Kings Einfluss in der DDR - Interview mit Bürgerrechtler Georg Meusel
Planet Wissen (PW): Wie kamen Sie auf die Idee mit der Briefmarkenausstellung?
Georg Meusel (G.M.): Mich haben Briefmarken schon als Kind fasziniert. Ich hätte mir aber nie die Mühe gemacht, wenn ich nicht damit Martin Luther Kings Gedankengut unter die Leute hätte bringen können. Ich wollte es unzensiert aus den Kirchenmauern herausbringen. Das ging offiziell nur, indem ich Briefmarken, Briefe und Dokumente als philatelistische Ausstellung zusammenstellte.
PW: Wie war die Reaktion der Besucher, die Ihre Ausstellung sahen?
G.M.: Viele Tausend Menschen haben meine Ausstellung gesehen und die Reaktion war sehr gut. Sie wurde ja auch im Ausland gezeigt, zum Beispiel bei einer Freundschaftsausstellung 1978 in Stalingrad/Wolgograd. Ich durfte damals die Ausstellung nicht begleiten. Zurück bekam ich eine Bronzeplastik von Leo Tolstoi , mit dem Vermerk, dass er ja ebenfalls ein Vertreter der Gewaltlosigkeit gewesen sei. Das hat mir gezeigt, dass es auch in Russland Menschen gab, die genau wussten, um was es mir ging.
PW: Welche offizielle Stellung hatte Martin Luther King in der DDR?
G.M.: Es gab keine offizielle Stellung. Einerseits war er, als Kritiker des Establishments der USA und als Gegner des Vietnamkriegs, eine anerkannte Persönlichkeit. Andererseits konnte die Partei nichts mit seiner Gewaltlosigkeit anfangen. Der DDR, die vom anti-imperialistischen Befreiungskrieg sprach, waren solche Gedanken sehr fremd.
PW: Sie haben dafür gesorgt, dass die bekannte Filmdokumentation über King "Dann war mein Leben nicht umsonst" 1987 in der DDR gezeigt wurde. Das war bestimmt auch nicht einfach zu bewerkstelligen?
G.M.: Das hat einen langen Atem erfordert. Zuerst wollten die kirchlichen Stellen nicht helfen, den Film in die DDR zu holen. Dann fehlten uns 3000 D-Mark. Freunde aus der Friedensbewegung im Westen haben für uns gesammelt, doch am Ende fehlten immer noch 500 D-Mark. Für die Summe habe ich dann in 100 Briefen Briefmarken für Philatelisten im West aus der DDR geschmuggelt.
PW: Wie haben Sie die erste Aufführung des Filmes erlebt?
G.M.: Ich war schon überwältigt. Die Erstaufführung fand bei uns im Kirchengemeindehaus statt. Der Andrang war so groß, dass die Stühle nicht gereicht haben. Es wurde dann noch eine zweite Vorstellung an dem Tag einberaumt.
PW: Wie sind Sie eigentlich persönlich mit Kings Ideen in Berührung gekommen?
G.M.: An den ersten Kontakt kann ich mich gar nicht mehr so genau erinnern, aber es wurde ja, besonders in der kirchlichen Presse, über King berichtet. 1965, auf einem regionalen Kirchentag der evangelischen Kirche, erzählte dann unser Landesjugendwart Fritz Reschke über den Busboykott von Montgomery. Mich hat besonders fasziniert, welche Rolle einfache Menschen dabei gespielt haben.
PW: Was hat Sie noch an King beeindruckt?
G.M.: Das politische Christentum. Er hat das gesagt, was eigentlich die Kirche hätte sagen müssen. Laut der Bergpredigt: "Selig sind die auf Gewalt verzichten, denn sie werden das Erdreich besitzen."
PW: Nachdem Martin Luther King Ihr Leben so stark geprägt hat, gibt es etwas, was Sie ihm gerne persönlich gesagt hätten?
G.M.: Dass ich mich bei ihm bedanken möchte. Sein Gedankengut hat mir persönlich und auch anderen in der Friedens- und Bürgerrechtsbewegung sehr geholfen. Und ich würde ihm sagen wollen, dass seine Gedanken auch nach seinem Tod aktuell geblieben sind, dass sie sich auf andere gesellschaftliche Systeme, wie das der DDR, übertragen ließen.
PW: In den USA hat er und die Bürgerrechtsbewegung viel verändert. 40 Jahre nach seinem Tod wurde dort zum ersten Mal ein schwarzer Präsident gewählt. Glauben Sie, dass sich durch Barack Obama etwas ändern wird?
G.M.: Ja. Selbstverständlich ist Obama kein neuer King, kein Friedensengel, kein Prophet. Er hat sich aber während des Wahlkampfs immer wieder auf ihn bezogen. Ich habe große Hoffnung, dass mit Obama die amerikanische Politik, vor allem die Außenpolitik, nicht mehr so gewaltvoll seien wird und dass es im Landesinneren mehr Gerechtigkeit gibt.
Birgit Amrehn, Stand vom 09.12.2008








