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Steinkohlebergbau

Es war einmal ein kleiner Junge, der in der Nähe der Ruhr Schafe hütete. Abends entzündete er ein Feuer auf freiem Feld. Als es am nächsten Morgen hell wurde, war das Holz längst verbrannt. Aber - das Feuer glühte immer noch! Die Erde kokelte und qualmte. Die ganze Wiese brannte. Die herbeigerufenen Eltern glaubten ihren Augen nicht zu trauen: Ihr kleiner Sohn hatte die Steinkohle entdeckt. Fortan heizten sie ihren Ofen damit. Das "schwarze Wunder" sprach sich schnell herum.

Oberer Teil des Förderturms der Essener Zeche Zollverein im Gegenlicht. (Rechte: dpa)

Zechen sind Wahrzeichen des Ruhrgebiets

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Die Entdeckung der Steinkohle

Niemand weiß, ob diese Legende wahr ist. Aber zumindest könnte sie sich irgendwann im Mittelalter, irgendwo knapp südlich der Ruhr, so zugetragen haben. Wann und wo genau erstmals in Deutschland Steinkohle entdeckt und gefördert wurde, das liegt im Dunkel der Geschichte. Nur eines ist klar: Einige Quellen belegen, dass es bereits im späten 12. Jahrhundert in der Nähe von Lüttich, im heutigen Belgien, Steinkohlebergbau gab. Etwa zur selben Zeit wurde auch bei Aachen Steinkohle abgebaut. Das Gebiet des heutigen westlichen Ruhrgebiets folgte etwa um 1370. Offenbar, so die Historiker, sahen sich die Menschen wegen des Holzmangels damals gezwungen, neue Energiequellen zu suchen. Die Vorläufer der heute bekannten Bergwerke waren einfache Gruben, in denen die Bauern nach Kohle schaufelten, wenn es in der Landwirtschaft saisonbedingt nichts zu tun gab. Man kannte den Bergbau noch nicht, sondern nannte es Kohlegräberei.

Steinkohlebergbau Mitte des 16. Jahrhunderts: An Seilzügen wird die unter Tage abgebaute Kohle in Eimern nach oben gezogen. (Rechte: AKG)

Primitive Schachtsysteme im Jahre 1556

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Kohleförderung im Mittelalter: Schwerstarbeit

Von etwa 1230 an sind wir durch Urkunden und Register besser über die Fortschritte im Bergbau unterrichtet. Bereits um 1350 drang der Steinkohleabbau in Tiefen um 120 Meter vor, ein Jahrhundert später waren es bis zu 200 Meter. Die schwere Steinkohle musste damals mit Schaufeln, Eimern und Seilzügen dem Berg abgerungen werden. Pferde konnten größere Mengen Kohle nur mit Mühe ziehen, und erst im späten 14. Jahrhundert wurden beachtliche Kohlemengen per Schiff transportiert. Daher war nie genug Steinkohle verfügbar. Es war auch schwierig, die Stollen zu entwässern. Die entsprechende Technik verbreitete sich erst im 15. Jahrhundert, als zum Beispiel in der märkischen Region südlich der Ruhr neben den Bergbaustollen gesonderte unterirdische Gräben angelegt wurden, die das Wasser ableiteten - eine große Erleichterung für die Bergmänner.

Ein Holzstich aus dem Jahre 1844 zeigt in einem englischen Bergwerk zwei Kinder beim Schieben eines beladenen Kohlewagens unter Tage. (Rechte: AKG)

In manchen Stollen hatten nur Kinder Platz

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Neue Techniken und preußische Ordnung

Mit dem Ende des Mittelalters erlebten Wirtschaft und Handel in ganz Europa einen gewaltigen Aufschwung. Die Produktion stieg, Holz war knapp, also wurde intensiver nach anderen Formen der Wärme-Energie gesucht. Besonders in England, wo der Bergbau von etwa 1550 auflebte, aber auch in vielen Gebieten Deutschland: etwa im westfälischen Unna, wo die Salzsiederei sehr vom Steinkohlebrand und neuen Feuerungstechniken profitierte. Oder im Raum Osnabrück, wo die Steinkohle für die Kalkbrennerei verwendet wurde.

An einem riesigen Holzrad hängt ein kleiner Förderkorb. Darin sitzt ein Bergmann, der das Rad steuert. Darunter stehen mehrere Bergleute. Sie nehmen einen kleinen Bottich mit Kohle entgegen, der mit dem Rad aus dem Schacht gezogen wurde. (Rechte: AKG)

Neue Technik erleichtert die Schwerstarbeit

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Kontrolle, Führung, Verordnungen, Gesetze, Regelungen: Etwa von 1750 an gestaltete die preußische Verwaltung den Ruhr-Bergbau effektiver. Von 1772 bis 1780 zum Beispiel wurde die Ruhr vom gemütlichen Fluss zu einem schiffbaren Strom ausgebaut. Dennoch brauchte ein Kohlenschiff damals für die rund 65 Flusskilometer von Witten bis zur Rheinmündung bei Ruhrort nicht weniger als 16 Stunden. Auch Uferwege und Straßen wurden angelegt, ebenso Kohle-Lagerplätze. Die Rechte der Bergbau-Unternehmer wurden vertraglich festgelegt, auch Abbau, Löhne, Arbeitszeit und Verkaufspreise. Das schaffte zunächst Sicherheit: Zwischen 1735 und 1791 vervierfachte sich die Fördermenge. Andererseits schränkte der strenge staatliche Dirigismus die Handlungsfreiheit der Unternehmer auf Dauer stark ein.

Auf einer dunkelgrauen, kleinen Grubenlok sitzt ein Mann. Die Lok steht auf zwei Schienen und ist an einer Oberleitung mit zwei Stromkabeln verbunden. (Rechte: AKG)

Die erste Grubenbahn baute Siemens im Jahre 1881

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Industrialisierung: die Entfesselung der Kräfte

Von etwa 1800 an wuchs die europäische Bevölkerung schnell. Die Eisenbahn beschleunigte nach 1825 den Transport und findige Köpfe ersannen Motoren, die erstmals Wärmeenergie in Bewegung umsetzen konnten. Das waren die Ursachen für eine bis dahin unbekannte, nicht für möglich gehaltene Neuordnung der wirtschaftlichen Welt. In England, in Frankreich und nach 1830 auch in Deutschland. Bereits um die Wende zum 19. Jahrhundert wurden in der Nähe von Bochum erste Tiefbauschächte angelegt, im Jahre 1801 auf der "Zeche Vollmond" die erste Dampfmaschine im Ruhrbergbau installiert. Ein technischer Durchbruch, denn mit maschineller Kraft konnten die unterirdischen Wasserzuflüsse viel schneller und präziser als zuvor abgepumpt und abgeleitet werden.

Nun konnte man die Steinkohle-Vorkommen schneller ausbeuten. Im Jahr 1839 überschritt die jährliche Kohleförderung im Ruhrgebiet erstmals die Millionen-Tonnen-Grenze, und schon 1853 waren es mehr als zwei Millionen Tonnen. Die Steinkohle spielte nun eine wichtige Rolle bei der Energieversorgung und der Stahlerzeugung. Stahl wurde unter anderem benötigt, um Waffen zu schmieden und Kanonen zu gießen. Auch deswegen stieg die Steinkohle-Nachfrage dramatisch an, als Preußen Krieg führte - gegen Dänemark (1864), Österreich (1866) und Frankreich (1870/71). Hinzu kam der gigantische wirtschaftliche Aufschwung des Deutschen Reiches nach 1871: Bis zum Ersten Weltkrieg stieg die Jahres-Förderung an der Ruhr auf nicht weniger als 114 Millionen Tonnen, gefördert von 440.000 Menschen.

Bergarbeiter demonstrieren mit Transparenten und Plakaten am 26. September 1959 in der Bundeshauptstadt Bonn gegen Entlassungen. Auf einem Transparent steht: 'Adenauer versprach: keine Zechenschließungen'. (Rechte: dpa)

1959: Proteste gegen Entlassungen

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Das Ende der fetten Jahre

Seinen letzten Aufschwung erlebte der Ruhrbergbau während des bundesdeutschen Wirtschaftswunders in den frühen 50er Jahren des 20. Jahrhunderts. Allein während dieser Expansions-Phase wurden 50 neue Tagesschächte angelegt. Noch im Jahr 1957 waren an der Ruhr über 600.000 Bergleute in Lohn und Brot. Bald aber machte sich eine neue, ungeahnte Entwicklung bemerkbar: Auch in anderen Teilen der Welt waren inzwischen viele neue Bergwerke entstanden, etwa in China, Osteuropa, der Sowjetunion und den Vereinigten Staaten. Dort wurde Steinkohle sehr viel günstiger abgebaut. Sie war nun weltweit verfügbar, da die Kosten für den Schiffstransport sanken. Diese billige Importkohle und auch Erdöl verkauften sich in der Bundesrepublik von 1958 an besser als die heimische Steinkohle, die noch dazu aufwändig in größeren Tiefen gewonnen werden musste. Zum Vergleich: In der Bundesrepublik wurde 1960 durchschnittlich in 644 Metern Tiefe gebohrt, in den USA dagegen oft nur in 100 Metern Tiefe.

Der fünfzig Meter hohe grüne Stahlturm der Zeche Grimberg in Bergkamen fällt zu Boden. (Rechte: dpa)

Mit der Kohlekrise setzte das Zechensterben ein

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Der Niedergang der deutschen Kohle

Die Kohlekrise kam 1958 völlig unerwartet, und damit begann im Ruhrgebiet das Zechensterben. Bundesweit wurden innerhalb von nur zehn Jahren 78 Schachtanlagen geschlossen, die Zahl der Beschäftigten halbierte sich von 505.000 (1960) auf nur noch rund 242.000 (1970). Staat und Wirtschaft reagierten mit einer kurzfristigen Krisenpolitik zur Erhaltung der bestehenden Strukturen und zur sozialen Abfederung der entlassenen oder kurzarbeitenden Bergleute. Allerdings boomte in den 60er Jahren die deutsche Wirtschaft, und viele Bergleute kamen damals noch in anderen Berufen unter.

Während der Steinkohle-Bergbau weltweit zwischen 1970 und 1985 die stärksten Zuwachsraten verzeichnete, rutschte der westeuropäische Bergbau immer tiefer in die Krise. An diesem Trend änderte sich seit Ende der 50er Jahre nichts mehr. So sank die Zahl der in deutschen Bergwerken beschäftigten Arbeiter auf 134.000 (1990) und schließlich auf nur noch 69.000 (1999). Ende 2002 gab es in ganz Deutschland nur noch zehn Steinkohle-Bergwerke (1957: 153), davon sieben im Ruhrgebiet, eines bei Ibbenbüren im nördlichen Münsterland und zwei im Saarland.

An einer Erkenntnis führt seit 1970 kein Weg vorbei: Deutsche Steinkohle war und ist wegen der hohen Kosten auf dem Weltmarkt nicht mehr konkurrenzfähig. Deswegen wurde sie jahrzehntelang subventioniert, begleitet von der erregten politischen Debatte, ob das angesichts leerer öffentlicher Kassen zu verantworten sei. Politiker von Bund und (Bergbau-)Ländern kamen 1997 überein, die öffentlichen Zuschüsse bis 2005 Stück für Stück auf etwa die Hälfte zurückzufahren, von jährlich 4,6 Milliarden Euro (1997) auf nur noch 2,5 Milliarden Euro (2005). Gleichzeitig sollte die Belegschaft bis dahin auf 36.000 Mitarbeiter mehr als halbiert werden. Nach den NRW-Landtagswahlen 2005 entschied sich die Landesregierung von CDU und FDP, die Subventionen weiter zu drosseln. Ende 2007 trat dann ein Gesetz in Kraft, dass einen Ausstieg aus dem subventionierten Steinkohlebergbau bis zum Jahr 2018 festlegt. Nach dieser Deadline wird es für keinen Bergbaubetrieb mehr staatliche Zuschüsse geben.

Claudia Kracht, Stand vom 17.11.2012
Sendung: Abenteuer Bergwerk - Harte Arbeit unter Tage, 19.11.2012

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