Interview: Boxen – eine Extrembelastung für die Psyche?
Planet Wissen (PW): Ist Boxen ein Sport, bei dem die Psyche besonders wichtig ist?
Hans-Dieter Hermann (H.H.): Ja, definitiv. Boxen ist eine Eins-zu-eins-Situation, in der jede Sekunde zählt. Wenn man nicht aufmerksam ist, kann der Kampf jederzeit zu Ende sein. Auch ein Schwächerer kann einen Stärkeren in einem Moment der Unaufmerksamkeit voll erwischen. Und es gibt keine Möglichkeit zur Flucht. Man muss durchhalten und in die Augen seines Gegners blicken. Psychologisch betrachtet ist Boxen eine hochinteressante Sportart.
PW: Im Gegensatz zu den meisten anderen Sportarten kommt man beim Boxen seinem Gegner sehr nahe. Macht es das stressiger?
H.H.: Leistungssport ist generell Stress, egal in welcher Sportart. Die entscheidende Frage ist ja nicht unbedingt: Wer kann etwas am besten? Sondern: Wer kann am besten unter Druck handeln? Beim Boxen entsteht eine besondere Drucksituation durch die Nähe zum Gegner. Ein anderer Mensch ist immer direkt in deinem persönlichen Raum und versucht dich zu treffen - damit muss man umgehen können. Das erfordert eine besondere Klarheit der eigenen Gedanken. Auch Dominanzsignale an den Gegner sind sehr wichtig. Das kann zum Beispiel eine gute Körperhaltung oder auch ein klarer Blick sein.
PW: Gibt es Menschen, die eher als Boxer geeignet sind als andere? Existiert eine "Boxerpersönlichkeit"?
H.H.: Nein. Weder im Boxen noch in anderen Sportarten. Alle Untersuchungen in diese Richtung sind gescheitert und brachten kein diesbezüglich interpretierbares Ergebnis. Was ich aus meiner Erfahrung sagen kann, ist, dass Boxer nicht dem Klischee entsprechen. Das sind oft sehr am Leben interessierte Personen, die viel Tiefgang haben und sehr sensibel sind. Als ich vor ein paar Jahren Psychologe der deutschen Box-Nationalmannschaft wurde, war ich überrascht über den hohen Bildungsstand der damaligen Kaderathleten. Über die Hälfte von ihnen hatte Abitur – und alle ein besseres als ich. (lacht)
PW: Manchmal fängt der Kampf ja schon an, bevor die Gegner in den Ring steigen: Mit Herabwürdigungen und Beleidigungen im Vorfeld. Kann man damit etwas bewirken?
H.H.: Wenn man den Gegner damit trifft, durchaus. Dann sind die Beschimpfungen beim Wiegen mehr als Show. Es findet allerdings kaum noch statt. Im olympischen Amateurboxen sowieso nicht und bei den Profis selten. Die Klitschkos machen das nicht, und Henry Maske hat darauf immer verzichtet.
PW: Muhammad Ali allerdings nicht. Inwieweit hat sein Mundwerk ihm geholfen, zum "Greatest of all Time" zu werden?
H.H.: Für mich ist Ali gewissermaßen der Vater der angewandten Sportpsychologie. Denn er hat für den Leistungssport eines klar gemacht: Gedanken haben einen großen Einfluss auf unser Handeln, auf uns selbst und nicht zuletzt auf unser Gegenüber. Ich muss erst von mir überzeugt sein, bevor ich andere von mir überzeugen kann - diese Einstellung hat er in Perfektion vermittelt. Ali hat seinem Gegner den eigenen Niedergang prophezeit, und dieser hat sich im Kopf so sehr damit beschäftigt, dass genau das eingetreten ist. Man muss allerdings nicht alles gutheißen, was er gesagt und getan hat. Gerade in Europa war er lange als Großmaul verschrien, und als er gegen Joe Frazier verlor, sahen das viele mit Genugtuung, weil er immer getönt hatte. Später hat Ali geschrieben, dass er innerlich teilweise ganz anders tickte, dass aber das Tönen wichtig war, um seine Ziele zu erreichen.
PW: Sind aggressivere Menschen die besseren Boxer?
H.H.: Wenn man das Austeilen von Schlägen als eine neutrale sportliche Handlung bezeichnet und nicht sofort mit Aggressionen gleichsetzt, ist Boxen ein ganz besonders fairer Sport. Da könnten sich andere Sportarten eine Scheibe abschneiden. Man muss nur mal bei 95 Prozent aller Boxkämpfe sehen, mit wie viel Respekt der Gegner behandelt wird. Wie sich Boxer kurz mit der Faust berühren, um sich zu entschuldigen, wenn etwas schief lief. Wie sie sich nach dem Kampf umarmen. Und hinterher gehen sie oft zusammen Pizza essen. Brutale Aktionen mit der Absicht, den Gegner zu schädigen, habe ich nie erlebt. Eine gesunde Aggressivität gehört im Leistungssport allerdings immer dazu. Man will schließlich seine Ziele erreichen und besser sein als der andere.
PW: Wie viele Boxer arbeiten mit Sportpsychologen zusammen?
H.H.: Ich schätze, dass die Hälfte aller Boxer psychologische Unterstützung in Anspruch nimmt. Das können mal ein paar Gespräche sein, mal eine Begleitung im Training vor einem wichtigen Kampf und mal sind Psychologen kontinuierlich dabei. Bei der Nationalmannschaft arbeiten alle Boxer mit Psychologen, weil das dem Bundestrainer sehr wichtig ist. Da gibt es immer einen Ansprechpartner, und das gilt auch für die Nachwuchsmannschaften.
PW: Wie kann ein Psychologe einen Boxer noch stärker machen?
H.H.: Es gibt unterschiedliche Übungen, die man machen kann. Ein Teil bezieht sich auf die Konzentration, die sehr wichtig ist. Nicht nur im Kampf selbst, sondern schon in der Vorbereitung. Die Konzentrationsfähigkeit lässt sich durch mentales Training steigern. Aber auch die Regeneration ist wichtig. So muss man beispielsweise eine gute Atemtechnik haben, um bei Bedarf schnell wieder runterzukommen. Und natürlich die Selbstmotivation. Dass man sich nach einem Fehler, nach einem Treffer des Gegners oder bei deutlichem Punkterückstand wieder selbst pushen kann.
PW: Es scheint so, als falle es gerade Boxern schwer, ihre Karriere zu beenden. Viele wagen ein Comeback oder boxen noch mit Mitte 40.
H.H.: Das sieht man praktisch nur im Profiboxen, nicht bei den Amateuren. Geld spielt natürlich oft eine Rolle. Man ist 48 und bekommt zwei Millionen Dollar geboten, damit man sich eine dicke Hose anzieht - da können viele nicht Nein sagen und machen eben noch mal einen Kampf, weil sie einen großen Namen haben. Aber nicht immer spielt das Finanzielle eine Rolle, die Gründe sind unterschiedlich. Bei Henry Maske kann ich mir zum Beispiel gut vorstellen, dass es ihn wirklich gejuckt hat, dass er dachte, er müsse es sich selbst noch einmal beweisen. Ich denke, er hat diesen Reiz des Boxens in anderen Bereichen des Lebens nicht mehr erlebt und sah da noch einmal eine Chance, die er beeindruckend genutzt hat. Wer mal in einer vollen Halle geboxt hat und weiß, wie ein Sieg schmeckt, wer nach einem gewonnenen Kampf keine Schmerzen hat, während nach einer Niederlage bei gleicher Trefferzahl alle Knochen weh tun, der wird den Kampf im Ring richtig vermissen, wenn ihm sein neues Leben so etwas nicht bieten kann.
Ingo Neumayer, Stand vom 03.04.2008








