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Fühlstörungen

Es gibt blinde und taube Menschen. Und auch von Leuten, die nicht mehr riechen oder schmecken können, hat man schon gehört. Aber nicht fühlen können? Dass auf einmal die ganze Körperoberfläche keine Signale mehr aufnehmen kann, scheint unvorstellbar. Und doch: Ob angeboren oder durch Krankheit verursacht - manche Menschen nehmen bestimmte Reize oder sogar den eigenen Körper einfach nicht mehr wahr. Was das Fühlen wirklich für unser Leben bedeutet, wird erst richtig klar, wenn dabei etwas völlig falsch läuft.

Einem jungen Mann wird ein Kopfverband angelegt. (Rechte: Mauritius/André Pöhlmann)

Oft wünscht man sich, dass Schmerzen einfach verschwinden

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Schmerzlos glücklich?

Womit Medikamentenhersteller so werben, klingt manchmal nach der Antwort auf die Gebete aller Rückengeschädigten und Migränepatienten: "Endlich schmerzfrei" oder "Wir stoppen den Schmerz da, wo er entsteht". Aber was wäre denn, wenn wir wirklich völlig schmerzfrei wären? In der Evolution hat sich das Schmerzempfinden als Warnsignal entwickelt. Schmerzen sagen uns, dass unserem Körper gerade Schaden zugefügt wird. In der Regel lösen sie bei uns ein Verhalten aus, das uns einerseits veranlasst, uns aus der "Gefahrenzone" zu retten und andererseits den Heilungsprozess zu fördern. Deshalb halten wir ein gebrochenes Bein still oder fahren bei einer Blinddarmentzündung ins Krankenhaus. Menschen, die ohne Schmerzempfindungen leben, sind in echter Gefahr. Sie können sich zwar wie alle Menschen schwer verletzen, spüren aber ihre Wunden nicht. Was zuerst wie ein Geschenk des Himmels klingt, entpuppt sich für die Betroffenen schnell als Fluch. Besonders wenn sie eines Tages von inneren Verletzungen betroffen sind, die auch von der Umwelt nicht erkannt werden.

Ein Fakir mit Turban und langem Bart ruht sich auf einem Nagelbrett aus. (Rechte: AKG/Herbert Ponting) (Rechte: AKG/Herbert Ponting)

Der Schein trügt: Auch Fakire empfinden Schmerzen

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Aus Pakistan, aber auch aus anderen Ländern, wurden Fälle von mehreren Kindern bekannt, die frei von Schmerzempfinden auf die Welt kamen. Sie nehmen Kälte, Wärme, Berührung oder den eigenen Körper völlig normal wahr. Unter dem Gefühl Schmerz können sie sich aber nichts vorstellen. Wenn sie älter werden, beginnen manche der Kinder, zum Beispiel beim Fußballspiel, Gesten zu imitieren, die Schmerz ausdrücken. Denn Schmerzäußerungen haben auch eine soziale Komponente: Sie zeigen, dass wir menschlich und "verletzlich" sind. Die Körper dieser Kinder zeigen deutlich, dass Schmerzfreiheit alles andere als ein Segen ist: Aufgeschürfte Knie oder blaue Flecken bleiben zwar unbeachtet, aber auch alle anderen Verletzungen. Die Kinder sind von Narben übersät, haben teilweise ihre Zunge oder Fingerkuppen abgekaut und ihre Beine und Arme sind krumm von unentdeckten und deshalb unbehandelten Knochenbrüchen.

Gerade die kleinen Unfälle der Kindheit bringen uns bei, welche Situationen und Verhaltensweisen potenziell gefährlich sein können und deshalb zu vermeiden sind. Ein pakistanischer Junge erregte mit seinen Auftritten als Straßenkünstler Aufsehen. Er rammte sich Messer in die Arme oder lief über glühende Kohlen. Im Gegensatz zu anderen Fakiren spürte er jedoch tatsächlich nicht einmal ein unangenehmes Gefühl. Kurz vor seinem 14. Geburtstag starb er dann nach einem Sprung von einem Hausdach.

Das Strumpf-Handschuh-Gefühl

Völlige Schmerzfreiheit kommt nur sehr selten vor. Etwas häufiger ist das sogenannte "Strumpf- und Handschuh-Gefühl". Arme und Beine zeigen bei den Betroffenen eine geringere Sensibilität, als ob sie ständig Strümpfe und Handschuhe tragen würden. Dabei kann der Gefühlsverlust von einem verringerten Schmerzempfinden bis zur völligen Taubheit gehen. Das Symptom kann angeboren sein, aber auch durch Krankheiten verursacht werden.

Die Infektionskrankheit Lepra war schon zu biblischen Zeiten bekannt. Im Volksglauben herrschte lange die Meinung vor, dass Leprakranken Arme und Beine verfaulen und dann abfallen. Tatsächlich liegt auch bei der Lepra eine Störung des Fühlens zugrunde. Die Infektion mit dem Bakterium Mycobacterium leprae führt zum Absterben von Nervenzellen. Die Patienten nehmen Wunden nicht mehr wahr und laufen deshalb Gefahr, ihre Gliedmaßen zu verlieren. Dass Arme und Beine abfallen, hat aber einen realen Hintergrund. Die "Aussätzigen" waren oft gezwungen, unter katastrophalen Hygienebedingungen zu leben. Da sie in Armen und Beinen nichts fühlen konnten, merkten sie nicht, wenn Ratten ihnen im Schlaf Finger und Zehen abnagten.

Auch "Diabetes mellitus", die sogenannte Zuckerkrankheit, kann zum Strumpf-Handschuh-Gefühl führen. Diese Krankheit ist vor allem in wohlhabenderen Ländern weit verbreitet. Wird sie nicht behandelt, wirkt sie sich auch auf die Nerven aus. Diese werden durch den zu hohen Blutzuckerspiegel geschädigt. Das Ergebnis: Arme und Beine verlieren ihre Fähigkeit zu fühlen.

Auf einer Treppe steht ein durchsichtiger Mann in Pluderhosen. Er wird von einem Mädchen und zwei jungen Soldaten beobachtet, die sich verstecken. Bild aus dem Schwarz-Weiß-Film 'Das Gespenst von Canterville', 1944. (Rechte: ARD-Filmredaktion) (Rechte: ARD-Filmredaktion)

Ohne Propriozeption fühlt man sich körperlos

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Aus der Haut gefahren

Man hat sie geträumt oder vielleicht auch schon erlebt: diese Situationen, in denen man von tausenden Menschen angestarrt wird und merkt, dass man völlig fehl am Platz ist und noch dazu unmöglich aussieht. Mal ehrlich, wer hat sich noch nie gewünscht, sich in Luft aufzulösen? Dieser Wunsch kann in Erfüllung gehen, aber ganz anders als erwartet. Denn neben dem Verlust der Schmerzwahrnehmung kann auch die Eigenwahrnehmung verloren gehen. Von allen möglichen Krankheitsbildern ist das sogenannte "akute sensorische Neuropathie-Syndrom" wohl für Nichtbetroffene am schwersten vorstellbar. Es bedeutet, nicht mehr zu wissen, wo sich die eigenen Körperteile gerade befinden. Es bedeutet, sie zwar zu sehen, aber nicht zu spüren, dass sie wirklich einem selbst gehören. Es bedeutet, wieder wie ein Kleinkind zu lernen, wie man sich bewegt und sich für immer selbst dabei beobachten zu müssen.

Aus der Vergangenheit sind nur relativ wenige Fälle von "Körperlosen" bekannt. Meist verläuft ihr Leben völlig normal, bis eine Infektion oder Vergiftung die Zerstörung der Nervenzellen für die Berührungsempfindung und die Selbstwahrnehmung auslöst. In seinem Buch "Pride and a Daily Marathon" ("Stolz und ein täglicher Marathon") erzählt der britische Neurophysiologe Jonathan Cole die unglaublich scheinende Geschichte eines jungen Mannes, der im Alter von 19 Jahren sein Körpergefühl verliert. Er spürt zwar Wärme, Kälte und auch Schmerzen, kann sie aber nicht mehr seinem Körper zuordnen. Da er weder die Berührung seines Körpers mit dem Betttuch, noch den Boden unter den Füßen spüren kann, fühlt er sich, als triebe er ohne Körper durch den Raum.
Ohne Rückmeldung aus dem Körper hat das Gehirn für seine Bewegungsbefehle keine Anhaltspunkte. Der junge Mann kann sich nicht kontrolliert bewegen und seine Körperteile beginnen, selbstständig in die verschiedensten Richtungen zu wandern. Im Laufe der Zeit lernt er wieder neu, seinen Körper zu koordinieren. Durch höchste Konzentration und ständige optische Kontrolle schafft er es, zu gehen und sogar einen Beruf auszuüben. Diese mentale Anstrengung, die hinter jeder scheinbar alltäglichen Bewegung steckt, ist für gesunde Menschen nicht vorstellbar.

Julia von Sengbusch, Stand vom 01.06.2009

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Collage aus Bildmotiven des Themas Sinne (Rechte: WDR)

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