Das U-Heft

Das Bild zeigt den Fragebogen "Beobachtungen zur Früherkennungsuntersuchung U4". Rechts sind neben den Fragen in den "Ja"-Feldern mit einem Kugelschreiber Kreuze gemacht worden.

Kinderkrankheiten

Das U-Heft

Von Britta Schwanenberg, Annette Holtmeyer und Tobias Aufmkolk

Bereits einige Sekunden nach der Geburt kommt die Gesundheit eines Kindes das erste Mal auf den Prüfstand. Das Ergebnis der ärztlichen Untersuchung wird in ein gelbes Vorsorgeheft eingetragen, welches das Kind bis zur Einschulung begleitet.

Bei den kostenlosen Untersuchungen sollen Entwicklungsstörungen oder gesundheitliche Probleme ausgeschlossen werden, die nur der erfahrene Kinderarzt entdecken kann. Dennoch nehmen nicht alle Eltern das Angebot wahr.

Das wichtige erste Jahr: von der U1 bis zur U6

Herz, Lunge, Haut, Muskelspannung und Reflexe – um diese fünf Aspekte geht es in der ersten Untersuchung U1 unmittelbar nach der Geburt. Für die jeweilige Funktion werden Punkte zwischen 0 und 2 vergeben. Alles zusammengerechnet ergibt am Ende den sogenannten Apgar-Wert, benannt nach der amerikanischen Narkoseärztin Viginia Apgar, die den Test in den 1950er-Jahren entwickelte.

Ein kerngesunder Säugling, der die Geburt ohne Probleme überstanden hat, erreicht einen Wert von 8 bis 10. Auch in den anderen fünf Untersuchungen im ersten Lebensjahr blickt der Kinderarzt auf einige Aspekte besonders genau, denn in diesem Jahr werden die Weichen für eine gesunde Entwicklung gestellt.

Eine Ärztin hält ein Baby an einem Bein in die Luft und lässt es kopfüber über einer Ablage baumeln.

Die erste Untersuchung erfolgt nach der Geburt

Bereits eine Woche nach der Geburt, meist noch in der Entbindungsklinik, werden bei der U2 Organe, Geschlechtsteile, Haut und Knochen untersucht. Mit einem speziellen Haltegriff testet der Arzt das Hüftgelenk. Eine erste Blutprobe, für die aus der Ferse des Säuglings Blut entnommen wird, soll zeigen, ob es Hinweise auf Stoffwechselerkrankungen oder Hormonstörungen gibt.

Die U3 folgt zwischen der vierten und sechsten Lebenswoche. Die angeborenen Reflexe und die Körperfunktionen werden erneut überprüft, außerdem kontrolliert der Arzt noch einmal das Hüftgelenk und die Reaktionen des Kindes.

Die U4 findet zwischen dem dritten und vierten Lebensmonat des Kindes statt. Während dieser Untersuchung versucht der Arzt erstmals, einen direkten sozialen Kontakt zu dem Kind herzustellen. Gesunde Kinder sollten in der Lage, den Blick nach der Stimme einer Bezugsperson zu richten. Zudem testen die Ärzte das Greifverhalten sowie das Hör- und Sehvermögen des Säuglings.

Bei der U5 geht es vor allem darum, die Beweglichkeit und Körperbeherrschung des rund sechs Monate alten Säuglings zu beurteilen. Der Arzt prüft, ob das Kind sich abstützen und hochziehen kann, ob es seinen Kopf hält und gezielt nach Dingen greift. Auch Hör- und Sehvermögen werden getestet. In einem Gespräch mit dem Arzt soll geklärt werden, ob es Probleme gibt, beispielsweise beim Schlafen, Trinken oder bei der Verdauung.

Die sogenannte "Einjahresuntersuchung", die U6, konzentriert sich erneut auf die Überprüfung der Beweglichkeit und Körperbeherrschung. Jetzt erkundigt sich der Arzt aber auch schon nach der sprachlichen Entwicklung und dem allgemeinen Verhalten, die bei den späteren Untersuchungen vom Kleinkind bis zum Schulkind immer stärker im Vordergrund stehen werden.

Weitere Untersuchungen: U7 bis U9

Die folgenden Vorsorgeuntersuchungen U7, U7a, U8 und U9 werden jeweils im Abstand von circa einem Jahr durchgeführt. Sie sollen zeigen, ob die geistige, sprachliche und körperliche Entwicklung des Kindes einen normalen Verlauf nimmt.

Die Ärzte untersuchen die grob- und feinmotorische Entwicklung und weisen auf mögliche Sozialisations- und Verhaltensstörungen hin. Zuguterletzt äußert sich der Arzt auch zur erwartenden Schulreife des Kindes, die allerdings kurz vor der Einschulung vom Gesundheitsamt durch die Schuleingangsuntersuchung bestätigt werden muss.

Ärzte fordern mehr Vorsorgeuntersuchungen

Während die Untersuchungen im ersten Jahr von fast allen Eltern wahrgenommen werden, registrierte die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung später lange Zeit eine deutliche Abnahme.

Für besonders problematisch hielten die Experten, dass insbesondere Familien aus bildungsfernen und sozial schwachen Schichten das Angebot versäumten.

Das Pilotprojekt "Ich geh zur U! Und Du?" war von 2004 bis 2010 ein erster Versuch der Bundesregierung, diese Eltern der Drei- bis Fünfjährigen zum Arztbesuch zu ermutigen.

Die Aktion richtete ihren Blick vor allem auf Kitas in sozialen Brennpunkten. Diesen stellte das Ministerium Arbeitsmaterialien und Ideen für Projekte zur Verfügung, um die Akzeptanz der Untersuchungen bei den Eltern zu erhöhen – mit Erfolg. Von Jahr zu Jahr ist der Anteil stetig gestiegen.

Einige Bundesländer haben zudem ein verbindliches Einlade- und Meldewesen eingeführt. Eltern, die ihre Kinder bis zum vorgeschriebenen Zeitpunkt nicht zu einer Untersuchung angemeldet haben, erhalten einen Brief vom örtlichen Gesundheitsamt.

Die Jugendämter haben dann die Möglichkeit, Auffälligkeiten in bestimmten Familien zu überprüfen. Verpflichtend ist die Teilnahme an den Untersuchungen dadurch aber nicht geworden. Die Briefe dienen lediglich als Druckmittel.

Seit in den vergangenen Jahren immer mehr Fälle von Kindesmisshandlung in sozial schwachen Familien bekannt wurden, ist unter Politikern und Ärzten der Ruf laut geworden, die U-Untersuchung zur Pflicht zu machen – beispielsweise indem man die Zahlung des Kindergeldes an das regelmäßige Erscheinen beim Kinderarzt koppelt.

Der Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte in Deutschland fordert zudem ein engmaschigeres Netz von Vorsorgeuntersuchungen.

WDR | Stand: 31.03.2020, 10:26

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