Binnenflüchtlinge – Vertriebene im eigenen Land

Mädchen in einer provisorischen Grundschule in einem Flüchtlingslager im Tschad.

Flüchtlinge

Binnenflüchtlinge – Vertriebene im eigenen Land

Binnenflüchtlinge bilden den größten Anteil unter den Vertriebenen weltweit. Doch im Gegensatz zu Flüchtlingen, die ihr Land verlassen, haben sie weniger Grundrechte und auch die Hilfsangebote sind geringer. 34 Millionen Menschen in mehr als 50 Staaten waren 2015 im eigenen Land auf der Flucht.

Zahl der Binnenflüchtlinge steigt

Die offizielle Definition eines Flüchtlings besagt, dass sich die betreffende Person außerhalb des Staates aufhält, dessen Staatsangehörigkeit sie besitzt. Allerdings lässt sich in den vergangenen Jahren immer häufiger das Problem der Binnenflucht beobachten: Menschen müssen ihren Heimatort verlassen und flüchten in eine andere Gegend ihres eigenen Landes, von der sie sich vorerst Sicherheit versprechen.

Binnenflüchtlinge gibt es vor allem in Ländern mit internen Konflikten wie Bürgerkriegen, verfeindeten Volksstämmen, Guerilla-Bewegungen oder kriminellen Organisationen. Aber auch durch Bauprojekte wie Staudämme oder Kraftwerke verlieren Menschen ihr Land und werden zur Flucht gezwungen.

Laut Angaben des UN-Flüchtlingshilfswerks hat sich die Anzahl der Binnenflüchtlinge, die bei Hilfseinrichtungen Schutz und Unterstützung suchen, zwischen 1999 und 2015 fast vervierfacht. Insgesamt waren von den gut 60 Millionen Menschen, die sich Mitte 2015 auf der Flucht befanden, mehr als 34 Millionen Binnenflüchtlinge.

Binnenflüchtlinge sind rechtlich schlechter gestellt

Da Binnenflüchtlinge nicht unter die gängige Flüchtlingsdefinition fallen, stehen ihnen auch nicht dieselben Rechte zu. Es gibt keine internationale Konvention, die die Betroffenen schützt, selbst eine allgemeingültige Definition ist bislang nicht erfolgt. Für Binnenflüchtlinge sahen sich internationale Hilfsorganisationen oft nicht zuständig, zudem wurde ihnen von den betreffenden Staaten oft der Zugang zu den Flüchtlingen erschwert.

Die Staatengemeinschaft tat sich schwer damit, sich in die inneren Angelegenheiten eines souveränen Staates einzumischen. Zumal es oft (wie zum Beispiel im Sudan oder in Simbabwe) die Regierung selbst ist, die die Vertreibungen veranlasst. Auch die Hilfe und Unterstützung in Form von Vor-Ort-Maßnahmen wurde lange Zeit vernachlässigt.

Im neuen Jahrtausend hat jedoch ein Umdenken im Umgang mit Binnenflüchtlingen stattgefunden. So einigten sich das UN-Flüchtlingshilfswerk sowie diverse große Hilfsorganisationen 2005 auf eine bessere Koordination und umfassenderen Schutz für Binnenflüchtlinge.

Vor allem nach dem Ende eines Konfliktes, wenn Flüchtlinge und Binnenvertriebe in ihre Heimatregionen zurückkehren und dort ähnliche Probleme erfahren, sollen die Hilfsmaßnahmen für die beiden Flüchtlingsgruppen besser koordiniert werden.

Allerdings kommt es vor, dass die Vor-Ort-Hilfe die Lage noch weiter verkompliziert. Denn je wirksamer die Hilfsmaßnahmen für Binnenvertriebene sind, desto schwerer haben es Flüchtlinge aus diesem Land, in Drittstaaten Asyl zu beantragen.

Auf einem unbelebten Marktplatz in einem kongolesischen Lager für Binnenflüchtlinge 2007 werden kärgliche Waren angeboten.

Spärliches Angebot: Markt in einem Lager im Kongo

70 Prozent der Binnenflüchtlinge sind Frauen und Kinder

Binnenvertriebene sind meist die ärmsten und schwächsten Beteiligten an einem Konflikt. Die Hilfsorganisation Terre des Hommes schätzt, dass 70 Prozent der Binnenflüchtlinge Frauen und Kinder sind. Auf ihrem langen und beschwerlichen Weg in Gebiete, von denen sie sich mehr Sicherheit versprechen, sind sie weiteren Gefahren ausgesetzt.

Flüchtlingstrecks werden oft von bewaffneten Gruppen verfolgt und ausgeplündert, Frauen und Mädchen werden vergewaltigt, Kinder und Jugendliche werden verschleppt und als Kindersoldaten zwangsrekrutiert, oft fehlt es an medizinischer Versorgung und an genug Nahrung.

Und auch wenn das Ziel erreicht ist, bleibt die Lage oft dramatisch. Die meisten Vertriebenen hoffen, möglichst schnell wieder in ihre Heimat zurückkehren zu können, und leben in Provisorien. Viele lassen sich in überlaufenen Notunterkünften und Slums nieder, wo sich Krankheiten schnell ausbreiten und die Versorgung mit Lebensmitteln und Kleidung schlecht ist. Zudem fehlen meist die beruflichen Perspektiven: Da es kaum Arbeit gibt, sehen viele Kriminalität und Prostitution als einzigen Ausweg.

Zwei Mädchen hinter Stacheldraht in einem Flüchtlingslager im sudanesischen Darfur.

Binnenflüchtlinge sind meist jung und weiblich

Vielfältige Ursachen: Bürgerkriege, Landraub, Bauprojekte

Binnenflüchtlinge gab es laut den Vereinten Nationen Mitte 2015 in mehr als 50 Ländern. Oft sind es Bürgerkriege zwischen verfeindeten Volksstämmen oder politischen Gegnern, die die Vertreibungen auslösen. Das ist vor allem in Zentral- und Ostafrika der Fall. So war der Sudan lange Zeit das Land mit der höchsten Anzahl an Binnenflüchtlingen weltweit (sechs Millionen).

Besonders die Krisenregion Darfur, in der sich Regierungstruppen und Rebellen bekämpften, erlangte ab 2003 traurige Berühmtheit. Allein dort haben zweieinhalb Millionen Menschen ihre Heimat verloren, der Konflikt strahlt auch auf die Nachbarländer Tschad und die Zentralafrikanische Republik aus.

Ende 2007 entsandte der UN-Sicherheitsrat eine Friedenstruppe in die Region, um die Lage für die Zivilbevölkerung zu verbessern. Erst mit der Unabhängigkeit des Südsudans im Jahr 2011 kam etwas Ruhe in die Region.

Ein weiterer Krisenherd bildete sich Ende April 2009 im Rahmen des "Kriegs gegen den Terror" im Nordwesten Pakistans. Seit die pakistanische Regierung dort militärisch gegen die radikalislamische Taliban vorgeht, sind zweieinhalb Millionen Menschen aus der Gegend geflüchtet.

In Kolumbien sind es paramilitärische Verbände und kriminelle Banden, die die Bewohner von ihrem Land vertreiben, um dort Palmen, Holz, Bananen oder Drogen anzubauen. Die betroffenen Regionen sind meist schwer zugänglich, die Vertriebenen, deren Anzahl auf knapp vier Millionen geschätzt wird, können nicht mit staatlicher Hilfe rechnen.

Ein kolumbianischer Farmer bereitet Bananenstauden zum Abtransport vor.

Bananenanbau: Fluchtgrund in Kolumbien

Autor: Ingo Neumayer

Stand: 23.08.2017, 11:25

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