Muscheln

Tiere im Wasser

Muscheln

Muscheln erobern innerhalb weniger Jahre ganze Flusssysteme, doch bemerkt man dies oft erst nach ihrem Tod, wenn die Schalen ans Ufer gespült werden. Obwohl sie sesshaft leben, eingegraben im Sand oder festgewachsen an Felsen, erreichten sie im Laufe der Zeit alle Gewässer der Erde, vom Waldtümpel bis zur Tiefsee. Manche Muscheln dienen uns als Frühwarnsystem gegen Schadstoffe im Trinkwasser, andere werden als Mörder verunglimpft.

In allen Wassern zu Hause

Gemeinsam mit ihren engen Verwandten, den Schnecken, haben die Muscheln alle Gewässer der Erde besiedelt. Nur aufs Land sind sie diesen nicht gefolgt. Dabei sind Muscheln nicht so unbeweglich wie sie erscheinen: Manche können sich mit Hilfe ihres Fußes, ähnlich den Schnecken, erstaunlich schnell fortbewegen und an einer günstigeren Stelle wieder eingraben oder befestigen. Ihren Körper schützt nicht ein einzelnes festes Gehäuse, sondern zwei aufklappbare Schalenhälften, die sie mit einem Muskel sehr fest verschließen können.

Seit rund 600 Millionen Jahren haben sich aus den ersten Vorläufern der Weichtiere die verschiedenen Klassen von Weichtieren entwickelt. Neben den Muscheln und Schnecken gehören dazu auch die Kopffüßler, deren bekannteste Vertreter Tintenfische und Kraken sind. Heute gibt es etwa 10.000 Muschelarten.

Muscheln ernähren sich vor allem von Schwebstoffen. Dazu pumpen sie Wasser durch ihren Körper und fangen die Futterteilchen in ihren Kiemen auf. So sorgen sie in ihren Wohngewässern für klareres Wasser. Eine Miesmuschel filtert rund fünf Liter Wasser pro Stunde, eine Auster sogar bis zu 25 Liter. Wenn man bedenkt, dass etwa im Rhein rund zwei Drittel der Biomasse aus Muscheln besteht, kann man sich leicht vorstellen, dass mitunter vorkommende Massenvermehrungen deutlich klareres Wasser bewirken können.

Einwanderer in unseren Füssen und Seen

Angehaftete Zebramuschel beim Filtern. Die Ein- und Ausströmöffnungen sind aus den leicht geöffneten Schalen herausgestülpt.

Die Zebramuschel haftet sich an Steine und Felsen

In Deutschlands Flüssen und Seen leben sieben Arten von Großmuscheln. Dazu gehören zum Beispiel die seltene Flussperlmuschel, die Flussmuschel und die Teichmuschel, die bis zu 26 Zentimeter lang werden kann. Alle diese Großmuscheln stehen in Deutschland unter Naturschutz und dürfen den Gewässern nicht entnommen werden.

Hinzu kommen noch rund 30 Arten von Kleinmuscheln, die mitunter nur wenige Millimeter groß und so unscheinbar sind, dass sie normalerweise niemandem auffallen. Doch gerade diese unscheinbaren Arten haben sich mitunter derart auf bestimmte Lebensräume spezialisiert, dass sie als Leitorganismen für die ökologische Bewertung von Biotopen genutzt werden. Mit anderen Worten: Wenn eine bestimmte Muschel irgendwo vorkommt, kann man sehr genaue Rückschlüsse auf Nährstoffvorkommen und andere Eigenschaften des Gewässers ziehen.

Fünf lebende Körbchenmuscheln auf Hand.

Die Grobgerippte Körbchenmuschel: die häufigste Muschel im Rhein

Dieses Gefüge wird zunehmend durch Muschelarten durcheinandergebracht, die meist mit dem Ballastwasser von Schiffen aus anderen Flusssystemen oder gar anderen Kontinenten eingeschleppt werden. So kam die Zebramuschel, die ursprünglich aus dem Gebiet des Schwarzen Meeres stammt, noch bis vor einigen Jahrhunderten bei uns natürlich vor. Sie starb dann jedoch aus. Vor wenigen Jahrzehnten tauchte sie plötzlich wieder bei uns auf. Sie kam über den Umweg über Nordamerika wieder zurück und verdrängte die Flussmuschel im Rhein als häufigste Art.

Diesen Rang hat die Zebramuschel bereits wieder an die Körbchenmuschel verloren. Diese lebt inzwischen in ungeheuren Massen im Rhein. Dabei verdrängen die neuen Arten die einheimischen gar nicht aktiv. Bis sich natürliche Fressfeinde auf sie einstellen, vermehren sie sich einfach zügellos. Diese Muschelmassen filtern dann so viel Nahrung aus dem Wasser, dass für die einheimischen Arten kaum noch etwas übrig bleibt. Deren Bestände schrumpfen dann zusammen.

Die Körbchenmuschel stammt übrigens aus Asien und gräbt sich im Sand ein, so dass nur noch die Ein- und Ausströmöffnung sichtbar bleibt. Lebende Körbchenmuscheln übersieht man daher sehr leicht. Aber im Rhein findet man seit Mitte der 1990er Jahre Stellen, an denen die Schalen abgestorbener Körbchenmuscheln knietief ans Ufer gespült wurden. Vom Rhein aus verbreitet sich die Körbchenmuschel in nahe gelegene Baggerseen. Ob sie sich dort einfügt, hängt von den dort bereits vorkommenden Arten und den speziellen Bedingungen des Gewässers ab. Dies ist von See zu See völlig unterschiedlich. Sie wird aber offenbar gerne von Karpfen gegessen, so dass es wenigstens schon einen natürlichen Feind gibt.

Muscheln und Mafia

Teichmuschel liegt flach auf dem grauen, sandigen Gewässergrund. An der Spitze der Muschel hat sich eine Zebramuschel angeheftet.

An diese Teichmuschel hat sich eine Zebramuschel angeheftet

Wenn auch eingewanderte Arten den einheimischen zusetzen, so bleibt doch der Mensch mit seinen Eingriffen in die Natur der schlimmste Feind der Muscheln. Eine Bedrohung kann sogar durch ein Symbol für Naturverbundenheit entstehen: den Gartenteich. Viele Gartenteiche haben zu Anfang durch Algen getrübtes Wasser. Das ist völlig normal. Womöglich wurden auch noch einige Goldfische eingesetzt, die gerne im Boden wühlen und sich durch das trübe Wasser vor dem Blick des stolzen Besitzers verbergen. Der Handel bietet für solche Fälle gerne zusammen mit den Fischen Teichmuscheln zum Filtern des Wassers an. Das Problem ist: Die Muscheln können in einem Gartenteich nur in den seltensten Fällen dauerhaft überleben. In solchen Teichen ist einfach nicht genügend Nahrung vorhanden.

Einige Teichmuscheln haben das Wasser eines Teiches mitunter innerhalb von ein oder zwei Tagen komplett durchgefiltert. So schnell kann aber keine geeignete Nahrung nachwachsen. Sie hungern ständig und sterben dann irgendwann. Eine solche Haltung in kleinen Becken ist selbst für Wissenschaftler und Aquarianer sehr aufwendig. Daher alleine schon aus diesem Grund: Finger weg von Muscheln für Gartenteiche! Klar wird das Wasser irgendwann auch ohne sie, wenn sich erst einmal ein biologisches Gleichgewicht eingestellt hat.

Dazu kommt, dass man einer Muschel nicht ansehen kann, woher sie stammt. Sie wird aber auf jeden Fall einem Naturgewässer entnommen, denn züchten kann man sie nicht. Ihr Nachwuchs lebt für gewisse Zeit als Parasit in den Kiemen bestimmter Fische. Das würde in einer Zuchtanlage kaum funktionieren. Da die Muscheln bei uns alle unter Naturschutz stehen, werden sie angeblich alle aus Ländern importiert, in denen sie noch nicht geschützt sind. So verursachen die hiesigen Gartenbesitzer, indirekt und ohne es zu wissen, die Plünderung naturnaher Gewässer in anderen Teilen Europas.

Kriminelle Energien werden darüber hinaus allzu leicht freigesetzt, wenn man bedenkt, dass Teichmuscheln für etwa drei bis fünf Euro pro Stück verkauft werden. Deutsche Wissenschaftler haben mit ansehen müssen, wie zum Beispiel einer der ökologisch wertvollsten Bestände an Teichmuscheln in Nordrhein-Westfalen quasi über Nacht aus einem Grabensystem, in dem sie historisch belegt seit 500 Jahren lebten, von Dieben komplett ausgeplündert wurde. 50.000 bis 100.000 Muscheln gingen so auf Dauer verloren. Offenbar ist es allzu leicht, Importzertifikate zu fälschen oder Händler zu finden, die es damit nicht sehr genau nehmen. Am ehesten kann man da gegensteuern, indem man einfach keine Muscheln mehr für Teiche kauft und andere vom Kauf abhält. So unterstützt man dieses fragwürdige Geschäft wenigstens nicht und trocknet den Markt aus.

Schätze im Bach - vom Niedergang der Flussperlmuschel

Winzige junge Flussperlmuschel auf Fingerspitze.

Junge Flussperlmuscheln sind in Deutschland selten geworden

Muscheln können sehr alt werden. So wird zum Beispiel die Große Flussmuschel gut 50 Jahre alt, bei der Flussperlmuschel sind sogar 120 Jahre keine Seltenheit. Es gibt aber ganze Muschelbänke, in denen seit Jahrzehnten keine Jungmuscheln mehr festgestellt werden konnten. Gerade die Flussperlmuschel ist hiervon betroffen. Früher gab es ganze Bach- und Flusssysteme, in denen diese Muschel massenhaft vorkam. War früher die Überfischung durch Perlensucher ihr Hauptproblem, ist dies heute die intensive Landwirtschaft. Die Larven der Flussperlmuschel reagieren nämlich sehr empfindlich auf Stickstoffverbindungen im Wasser. Und gerade diese werden bei der Düngung von Feldern massiv ausgebracht. Ein guter Teil davon findet seinen Weg in die Bäche und damit auch zu den Flussperlmuscheln.

Diese ungewollte Düngung der Gewässer ist sehr schwer zurückzufahren. Denn zusätzlich zu den Einträgen der Landwirtschaft kommen noch Stickstoffe aus den Abgasen der Autos, die vom Regen ausgewaschen werden und das Problem verstärken. Dagegen ließe sich der Rückgang der Bachforelle, die für die Larven als Wirt unbedingt notwendig ist, sehr leicht ausgleichen.

Aus diesen Gründen sollte jeder, der Vorkommen von Großmuscheln in der freien Natur findet, diese sorgsam behandeln. Diese könnten für Jahrzehnte die letzte Reserve für eine natürliche Wiederbesiedlung sein, wenn es einmal gelingt, die Stickstoffbelastung zu reduzieren.

Weiterführende Infos

Autor/in: Vladimir Rydl

Stand: 17.09.2014, 13:00