An Bord der Seenotrettung auf dem Mittelmeer

Gerhard Trabert mit Mund- und  Nasenbedeckung.

Flüchtlinge

An Bord der Seenotrettung auf dem Mittelmeer

Von Andrea Wieland

Gerhard Trabert ist Arzt und Sozialmediziner. Seit Jahren ist er auch immer wieder im Ausland unterwegs. Unter anderem für zwei bis drei Wochen im Jahr auf einem Seenotrettungsschiff im Mittelmeer.

Planet Wissen: Wie kamen Sie zu Sea-Watch e.V., der Initiative, die sich der zivilen Seenotrettung im zentralen Mittelmeer verschrieben hat?

Gerhard Trabert: Mit einer Studentengruppe bin ich 2015 durch Deutschland gereist, um verschiedene Einrichtungen für geflüchtete Menschen anzuschauen. Wir erfuhren, dass in Hamburg ein Fischkutter zu einem Seenotrettungsschiff umgebaut wird. Daraufhin bin ich mit meinen Studenten nach Hamburg gefahren. Dort haben wir uns mit den Organisatoren getroffen. Sie sagten, Mediziner können wir auch gebrauchen. Darauf habe ich spontan gesagt: Ja super, da bin ich sofort dabei.

Was haben Sie bei Ihrem ersten Einsatz erlebt?

Wir sind 2015 von der italienischen Mittelmeerinsel Lampedusa aus gestartet. Bis vor die libysche Küste sind wir gekommen, aber dann hatten wir einen Motorschaden und mussten wieder zurück. Unterwegs erhielten wir von der italienischen Leitstelle die Information, dass ein Schiff in unserer Nähe am Sinken sei.

Nicht helfen zu können – das muss sehr belastend für alle an Bord gewesen sein.

Das war es. Und es kam noch schlimmer: Die Reparatur des Motorschadens zog sich hin. Wir hatten noch überlegt, spontan ein Segelschiff zu mieten, aber auch das klappte nicht.  

Ein Jahr später waren Sie erneut mit Sea-Watch e.V. unterwegs. Diesmal ohne Panne. Was waren Ihre Aufgaben als Mediziner an Bord?

Bei so einem Einsatz muss jeder alles machen. Man muss auch mal in den Maschinenraum. Da kann man nicht sagen, ich bin hier nur für das Medizinische zuständig. Aber wenn geflüchtete Menschen an Bord kamen, war das natürlich meine Aufgabe, sie zu versorgen.

Welche Verletzungen haben Sie behandelt?

Zum Teil stammten die Verletzungen aus der Zeit vor der Flucht in Libyen. Sie wurden den Menschen im Lager oder von Schleppern zugefügt: Schnittverletzungen und Wunden. Ein Mann hatte wahrscheinlich ein gebrochenes Bein. Ein großes Thema war Dehydrierung. Dazu kommt es schnell in einem Gummiboot ohne Sonnendach und mit nur wenigen Wasservorräten. Sie müssen sich das so vorstellen: Außen sitzen meist die Männer und in der Mitte die Frauen und Kinder. Dort sammelt sich ein aggressives Gemisch aus Salzwasser, Diesel und Fäkalien. Daher haben wir auch viele Hautwunden behandelt. Und mal abgesehen von den körperlichen Leiden, waren viele Geflüchtete total erschöpft und niedergeschlagen.

2019 waren Sie mit der Organisation RESQSHIP unterwegs. Damals wurden viele Schiffe auf dem Mittelmeer beschlagnahmt. Wie ist es Ihnen gelungen, trotzdem Menschen zu retten?

Wir tarnten uns als Segelschulschiff. Das war mit ein Grund, warum wir ungehindert von Malta aus starten konnten. Zum Teil waren wir das einzige Boot. Alle anderen Seenotrettungsboote wurden beschlagnahmt oder festgehalten.

2020 verschärfte sich die Situation. Aufgrund der Corona-Pandemie durften die Seenotretter keinen Hafen ansteuern, sondern wurden auf dem Meer versorgt. War das eine notwendige Sicherheitsvorkehrung?

Ich bin davon überzeugt, dass Corona als Grund vorgeschoben wurde. Man hätte trotzdem Schiffe einen Hafen anlaufen lassen und danach die Besatzung in Quarantäne schicken können. Ich habe den Eindruck, dass die Fokussierung auf die Covid-19-Pandemie – was nachvollziehbar ist – auch dazu führt, dass die Seenotrettung von Geflüchteten derzeit überhaupt kein Thema ist. Man hört immer mal wieder, dass Menschen ertrunken sind, dass es auch jetzt wieder mehr Menschen versuchen zu fliehen. Aber es sind kaum zivile Seenotretter da. Das Sterben geht weiter, aber es geht stiller weiter.

Gerhard Trabert mit Mund- und Nasenschutz im Flüchtlingscamp.

Sozialmediziner Gerhard Trabert im Flüchtlingscamp

Seit März 2020 gibt es die "19. Schiffssicherheitsanpassungsverordnung". Viele Hilfsorganisationen sind sauer auf die Bundesregierung. Wie geht es Ihnen damit?

Es ist eine Katastrophe. Jedem ist klar, diese Verordnung dient nur dazu, die zivile Seenotrettung zu verhindern. Ich kann das nicht in Worte fassen, was das für ein emotionaler Moment war, zum ersten Mal einen weißen Fleck – die Gummiboote sind meistens weiß – am Horizont zu entdecken. Und dann kommt es näher und dann sitzen da 160 Menschen dicht gedrängt beisammen. 90 Prozent können nicht mal schwimmen. Ein bisschen stärkerer Wellengang reicht aus und es fallen Menschen ins Wasser und ertrinken. Als sie bei uns an Bord waren, waren viele erschöpft, aber auch total erleichtert. Einige sogar euphorisch. Und wir wussten, ihr seid noch nicht angekommen.

Was ist Ihnen noch in Erinnerung geblieben?

Einmal im Morgengrauen hatte ich Dienst. Mit dem Fernglas habe ich – wie immer - den Horizont abgesucht. Plötzlich entdeckte ich ein kleines Holzboot mit 20 Menschen an Bord. Hätte ich in diesem Moment dieses Boot nicht entdeckt, dann wäre es weitergetrieben und wahrscheinlich wären die Menschen auf dem Meer umgekommen. Das zu spüren, wie sehr alles an einem seidenen Faden zwischen Tod und Leben hängt, das ist unglaublich. Alles hängt davon ab, ob wir konzentriert mit dem Fernglas schauen oder nicht. Das kann doch nicht sein.

Machen Sie solche Erlebnisse wütend?

Ich habe das Gefühl, man will verhindern, dass Menschen flüchten, aber es ist ihr gutes Recht. Die EU boykottiert und kriminalisiert die Seenotrettung, anstatt zu helfen. Das macht mich sprachlos.

Wollen Sie wieder mit an Bord der Seenotrettung?

Ich werde mich bei Sea-Watch 4 bewerben. Die Organisation RESQSHIP plant ebenfalls ein neues Schiff. Und dann wieder für zwei bis drei Wochen. Für mich ist es eine Möglichkeit, meine Solidarität den Menschen gegenüber zu zeigen.

SWR | Stand: 06.02.2021, 18:00

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