Geheime und gefälschte Karten

Kartografie

Geheime und gefälschte Karten

Siedlungen und Straßen, die nicht existieren. Orte, die auf wundersame Weise plötzlich in neuer Umgebung liegen - was auf Landkarten zu sehen ist, entspricht nicht immer der Wirklichkeit. Kartografische Darstellungen waren seit jeher wichtig für Politik, Wirtschaft und Militär. Wer sich nicht gerne in die Karten schauen lassen wollte, hielt sie besser geheim oder veröffentlichte nur gefälschte Versionen. Welche Macht diese Abbildungen unserer Erde ihren Besitzern verleihen, wird im Laufe der Weltgeschichte immer wieder deutlich.

Geheime Wegweiser

Auf einer historischen Karte aus dem Jahr 1865 sind die Züge von Napoleons Armee in der Schlacht von Waterloo eingezeichnet.

Wer Karten hat, hat Macht

Schon zu Zeiten der großen Entdecker waren Karten ein wertvolles Gut. Seefahrer wie Christoph Kolumbus und Vasco da Gama hatten bei der Rückkehr von ihren Entdeckungstouren Aufzeichnungen über Routen und vermutlich auch Karten im Gepäck, die in geheimen Archiven verschlossen wurden. Die Weitergabe oder Kopie wurde mit dem Tode bestraft. Denn wer die Karten besaß und sie zu lesen wusste, hatte die Macht. Sie waren regelrechte Schatzkarten, die es möglich machten, neue Ländereien zu erobern, und die zu dort vorhandenen Rohstoffen und Handelswaren führten. Blieben sie geheim, waren andere vom exklusiven Wissen der Besitzer abhängig.

Militärische Pläne

Gemälde: König Friedrich II. bei der Schlacht von Kunerdorf.

Karten halfen König Friedrich II., sein Reich zu beherrschen

Besonders in Kriegen war die Kartografie ein wichtiges Instrument. Herrscher wie der preußische König Friedrich II. ließen ihr Reich vermessen, hielten aber die Ergebnisse geheim. Denn sobald Landkarten in die Hände des Gegners fielen, konnten sie zur Bedrohung der eigenen Sicherheit werden. Daher wurden auch Darstellungen von befestigten Städten, wie sie 1565 von Straßburg oder 1608 von Nürnberg entstanden, streng unter Verschluss gehalten. Bis zum Dreißigjährigen Krieg durften nur Regionalkarten gedruckt werden. Abbildungen im kleinen Maßstab zwischen 1:200.000 und 1:800.000 gaben weniger Details preis. Erst seit Anfang des 19. Jahrhunderts wurden topographische Karten in Mitteleuropa für die Öffentlichkeit zugänglich.

Ein Jahrhundert später kamen die Landkarten allerdings wieder unter Verschluss. Das Deutsche Reich verbot im Ersten Weltkrieg den Vertrieb von Karten, auf denen besetzte Gebiete im Westen abgebildet waren. Auch die Nationalsozialisten hielten im Zweiten Weltkrieg die meisten kartografischen Aufzeichnungen geheim. Noch heute wird in vielen Staaten, zum Beispiel in Südamerika, Kartenmaterial im mittleren und großen Maßstab nicht veröffentlicht.

Gefälschte Karten haben eine lange Tradition

Schwarzweiß-Foto: Stalin schreibt am Schreibtisch.

Stalin erklärte Karten zum Staatsgeheimnis

Landkarten unter Verschluss zu halten, war nicht das einzige Mittel, das Herrscher und Militärs gegen ihre Gegner anwandten. Über Jahrhunderte veränderten und manipulierten sie auch Karten. So wurde 1778 ein Plan der Stadt Wien erst zum Druck freigegeben, nachdem der Kartograf die Darstellung der Befestigungsanlagen verfälscht hatte.

Neue Ausmaße erreichte die Manipulation in der Sowjetunion. Ab Anfang der 1930er Jahre kontrollierte die Geheimpolizei dort die Kartografie. Der sowjetische Diktator Josef Stalin ordnete die Verfälschung aller öffentlich zugänglichen Karten an und erklärte sie zum Staatsgeheimnis.

Veränderungen des Koordinatensystems sowie ungenaue und falsche Angaben machten es dem Gegner schwer, Ziele anzugreifen. Die US-Armee bemerkte zum Beispiel 1970 rätselhafte Wanderungen sowjetischer Ortschaften. Diese Erkenntnisse hat Kurt Brunner, Professor für Kartografie und Topografie an der Universität der Bundeswehr in München, in seinen Forschungen beschrieben. Die Siedlung Logaschkino etwa, an der Küste der Ostsibirischen See gelegen, veränderte zwischen 1939 und 1969 ihre Position mit jeder neuen Atlaskarte. Einmal erschien sie auf der rechten, ein anderes Mal auf der linken Uferseite des Flusses Alaseja. In einer Ausgabe verschob sich Logaschkino an die Küste, dann wieder ins Landesinnere.

Die Sowjetunion setzte falsche Karten auch im Krieg ein. Im Zweiten Weltkrieg spielte sie dem deutschen Militär gezielt gefälschte Exemplare in die Hände. Die darauf eingezeichneten Straßen und Ortschaften waren frei erfunden. Stattdessen gab es dort in der Realität weit und breit nur Sümpfe und Schluchten - eine Gefahr für Mensch und Maschine und eine perfekte Falle.

Orientierungslose DDR-Bürger

Auch die DDR veränderte den wertvollen Inhalt ihrer Karten. Die Regierung nutzte diese militärischen Sicherheitsmaßnahmen nun auch, um die eigenen Bürger zu kontrollieren. Nur Militär, Innenministerium und Staatssicherheit sollten Zugang zu den wirtschaftlichen, militärischen und politischen Informationen haben. In den manipulierten Karten wurden Industrieanlagen und wichtige Infrastruktureinrichtungen entfernt, umbenannt oder verschoben. Das hatte schwerwiegende Folgen für Unternehmen, die auf Grundlage dieser gefälschten Pläne ihre Kalkulationen machten.

Auch der normale DDR-Bürger wurde so im Zaum gehalten. Wer mithilfe von öffentlichen Karten seine Flucht in den Westen vorbereiten wollte, war schnell verloren. Reale Grenzen befanden sich nicht mehr an verzeichneter Stelle, militärische Einrichtungen und ganze Orte verschwanden. Besonders auf Tourismuskarten, wie Stadtpläne von Moskau oder Wanderkarten der Ostblock-Staaten, war bis zum Ende der Sowjetunion kein Verlass. Der Maßstab wurde verzerrt oder überhaupt nicht angegeben, sodass es unmöglich war, Entfernungen abzulesen.

Auf deutsche Karten ist Verlass

In Deutschland werden Karten heute von den Landesvermessungsämtern erstellt. Sie sind mit hoher Wahrscheinlichkeit realitätsgetreu und bilden die Grundlage für alle im freien Handel erwerbbaren Karten. Als Spaziergänger konnte man bis 1994 lediglich hin und wieder statt auf Wald und Wiesen auf militärische Gebiete stoßen. Seitdem werden diese in Karten zwar dargestellt, dürfen allerdings nicht genau gezeichnet und ausgewiesen werden. Wanderer können also bei ihrer nächsten Tour getrost auf ihre Landkarten vertrauen.

Falsche GPS-Daten?

Navigationsgerät im Vordergrund, dahinter Mensch mit Landkarte.

GPS-Navigation ersetzt häufig die Landkarte

Im Auto verzichten viele heute auf die altbekannte Straßenkarte und lassen sich von einer elektronischen Stimme von A nach B leiten. Sie findet den Weg dank "GPS". Das "Global Positioning System" wird vom US-Verteidigungsministerium betrieben. Das ab 1973 entwickelte System war ursprünglich für militärische Zwecke bestimmt, doch seit 1983 kann jeder die Satellitensignale zur Positionsbestimmung empfangen und kostenlos nutzen.

Bei derart wertvollen Daten ist ein Missbrauch nie ausgeschlossen. Das dachte sich auch das US-Verteidigungsministerium und verschlechterte zunächst die Signale künstlich. Die sogenannte "Selective Availability" erlaubte nur dem US-Militär und dessen Verbündeten Zugriff auf die genauen Daten. Der Allgemeinheit war eine genaue Bestimmung der Position nur bis auf 100 Meter möglich.

Im Mai 2000 entschied der damalige US-Präsident Bill Clinton die Aufhebung der "Selective Availabilty". Es steht allerdings in der Macht der US-Regierung, diese jederzeit wieder zu aktivieren und sogar gezielt ausgewählten Nutzern schlechtere oder verfälschte GPS-Signale zu senden. Die USA haben damit eine Abhängigkeit geschaffen, aus der sich die Europäische Union mit der Entwicklung des eigenen Navigationssystems "Galileo" befreien möchte. Dieses System sollte 2010 voll einsatzbereit sein. Durch ungewisse Finanzierung und technische Schwierigkeiten verzögert sich die vollständige Inbetriebnahme allerdings um mehrere Jahre - Ende offen.

Satellitenbilder als Terrorgefahr

Satellitenbild der Erde.

Werden kostenlose Satellitenbilder zur potenziellen Terrorhilfe?

Um eine Stadt oder das eigene Haus von oben zu betrachten, muss man heute nicht mehr ins Flugzeug steigen. Programme wie "Google Earth" oder "Google Maps" machen es möglich, hochauflösende Luftbilder auf den eigenen Computer zu holen. Jeder Internetnutzer kann damit bei höchster Bildqualität Details eines Gebäudes und dessen Umgebung erspähen. Das löst bei Sicherheitsexperten und einigen Regierungen Bedenken aus.

Staaten wie Indien, Australien und Nordkorea haben bereits 2005 die Sorge geäußert, "Google Earth" erleichtere Terroristen die Vorbereitung von Anschlägen. Sie forderten, Regierungsgebäude, militärische Anlagen und andere strategische Objekte unkenntlich zu machen. Google reagierte teilweise darauf und verschleierte oder retuschierte, beispielsweise in Indien und Israel, mögliche terroristische Ziele.

Autor/in: Dorothee Rätsch

Stand: 06.11.2014, 12:00

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