Renaturierung von Auenlandschaften

Altarm des Rheins in Frankreich

Naturschutzgeschichte

Renaturierung von Auenlandschaften

Als sich Johann Wolfgang von Goethe 1770 Hals über Kopf in die Pfarrerstochter Friederike Brion verliebte, hatte er den besten Ort für romantische Ausflüge mit der Liebsten direkt vor der Nase: die Auenwälder des wild vor sich hin mäandernden Rheins.

Goethe hatte Glück

Goethe kam "gerade noch rechtzeitig", denn bereits 1817 begann der Ingenieur Johann Gottfried Tulla damit, den unberechenbaren Urstrom zu zähmen. In den folgenden 150 Jahren kam es zu einer Reihe unterschiedlicher massiver Korrektur- und Ausbaumaßnahmen des Rheins. 1977 fanden diese mit der Inbetriebnahme der Staustufe Iffezheim ihren – aus auenökologischer Sicht betrachtet – alles andere als krönenden Abschluss.

Der Rhein war in ein extrem enges Korsett gezwängt, die Auenlandschaften fast vollständig verschwunden und die Hochwassergefahr für die rheinabwärts liegenden Regionen um ein Vielfaches erhöht.

Ähnlich wie dem Rhein erging es vielen mitteleuropäischen Flüssen. Nur noch wenige Prozent der ehemals üppig verbreiteten natürlichen Auenlandschaften sind bis heute übrig geblieben.

Neue Auen für den Oberrhein?

1984 wurden die Rastatter Rheinauen bei Plittersdorf zum Naturschutzgebiet erklärt. Der kleine Rest urtümlicher Aue ist ein einmaliger Lebensraum für viele seltene Tier- und Pflanzenarten, die sich perfekt an den Wechsel von Überflutungs- und Trockenperioden angepasst haben.

Fast wäre auch dieses faszinierende Stückchen Natur dem Ausbau des Rheins zum Opfer gefallen. Doch die Pläne, nach Iffezheim rheinabwärts noch weitere Staustufen zu bauen, wurden glücklicherweise nicht mehr in die Tat umgesetzt.

Gar nicht weit weg von diesem Rest naturnaher Auen am Oberrhein liegt das 1985 gegründete "WWF-Auen-Institut" (World Wide Fund for Nature) in Rastatt. Hier werden nachhaltige Konzepte für den Schutz noch vorhandener und die Renaturierung bereits zerstörter Auengebiete weltweit erarbeitet. Das Institut verzeichnet viele Erfolge, nur leider größtenteils nicht vor der eigenen Haustür.

Das Integrierte Rheinprogramm

Pläne für die Renaturierung verlorener Auengebiete entlang des Oberrheins liegen schon lange vor. Knowhow, technische Möglichkeiten, finanzielle Mittel – alles ist vorhanden.

Hochwasserrückhalteraum in Baden-Württemberg

Hochwasserschutz am Rhein

So entwickelte etwa Baden-Württemberg das Integrierte Rheinprogramm, das den Bau von insgesamt 13 Hochwasserrückhalteräumen zwischen Basel und Mannheim vorsieht. Einige davon sind schon fertig und in Betrieb genommen. Für einen ausreichenden Hochwasserschutz müssen jedoch alle 13 fertig gestellt sein.

Doch es hapert an der Umsetzung der anderen Rückhalteräume. Der Grund: Interessenkonflikte mit den Flussanrainerkommunen. Gebiete, die von Dämmen eingefasst sind und bei Hochwasser gezielt geflutet werden können – sogenannte Polder – haben einen höheren Grundwasserpegel. Die Folge können beispielsweise feuchte Keller in angrenzenden Wohngebieten sein. Pumpwerke, wie in Altenheim, schützen die nahen Siedlungen vor dem Wasser.

Auch Schnakenplagen können sich ausbreiten. In den flachen Tümpeln, die zurückbleiben, wenn das Wasser aus den Poldern wieder abfließt, finden sie einen geeigneten Ablageort für ihre Larven. Ein spezielles Eiweiß, das nach einer Überschwemmung in die zurückgebliebenen Gewässer gegeben wird, zerstört die Schnakenlarven.

Durch die regelmäßige Überflutung bilden sich in den Poldern Auenwälder. Pflanzen und Tiere passen sich dem wechselnden Wasserstand an. Der Schlamm, der mit dem Wasser kommt, bleibt zurück und versorgt den Boden mit wertvollen Nährstoffen. Es entsteht eine lebendige Naturlandschaft.

Dennoch sind Polder keine natürlichen Auenlandschaften. Das Wasser kann nicht selbstständig in die Gebiete fließen, sondern muss dorthin umgeleitet werden. Ist der Pegel des Rheins hoch genug, werden die Zuflüsse per Hand geöffnet.

Das Renaturierungsprojekt "Lenzer Elbtalaue"

Elbtalaue bei Hochwasser

Elbtalaue bei Hochwasser

Bereits 1898 war Wasserbauingenieuren die Gefahrenstelle der Unteren Mittelelbe in der Nähe des brandenburgischen Ortes Lenzen ein Dorn im Auge. Dort nämlich machte der Fluss einen scharfen 90-Grad-Knick, anschließend verengte sich das Flussbett dramatisch. Die Folge: Die Deichwand war durch die anströmenden Wassermassen einem enormen Druck ausgesetzt. Ein gefährlicher Zustand.

Pläne für eine Entschärfung des Gefahrenpotenzials gab es schon seit über 100 Jahren. Aber erst im Jahr 2005 konnten sie dann auch endlich in die Tat umgesetzt werden. Der Elbedeich wurde zwischen dem "Bösen Ort" (so der Spitzname der Gefahrenstelle) und dem Hafen Lenzen zurückverlegt.

Heute ist der gefährliche "Böse" Knick verschwunden und die Elbe hat 420 Hektar mehr Überschwemmungsfläche – teilweise mit auentypischen Gehölzen bepflanzt – zur Verfügung.

Das Renaturierungsprojekt "Lenzer Elbtalaue" wurde im Jahr 2010 abgeschlossen. Erste Erfolge beim Elbehochwasser 2011 waren schon zu verzeichnen: Im Gebiet der Deichrückverlegung waren die Wasserstände 35 Zentimeter niedriger als bei vergleichbaren Hochwassern vorher.

Die untere Havel – ein Fluss wird wieder lebendig

Etwa 70 Kilometer nordwestlich von Berlin verläuft die Untere Havel nordwärts durch die Bundesländer Brandenburg und Sachsen-Anhalt. Diese Region gilt als größtes Binnenfeuchtgebiet in Deutschland. Mehr als 1000 bedrohte Tier- und Pflanzenarten finden hier ein ideales Rückzugsgebiet.

Der Havel erging es in den vergangenen Jahrzehnten nicht anders als anderen deutschen Flüssen. Noch heute leidet das Ökosystem unter den Folgen des Ausbaus. Durch den Verlust ihres Lebensraums sind viele der ursprünglich in und an der Havel heimischen Arten vom Aussterben bedroht.

Doch glücklicherweise wird dieser Entwicklung gegengesteuert. 1990 wurde das Gebiet als Naturschutzgebiet gesichert. Die Untere Havel wird inzwischen nicht mehr von schweren Güterschiffen befahren.

2014 begannen die Renaturierungsmaßnahmen entlang des Flusslaufs zwischen dem brandenburgischen Pritzerbe und dem sachsen-anhaltinischen Gnevesdorf an der Elbmündung. In den nächsten Jahren sollen 15 Altarme an den Hauptflusslauf angeschlossen, Deiche zurückgebaut und Uferbefestigungen abgetragen werden. Längst verschwundene Auwälder werden wieder entstehen.

Das gesamte Projektgebiet umfasst 18.700 Hektar. Im Kerngebiet – knapp 9000 Hektar groß – werden die eigentlichen Renaturierungsmaßnahmen durchgeführt. Im Jahr 2021 soll das Renaturierungsprojekt "Untere Havel" abgeschlossen sein. Es gehört zu den größten dieser Art in Europa.

Autorinnen: Susanne Decker/Wiebke Ziegler

Stand: 01.07.2016, 13:00

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