Die zweite Generation der RAF

Ein langer Gefängnisgang mit blank gewienertem Boden. Nach links und rechts gehen zahlreiche Zellen ab, die mit dicken roten Stahltüren verschlossen sind.

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Die zweite Generation der RAF

Die erste Generation der RAF um Baader, Meinhof und Ensslin verband mit ihren Aktionen politische Ziele. Ihre Mitglieder veröffentlichten Grundsatzpapiere, in denen diese Ziele festgehalten waren. Protest gegen Kapitalismus und Imperialismus waren für die zweite RAF-Generation dagegen zweitrangig. Ihr Interesse konzentrierte sich im Wesentlichen darauf, die Mitglieder der ersten RAF-Generation freizupressen, so wie es die Inhaftierten von ihnen forderten. RAF-intern hieß das Ziel: "Big Raushole".

Baader-Meinhofs Nachfolger

Den Kern der zweiten RAF-Generation bildeten anfangs Baaders Anwalt Siegfried Haag, nach dessen Verhaftung Brigitte Mohnhaupt und Christian Klar. Mohnhaupt hatte schon zur ersten Generation der RAF gehört und war eines der wenigen Mitglieder der zweiten Generation, das die Inhaftierten persönlich kannte. Sie hatte mit Baader eine Haftstrafe verbüßt und handelte nun als sein verlängerter – und freier – Arm.

Terror im Ausland

Am 24. April 1975 überfielen sechs RAF-Mitglieder die deutsche Botschaft in Stockholm. Sie nahmen zwölf Geiseln und richteten zwei Diplomaten hin. Die Forderung: Freilassung von 26 Gefangenen, darunter die RAF-Spitze. Aber die Bundesregierung unter Kanzler Helmut Schmidt (SPD) lehnte einen Gefangenenaustausch ab.

Brigitte Mohnhaupt.

Mohnhaupt war Baaders verlängerter Arm

Die Geiselnahme von Stockholm war für alle ein Desaster – auch für die Täter. Denn der Sprengsatz, den die RAF als Drohung ausgelegt hatte, explodierte im falschen Moment und setzte das gesamte Gebäude in Brand. Die beiden Geiselnehmer Ulrich Wessel und Siegfried Hauser starben. Alle anderen erlitten schwere Verbrennungen.

Die Anschläge der zweiten RAF-Generation lösten in der Bundesrepublik fast hysterische Terrorangst aus. Überall gab es Straßensperren, Personenkontrollen und schwer bewaffnete Polizisten. Während die erste Generation der RAF noch zahlreiche Sympathisanten in der Bevölkerung hatte, blieben der zweiten nur wenige. Das lag vor allem an der ständig wachsenden Brutalität der RAF.

"Offensive 77"

1977 startete die Rote Armee Fraktion eine Anschlagserie, die sie selbst "Offensive 77" nannte. Am 7. April 1977 wurden Generalbundesanwalt Siegfried Buback, sein Fahrer und der Leiter der Fahrbereitschaft auf dem Weg zur Arbeit erschossen. Buback war als Generalbundesanwalt der oberste Ankläger in Deutschland.

Tatort des Buback-Attentats mit zugedeckter Leiche von Siegfried Buback

Der Tatort des Buback-Attentats

Mit ihm starb eine Symbolfigur der deutschen Ermittlungsbehörden – ein Schock für die Bonner Republik. Und ein Tiefschlag für die Fahnder. Die hatten schon seit einiger Zeit gewusst, dass ein Anschlag auf "Margarine" geplant war, konnten den Codenamen aber erst entschlüsseln, als der Mord schon geschehen war. Siegfried Bubacks Initialen waren "SB" – so hieß auch eine Margarinenmarke.

Das nächste Opfer folgte wenig später: Am 30. Juli 1977 wurde Jürgen Ponto getötet. Dem Vorstandssprecher der Dresdner Bank wurde eine alte Freundschaft zum Verhängnis. Susanne Albrecht war die Schwester von Pontos Patenkind. Ponto wusste nicht, dass sie auch Mitglied der RAF war. Er ließ Albrecht, Mohnhaupt und Klar bis in seine Küche vor und wurde dort erschossen.

Der genaue Tathergang ist bis heute ungeklärt. Ponto wurde von fünf Schüssen getroffen, ein sechster verfehlte ihn. Susanne Albrecht sagte in ihrem Prozess aus, Klar und Mohnhaupt hätten beide gezielt auf den Banker geschossen. Ob dies geschah, weil der Banker sich handgreiflich gegen eine Entführung zur Wehr setzte, oder ob die Terroristen die Nerven verloren, wie Albrecht nahe legte, ist eines von vielen Rätseln, die die RAF heute noch aufgibt.

Der "Deutsche Herbst"

Der traurige Höhepunkt im Terrorjahr 1977 kam mit dem Herbst. Am 5. September wurde Arbeitgeberpräsident Hanns Martin Schleyer entführt, sein Fahrer und drei Sicherheitsbeamte erschossen. Elf RAF-Gefangene sollten im Austausch gegen Schleyer freigelassen werden. Mehrere Ultimaten der RAF verstrichen folgenlos. Die Bundesregierung hatte längst entschieden, sich nicht erpressen zu lassen und die Gefangenen auf keinen Fall freizugeben.

Unter dem Symbol der RAF sitzt Schleyer und hält ein Plakat mit dem Datum 13.10.77 hoch.

Hanns Martin Schleyer am Tag der Entführung der Landshut

Am 13. Oktober 1977 wurde die Situation noch dramatischer. Palästinensische Terroristen entführten die Lufthansa-Maschine "Landshut" auf dem Weg von Mallorca nach Frankfurt, um die Forderungen der RAF zu unterstützen.

Die Befreiung wurde der erste Einsatz für die GSG 9, die Eliteeinheit des Bundesgrenzschutzes. Am 18. Oktober um 0.05 Uhr stürmten sie das Flugzeug in Mogadischu (Somalia), töteten drei der vier Entführer und befreiten alle Geiseln. Um 0.12 Uhr war der Einsatz beendet. Als Reaktion darauf beging die Spitze der ersten RAF-Generation in Stammheim Selbstmord.

Am folgenden Morgen wurde Hanns Martin Schleyer erschossen im Kofferraum eines Autos in Mülhausen aufgefunden. Er war das elfte Opfer der RAF im Terrorjahr 1977.

Das letzte Kapitel der RAF

Nach dem Selbstmord der RAF-Spitze zeigten sich erste Auflösungserscheinungen. Anfang der 1980er Jahre tauchten viele RAF-Mitglieder in der DDR unter. Zwar wurden weiterhin Morde im Namen der RAF begangen, doch die Intensität des Terrors nahm ab und mit ihr die Angst.

Die Auseinandersetzung zwischen der RAF und dem Staat kostete 61 Menschen das Leben. 34 wurden durch die Rote Armee Fraktion ermordet, 27 starben in den Reihen der RAF.

Am 20. April 1998 war alles vorbei. In einem achtseitigen Schreiben an verschiedene Presseagenturen verkündete die RAF ihre Auflösung: "Vor 28 Jahren am 14. Mai 1970 entstand aus einer Befreiungsaktion die RAF. Heute beenden wir dieses Projekt. Die Stadtguerilla in Form der RAF ist nun Geschichte."

Autorin: Christine Buth

Stand: 08.05.2018, 09:47

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