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Interview: Dr. Rainer Decker

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Interview mit Dr. Rainer Decker

Im Jahre 1542 hat Papst Paul III. die Römische Inquisition gegründet. Im Zeitalter der Glaubensspaltung und der Erfindung des Buchdrucks hatte sie die Aufgabe der Reinerhaltung des Glaubens und der Bekämpfung jeglicher Häresie. Durch den Buchdruck konnte neues Ideengut in Windeseile verbreitet werden, folglich zensierten die Wächter des Glaubens alle Bücher, die ihrer Meinung nach häretisches Gedankengut verbreiteten und setzten sie auf einen Bücherindex. Diese Listen sowie Gutachten, Prozessakten und Urteile gegen Häretiker wurden seit 1542 aufgezeichnet und für die Öffentlichkeit unzugänglich archiviert. 1998 hat der Vatikan endlich nach 400 Jahren seine Archive geöffnet, ein epochales Ereignis, von dem sich die Wissenschaft interessante Erkenntnisse erhofft. Dr. Rainer Decker gehört zum Kreis derjenigen, die regelmäßig im Archiv der Römischen Inquisition forschen. Planet Wissen hat ihn nach seinen Erfahrungen befragt.

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Planet Wissen (PW): 1998 wurden die Archive geöffnet, warum hat es so lange gedauert?

Dr. Rainer Decker (R.D.): Keiner lässt sich gerne in die Karten sehen. Jede Firma, die mit anderen in Konkurrenz steht, hat ihre Betriebsgeheimnisse. Erst wenn diese veraltet sind, können Außenstehende Zugang bekommen, zum Zweck der Geschichtsforschung. Dieser Brauch gilt erst recht für eine der ältesten Institutionen der Welt, das Papsttum. Es sieht sich in einer ungebrochenen Kontinuität seit dem Apostel Petrus. Das Vatikanische Zentralarchiv, in dem vor allem die Außenpolitik dokumentiert ist, wurde schon 1881 von Papst Leo XIII. für die Wissenschaft zugänglich, nachdem der Kirchenstaat 1870 vom Königreich Italien beseitigt worden war. Dass das Archiv der Kongregation für die Glaubenslehre noch circa 120 Jahre länger unzugänglich war, ist Folge des Selbstverständnisses dieser Kardinäle, die Nachfolger der 1542 gegründeten "Heiligen Römischen und Universalen Inquisition" sind und in deren Tradition stehen.

Dr. Rainer Decker zu Gast bei Planet Wissen. (Rechte: SWR)

Dr. Rainer Decker

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Die Öffnung der "Firmengeheimnisse" zeigt deren Historisierung. Viele von ihnen sind nicht mehr von aktueller theologischer Relevanz, wohl aber geschichtlich hochinteressant. Die Entscheidung von 1998 dürfte zum einen mit der Person von Papst Johannes Paul II. zusammenhängen, der sich wie keiner seiner Vorgänger bemühte, die dunklen Seiten in der Kirchengeschichte zuzugeben und zu bedauern, zum anderen mit der des damaligen Präfekten der Glaubenskongregation, Kardinal Ratzinger, des heutigen Papstes, der auch ein exzellenter Wissenschaftler ist und daher weiß, dass Forschung nur gedeihen kann, wenn man ihr Zugang zu den Quellen der Erkenntnis ermöglicht.

PW: Was findet man in diesen Archiven und wie groß ist der Bestand?

R.D.: Die 610 laufenden Regalmeter mit circa 4500 Bänden befinden sich wie schon seit Jahrhunderten im barocken "Palazzo del Sant'Uffizio" an der Südseite des Petersplatzes. Sie bestehen hauptsächlich aus zwei Archiven: Erstens das der, wie erwähnt, seit 1542 bestehenden Römischen Inquisition und zweitens das der mit ihr eng verbundenen Kardinalskongregation für den "Index der verbotenen Bücher", die von 1571 bis 1917 existierte. Nachdem Rom um 1800 von den Truppen Napoleons besetzt und der Kirchenstaat von ihnen zeitweise aufgehoben wurde, sind erhebliche Bestände vernichtet worden, so ein großer Teil der Akten der Strafprozesse.

Erfreulicherweise sind aber die wichtigen Ergebnisprotokolle der Sitzungen des "Heiligen Offiziums", die bis ins 18. Jahrhundert zweimal wöchentlich stattfanden, fast vollständig erhalten. Noch besser ist die Überlieferungslage bei der Indexkongregation, wo insbesondere die Anzeigen von verdächtigen Büchern und die - zum Teil kontroversen - Gutachten zur Frage, ob eine Publikation häretisches Gedankengut enthalte, ein Leckerbissen für Historiker sind, die sich für die Geistesgeschichte der Neuzeit interessieren.

PW: Ist das gesamte Archiv zugänglich gemacht worden?

R.D.: Da gilt heute dasselbe Prinzip wie im Vatikanischen Hauptarchiv. 1998 waren die Bestände bis zum Ende des Pontifikates Papst Leos XIII., also bis 1903, freigegeben. Mittlerweile kommt man auch an die Akten aus der Zeit seiner drei Nachfolger bis zu Pius XI., der Anfang 1939 starb, heran. In absehbarer Zeit dürfte die Regierung von Pius XII. (1939-1958), die wegen der Auseinandersetzung des Vatikans mit dem Dritten Reich während des Krieges und danach mit dem Kommunismus mit besonderer Spannung erwartet wird, Scharen von Forschern anlocken.

PW: Darf wirklich jeder das Archiv nutzen?

R.D.: Ja. Man muss kein praktizierender Katholik mit einer Unbedenklichkeitsbescheinigung seines Heimatbischofs sein. Unter den Benutzern sind evangelische Wissenschaftler ebenso wie jüdische oder Agnostiker. Aber man sollte schon die methodischen Fähigkeiten und die Vorkenntnisse mitbringen, um die handschriftlichen, in Latein oder Italienisch geschriebenen Akten lesen beziehungsweise verstehen zu können. Sonst würde man nur die Arbeitsplätze blockieren und durch unnötige Fragen das Archivpersonal oder die Mitbenutzer nerven. Die nötigen Voraussetzungen weisen Interessierte am besten durch einen einschlägigen Doktortitel oder wenigstens dadurch nach, dass sie nach einem ersten Universitätsabschluss an einer Dissertation arbeiten.

PW: Wie groß ist der Andrang?

R.D.: In den ersten Jahren herrschte Goldgräberstimmung. Mittlerweile sind nicht mehr alle zwölf Plätze in dem kleinen Benutzersaal ständig besetzt.

PW: Wie bekommt man Zugang zum Archiv?

R.D.: Wie in jedem Archiv durch einen Antrag mit den üblichen Angaben zur Person und zum Forschungsvorhaben.

PW: In welchem Zustand ist der Bestand?

R.D.: Die Archivare haben sich in den letzten Jahren viel Mühe gegeben, die Berge von Material durch neue Findbücher den Benutzern zu erschließen. Ebenso wurde eine Menge Geld in die Restaurierung zerfallender Codices gesteckt.

PW: Was erforschen Sie dort?

R.D.: Mich interessiert die Haltung Roms zu Magie und Hexerei seit dem 16. Jahrhundert. Waren die Päpste fanatische und grausame Verfolger unschuldiger Frauen? Wie reagierten sie auf die großen Hexenprozesse vor den staatlichen Gerichten in Deutschland und in der Schweiz? Evangelische und katholische Machthaber waren in diesen Ländern gleichermaßen auf Hexenjagd. Hat Rom dabei wenigstens seine eigenen "Schäfchen" beeinflusst? Antreibend oder eher mäßigend? Da bin ich zu überraschenden Antworten gekommen. In dem Zusammenhang beschäftigen mich neuerdings die letzten Jahrzehnte des Kirchenstaates, von 1814 bis 1870, ein noch weitgehend unerforschtes Terrain. Hier war die Inquisition grundsätzlich noch wie eh und je aktiv und ging nach denselben alten und aus ihrer Sicht bewährten Prinzipien vor. Todesurteile gab es aber seit 1761 nicht mehr, und auch sonst war man milder geworden.

PW: Hat die Öffnung des Archivs Auswirkungen auf die Bewertung der Inquisition?

R.D.: Die Erforschung der römischen Inquisition der Neuzeit und ihrer Schwesterorganisationen in Spanien und Portugal hatte schon in den zwei Jahrzehnten vor der Archivöffnung von 1998 einen enormen Aufschwung erfahren. Vorher dominierten die alten Klischeevorstellungen, die mit der "Schwarzen Legende" in England und den Niederlanden während der Zeit der Reformation und Gegenreformation angefangen hatten, und von den aufklärerischen Philosophen des 18. und den liberalen Historikern des 19. Jahrhunderts verfestigt worden waren.

Die neuen Quellenfunde bestätigen, differenzieren und konkretisieren den um 1980/90 erreichten Forschungsstand. An die Stelle der alten Schwarzweiß-Malerei tritt nicht das Gegenteil, eine apologetische rosa Legende, sondern ein detailliertes Bild mit vielen Grautönen, schwarzen und hellen Punkten. Ein Beispiel aus meinem Forschungsgebiet, den Hexenverfolgungen.

Die Sitzungsprotokolle des Heiligen Offiziums brachten mich auf die Spur einer Aktion, mit der Papst und Kardinäle 15 Kindern aus dem schweizerischen Graubünden, fünf Jungen und zehn Mädchen zwischen acht und 14 Jahren, das Leben retteten, indem sie nach Mailand in Sicherheit gebracht wurden. Die weltliche Obrigkeit in ihrer Heimat hätte sie sonst, wie bei einigen ihrer Eltern schon geschehen, als angebliche Hexen und Hexer hingerichtet. Das heißt nicht, dass die römischen Geistlichen die Existenz von Hexen, ihren Verbrechen und dem Anstifter dazu, dem Teufel, bezweifelten. Wenn es aber im konkreten Einzelfall darum ging, Schadenzauber, Paktieren und Kopulieren mit dem Teufel, den Flug durch die Lüfte zum Hexensabbat nachzuweisen, war das Prozessverfahren der neuzeitlichen Inquisition von deutlich mehr Realitätssinn und Fairness geprägt, als das vieler evangelischer und katholischer Obrigkeiten außerhalb Italiens und Spaniens.

Horst Basting, Stand vom 13.06.2007

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