Fluchtwege über das Mittelmeer

Flüchtlinge beim Ausruhen.

Flüchtlinge

Fluchtwege über das Mittelmeer

Von Alicia Rust

Das Mittelmeer gilt als eine der meistbefahrenen Routen der Welt. Kein anderes Gewässer wird derart lückenlos überwacht. Dennoch sinken mittendrin Boote, überladen mit Menschen, die auf eine bessere Zukunft in Europa hofften.

Übers Wasser – schnell, aber gefährlich

In den vergangenen Jahren haben täglich Tausende von Menschen ihr Leben riskiert, um in die Europäische Union einzureisen. Aus ihren Heimatländern sind sie vor Krieg geflohen, vor Vertreibung, Armut und Unterdrückung. Und die Zahl derer, die aus Krisengebieten fliehen und nach Europa wollen, steigt beständig an.

Doch seit 2017 nimmt die Zahl derer, die es tatsächlich in ein Land der Europäischen Union schaffen, wieder ab, denn die EU hat ihre Außengrenzen weitgehend geschlossen. Viele Flüchtlinge entscheiden sich für den gefährlichen Wasserweg, gilt er doch als der schnellste Weg, um ohne Einreisegenehmigung nach Europa zu kommen.

Weil es keine legalen Zuwanderungsmöglichkeiten gibt,  sind sie häufig auf teilweise skrupellose Schleuser angewiesen, die ihre "Kunden" mitunter in seeuntauglichen oder überladenen Schiffen transportieren. Im Wesentlichen gibt es drei Hauptrouten, um die Flüchtlinge übers Wasser nach Europa zu bringen.

Flüchtlinge geraten in Kontakt mit Grenzpolizisten.

Nichts hält die Menschen mehr in ihrem Heimatland

Spanien und Italien

Die westliche Route übers Mittelmeer führt von Marokko aus auf das spanische Festland. Die meisten dieser Flüchtlinge kommen aus Marokko, Mali, Guinea oder der Elfenbeinküste. Ein klarer Vorteil dieser Route ist die geringe Entfernung zum europäischen Festland.

Die Mehrzahl der Flüchtlinge nutzt jedoch die zentrale Mittelmeerroute. Diese führt von Libyen oder von Tunesien aus nach Italien. Die meisten Flüchtlinge, die diese Route benutzen, kommen ursprünglich aus den Ländern Tunesien, Pakistan, Elfenbeinküste oder Algerien.

Zahlreiche Flüchtlinge strandeten in den vergangenen Jahren zunächst auf der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa. Aufgrund ihrer Lage gilt die kleine Mittelmeerinsel als der südlichste Zipfel Europas. Sie liegt genau zwischen Tunesien und Sizilien. Die Insel war lange Zeit ein erstes Anlaufziel für Flüchtlinge, da die Entfernung zu Tunesien nur rund 140 Kilometer beträgt.

Doch Lampedusa steht inzwischen auch als Symbol für eine verfehlte EU-Flüchtlingspolitik. Für den Tod von unzähligen Menschen, für deren Schicksal sich offenbar niemand wirklich zuständig fühlt, insbesondere seit Italien 2017 mit Libyen ein Abkommen geschlossen hat: Die „libysche Küstenwache“ fängt Schlepperboote mit Flüchtlingen ab und erhält dafür Geld von Italien und der EU. Allerdings wird dieses Abkommen oft kritisiert, denn es gibt viele Berichte darüber, dass die „libysche Küstenwache“ selbst teilweise aus Menschenhändlern besteht, die Flüchtlinge misshandeln.

Eine Gruppe von Flüchtlingen läuft auf einer Straße.

In Lampedusa strandeten in den vergangenen Jahren viele Flüchtlinge

Beschwerliche Ausweichrouten

Es gibt noch einen weiteren Fluchtweg über das Mittelmeer: die sogenannte östliche Route. Diese führt über die Türkei nach Griechenland. Seit Ausbruch des Krieges in Syrien Anfang 2011 versuchen viele Menschen über diesen Weg in die Europäische Union zu gelangen. Besonders von Syrern, Afghanen, Kongolesen und Irakern wird diese Fluchtroute genutzt.

Die gefährlichste aller Fluchtrouten über das Meer ist hingegen die westafrikanische Route. Denn der Atlantik ist unruhiger und damit risikoreicher als das Mittelmeer. Viele Flüchtlinge aus Westafrika nehmen den Weg auf die Kanaren, um von dort aus aufs spanische Festland zu gelangen.

Seit 2016 gibt es auf allen großen Mittelmeerrouten verschiedene Abkommen, sogenannte "Flüchtlings-Deals": seit 2016 zwischen der EU und der Türkei, seit 2017 zwischen Italien und Libyen und schon seit längerer Zeit zwischen Spanien und Marokko. Das Prinzip ist immer das gleiche: Die EU gibt Geld und Ausrüstung, dafür hindert die Küstenwache des jeweiligen Landes die Menschen an der Überfahrt nach Europa.

SWR | Stand: 25.04.2020, 14:00

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