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Freud und Leid eines Mann-Herausgebers

Beim Fischer-Verlag in Frankfurt wird an einem Editionsprojekt gearbeitet, das bis 2015 den "ganzen Mann" der Öffentlichkeit präsentieren will: Die "Große kommentierte Frankfurter Ausgabe" wird alle literarischen Werke Thomas Manns, aber auch seine Essays, Reden, Briefe und Tagebücher in 38 Bänden zusammenführen - eine wahre Herkulesaufgabe, der sich die 15 Herausgeber da stellen. Einen von ihnen, den emeritierten Literaturprofessor Hermann Kurzke aus Mainz, haben wir gefragt, was zwischen den Zeilen von Thomas Mann eigentlich übrig bleibt.

Mann im grauen Jackett sitzt vor Bücherwand und stützt Kopf sinnend in die linke Hand. (Rechte: Fischer-Verlag)

Thomas-Mann-Forscher: Herausgeber Hermann Kurzke

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Planet Wissen (PW): Der "ganze Mann" in einer dickleibigen wissenschaftlichen Ausgabe - braucht denn ein Klassiker wie Thomas Mann überhaupt Fußnoten, Quellenvergleiche, Worterläuterungen? Eigentlich denken wir doch, dass seine Texte für uns noch immer ganz direkt verständlich sind!

Prof. Hermann Kurzke (H.K.): Zunächst einmal: Natürlich wird es die bewährten Einzelausgaben weiter geben. Unsere Edition wendet sich nur an einen kleinen Prozentsatz aller Thomas-Mann-Leser - an all jene, die es tatsächlich genau wissen wollen. Das muss aber nicht nur der Wissenschaftler, das kann auch ein Mann-Enthusiast ohne universitären Hintergrund sein! Unsere Ausgabe möchte den Text sozusagen "räumlich" werden lassen, ihn aufladen mit Einzelheiten aus der Zeit seiner Entstehung und seiner Wirkungsgeschichte. Bei uns kann man etwa nachlesen, dass Thomas Mann die Liebesbriefe, die er seiner Braut Katia vor der Heirat 1905 zusandte, damals wortgetreu noch einmal abgeschrieben hat - um sie Jahre später schließlich für seinen Roman "Königliche Hoheit" zu verwenden. Ich finde, hinter solchen Einzelheiten verbergen sich faszinierende Geschichten. Der Leser bekommt einen ganz intimen Blick auf Thomas Mann, auf seine Arbeitsweise und seine Zeit.

Zwei weiße Bände, der Roman "Doktor Faustus" und der dazugehörige Kommentarband, in einem stabilen grauen Pappschuber. (Rechte: Fischer-Verlag)

Schön fürs Auge: Leineneinband und edler grauer Schuber

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PW: Auf eine historisch-kritische Ausgabe hat der Verlag bewusst verzichtet - wie hätte die im Fall von Thomas Mann denn ausgesehen?

H.K.: Nun, bei einer historisch-kritischen Ausgabe versucht man, alle Stadien der Niederschrift, alle Überlieferungszeugnisse möglichst einzubeziehen - vom ersten Entwurfzettelchen über die Handschriften, Abschriften und den Erstdruck bis hin zu allen folgenden Drucken. Allerdings würden wir da bei einem so produktiven Autor wie Thomas Mann schnell bei 250 Bänden landen! Stattdessen entscheidet sich bei uns jeder Herausgeber für eine Textgestalt - also zum Beispiel für die Handschrift, den Erstdruck oder einen späteren, von Mann noch einmal autorisierten Druck -, und das ist dann unser Grundtext. Dokumentiert werden lediglich diejenigen Abweichungen, von denen wir uns einen Erkenntniswert versprechen.

PW: Wie trifft man denn die Entscheidung für eine bestimmte Textgestalt?

H.K.: Als Faustregel kann man sagen: Wenn man sich für die Handschrift entscheidet, dann ist der leitende Gedanke, dass man dem Autor gerecht werden will. Entscheidet man sich für den Erstdruck, will man in erster Linie der geschichtlichen Situation gerecht werden, in die der Text hineinwirkte. Ein einfaches Beispiel: Als Thomas Mann "Lotte in Weimar" veröffentlichte, 1939 während der Nazi-Zeit, durften seine Werke nicht in Deutschland gedruckt werden. Die Folge war, dass holländische Setzer die Druckplatten erstellt haben, verlegt wurde das Buch in Schweden - und als die ersten Fahnenabzüge hergestellt wurden, saß Mann auf dem Schiff Richtung USA und konnte nicht mehr Korrektur lesen. Deswegen wimmelt es in diesem Erstdruck vor Rechtschreib- und Zeichensetzungsfehlern - schließlich sprachen die Setzer ja kein Deutsch! In diesem Fall wählt man natürlich die Handschrift. Die ist glücklicherweise in Genf erhalten geblieben - das ist längst nicht bei allen seinen Texten der Fall.

PW: Und wie halten Sie es mit der neuen Rechtschreibung?

H.K.: Da richten wir uns klar nach der Orthographie, die bei Thomas Mann zu finden ist - was zum Teil auch bedeutet, dass unsere Ausgaben anders aussehen als diejenigen, die heute in Umlauf sind. Die "Buddenbrooks" beispielsweise sind ja sogar noch vor der ersten großen Rechtschreibreform von 1903 entstanden - statt "Dusche" wird da "Douche" geschrieben, "giebt" steht für "gibt", oft findet sich statt "t" ein "th", etwa für "Thür" oder "Thee". Das sind alles Schreibweisen, die man in späteren Ausgaben korrigiert hat - und wir haben das nun gleichsam wieder rückübersetzt in die Originalgestalt.

PW: Wirkt das nicht ein wenig schrullig?

H.K.: Das kann man so empfinden - andererseits ist das durchaus auch ein raffinierter Effekt: Der Text wird sozusagen "aufgerauht", er bekommt eine ganz andere, fremde Anmutung. Gerade im Fall der "Buddenbrooks" spürt man dadurch viel stärker die kulturelle Atmosphäre, die in einem gebildeten Patrizierhaus wie dem der Familie Buddenbrook herrschte - wo man etwa oft Französisch sprach, weil das als die Sprache der gesitteten Welt galt. Man taucht gewissermaßen ein in das Textgeschehen und dessen Zeit.

PW: Ist Ihnen selbst Thomas Mann während der Arbeit an seinen Texten am Ende auch wieder fremd geworden? Oder tritt eher das Gegenteil ein: Man meint ihn irgendwann ganz genau zu kennen und hat ihn dann auch ein bisschen satt?

H .K.: Das ist mir bei Thomas Mann nie so gegangen. Vor Jahrzehnten habe ich einmal an einer Erich-Kästner-Edition mitgearbeitet - und schon nach einem Band war mir dieser Mann entsetzlich langweilig. Wir Editoren müssen ja auch herausfinden, was der Autor gelesen hat für seine Werke, wo er sich Anregungen geholt hat. Und Kästner hat - anders als Thomas Mann - alles ganz schnell, ganz schlampig rezipiert und dann einfach nur seine Kästner-Stilsoße darübergegossen. Thomas Mann ist da viel subtiler.

Handschriftliche erste Seite der "Tristan"-Novelle, der Titel unterstrichen ganz oben. (Rechte: AKG)

Ordentliche Handschrift: Autograph von Manns "Tristan"-Novelle.

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PW: In welche Tiefen des Archivs steigen Sie denn genau hinab für eine Edition?

H.K.: Im Idealfall will ich alles gelesen haben, was Thomas Mann auch gelesen hat. Bei der Großen Kommentierten Edition besorge ich zwei Bände: die Essays von 1914 bis 1926 und die "Betrachtungen eines Unpolitischen" von 1918 - ein verruchtes Buch, mit dem sich Thomas Mann in den Augen vieler Leser als nationalkonservativer Hetzschriftsteller diskreditiert hat, was ich allerdings für falsch halte. Spannend an diesem Buch ist, dass man es eigentlich wie ein Feuerwerk von Zitaten lesen kann, gewissermaßen wie das Echo einer bestimmten Zeitstimmung: Viele Wendungen hat Mann einfach übernommen, mit oder ohne Anführungszeichen, in der Regel, ohne dass er die Quelle offenlegt.

Für den Kommentarapparat habe ich versucht, die originalen Fundorte sämtlicher Zitate zu dokumentieren. Das heißt zum Beispiel, dass ich die Tageszeitungen, die Thomas Mann während des Ersten Weltkriegs abonniert hatte, durchpflügen musste. Und wenn man bedenkt, dass etwa die "Münchner Neuesten Nachrichten" damals nicht nur eine Morgenausgabe, sondern auch eine Abend-, manchmal sogar eine Mittagsausgabe hatten, kann man sich vorstellen, welchen Aufwand das bedeutet.

PW: Man wird also gewissermaßen zum Detektiv über einer solchen Arbeit?

H.K.: Durchaus - und am besten kommt man dabei voran, wenn man sich ganz genau in Thomas Manns Kopf hineindenkt, ihn gewissermaßen spürt bei der Arbeit. Wenn ich beispielsweise ein bestimmtes Buch in die Hand nehme, von dem ich weiß, dass er es beim Schreiben zu Rate gezogen hat, dann genügt mir mittlerweile schon ein Blick ins Inhaltsverzeichnis, und ich kann mir vorstellen, welche Seite er aufgeschlagen haben wird. Auf diese Weise kann ich seinen Schaffensprozess Tag für Tag nachvollziehen: Man lacht mit ihm, man ist gemeinsam mit ihm ernst. Das ist eine Arbeit, die nie langweilig wird - selbst wenn es, wie beim ersten Band, den ich betreut habe, fünf Jahre dauert.

PW: Wäre das dann vielleicht der ultimative Test, ob man es mit einem Klassiker zu tun hat - wenn er einem nie langweilig wird?

H.K.: Ja, die guten Autoren, die halten es aus, dass man sich wieder und wieder mit ihnen beschäftigt. Schlechte Bücher hat man beim ersten Mal verstanden und ist dann damit fertig.

Interview: Kerstin Hilt, Stand vom 08.07.2009

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