte ebenso wenig Bestand wie die Denkschule selbst. Schon im 14. Jahrhundert begann die Einigkeit des mittelalterlichen Geisteslebens zu bröckeln, die Blütezeit der von Thomas von Aquin geschaffenen Lehre war nur wenige Jahrzehnte nach seinem Tod wieder vorbei. Den Humanisten der Renaissance galt die Scholastik gar als "barbarische Philosophie", unter anderem auch deshalb, weil der heidnische Autor Aristoteles eine ihrer wichtigsten Quellen war.

Doch trotz der großen Ablehnung verschwand die Scholastik nicht völlig aus dem Geistesleben der folgenden Jahrhunderte. Die "Schule von Salamanca" widmete sich im 16. Jahrhundert dem Thomismus, einer an Thomas von Aquin orientierten Theologie. Auch ab Mitte des 19. Jahrhunderts befasste man sich in der Neuscholastik noch einmal mit Thomas' Gedankengut, diesmal sogar durch eine Papst-Enzyklika gefördert.

Autor: Johannes Eberhorn

Stand: 04.03.2016, 10:00

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