Physiotherapie – Welche Methode ist die richtige?

Krankengymnastik – Wie wirksam ist Physiotherapie Planet Wissen 02.07.2021 05:30 Min. Verfügbar bis 02.07.2026 SWR

Rückenschmerzen

Physiotherapie – Welche Methode ist die richtige?

Von Angelika Wörthmüller

Physiotherapie kann gegen Rückenschmerzen & Co. helfen – wenn die richtige Praxis und die passende Methode gefunden sind. Wann ist eine Ganganalyse angebracht, welche Rolle spielen die Faszien und was leistet Osteopathie bei schmerzenden Muskeln?

Physiotherapie kann viel bewirken

Physiotherapie spielt eine wichtige Rolle in der Medizin. Die gesetzlichen Krankenversicherungen finanzierten 2019 insgesamt 266 Millionen Behandlungssitzungen.

Doch die Erfolge einer physiotherapeutischen Behandlung sind sehr unterschiedlich. Mehr als ein Drittel der Verordnungen betrifft Rückenschmerzen – trotzdem sorgen Rückenschmerzen für jährlich mehr als 14 Millionen Fehltage am Arbeitsplatz.

Manche Patienten leiden über Jahrzehnte unter denselben, wiederkehrenden Beschwerden, ohne nennenswerten Erfolg der Behandlung. Dann aber kann ganz plötzlich der Durchbruch gelingen, wenn endlich die richtige Physiotherapie-Praxis gefunden ist. Das liegt weniger an der jeweiligen Sympathie zwischen Patient und Therapeut, sondern an der Qualität der Behandlung.

Das übliche Rezept für sechsmal Physiotherapie lässt nur einen engen Spielraum. Der Zeitrahmen von 15 bis 25 Minuten pro Sitzung ist sehr knapp bemessen für Befund, Behandlung und Anleitung für die Übungen zu Hause. Das reicht oft nicht aus, um eine nachhaltige Besserung zu bewirken. Das Körpergewebe braucht eine Weile, bis es für Reize, etwa durch manuelle Therapie, überhaupt empfänglich wird. Das ist ein Grund für die Wirkungslosigkeit von Behandlungen.

Ein anderer Grund: Dort, wo es schmerzt, liegt gar nicht das eigentliche Problem. Bei Knieschmerzen etwa ist oft gar nicht das Knie Schuld, sondern Fuß oder Hüfte sind der Auslöser. "Die eigentliche Ursache der Beschwerden zu finden, ist ein bisschen wie Detektivarbeit", sagt die Berliner Physiotherapeutin Gefa Naegler. Sie bietet ihren Patienten zusätzliche Therapiestunden an, die über die Kassenverordnung hinausgehen, und dann als Privatleistung oder über Zusatzversicherungen abgerechnet werden.

Physiotherapeuten kämpfen seit Jahren um mehr Anerkennung in der Medizin. Aufgrund ihrer umfangreichen Ausbildung wären sie eigentlich qualifiziert genug, um auch ohne ärztliche Verschreibung tätig zu sein. Dann wären sie nicht mehr an den zu eng gesteckten Zeitrahmen gebunden. Die begrenzten Handlungsmöglichkeiten und die bescheidenen Honorare von Physiotherapeuten haben den Beruf unattraktiv gemacht – immer weniger Auszubildende beginnen diese Laufbahn. Durch bessere Entlohnung und eine Aufwertung im Medizinsystem könnte das eigentliche Potenzial der Physiotherapie besser ausgeschöpft werden.

Rückenschmerzen werden oft falsch diagnostiziert

Wenn der Rücken schmerzt, muss das nicht unbedingt körperliche Gründe haben. Stress ist einer der häufigsten Auslöser, zum Beispiel durch Druck am Arbeitsplatz, belastende Beziehungen oder emotionale Krisen. Eine der häufigsten Ursachen für eine Fehldiagnose bei Rückenschmerzen ist die Missachtung dieser psychosozialen Faktoren. Das Empfinden von Schmerz ist das Ergebnis der Reizverarbeitung im Gehirn. Ist die Amygdala – der Mandelkern im Gehirn, in dem Angst und Emotionen verarbeitet werden –aktiviert, werden Reizsignale aus dem Rücken auch eher als Schmerz interpretiert als in entspannten Lebenssituationen.

Rückenschmerzen können aber auch entstehen, wenn der Körper aus dem Lot geraten ist. Auch wenn es uns nicht bewusst ist: Die Schwerkraft spielt bei jeder Bewegung eine entscheidende Rolle. Um überhaupt – entgegen der Schwerkraft – aufrecht stehen zu können, muss Muskelkraft aufgewandt werden. Der Körperschwerpunkt, der im Becken liegt, steht dabei senkrecht zum Boden. Dieses komplexe Zusammenspiel kann durch verschiedene Faktoren gestört sein, zum Beispiel durch eine Fehlhaltung wie ein Hohlkreuz, durch zu schwach ausgeprägte Bauchmuskulatur oder eine verspannte Rückenmuskulatur. Auch ein dicker Bauch, der die Rückenmuskeln zu verstärkter Arbeit zwingt, kann eine Ursache sein.

Den richtigen Gang einlegen Planet Wissen 02.07.2021 07:00 Min. Verfügbar bis 02.07.2026 SWR

Eine Bewegungsanalyse ist oft ein wichtiges Element, um der Ursache von Rückenschmerzen auf die Spur zu kommen. Beim Beobachten des Gangs erkennen geschulte Therapeuten, ob der Körperschwerpunkt verschoben ist oder sich ungünstige Gangmuster eingeschlichen haben. Das erfordert sowohl Erfahrung als auch entsprechende Räumlichkeiten, die eine ausreichende Gehstrecke ermöglichen. Viele physiotherapeutische Praxen haben schlicht zu wenig Platz, um eine Ganganalyse durchzuführen. Deshalb besser vorab erkundigen, über welche Angebote eine Praxis verfügt!

Die Therapie von Rückenschmerzen erfordert meist geduldiges Üben. Denn um sich alte, ungünstige Bewegungsmuster abzugewöhnen, braucht es 3000 bis 4000 Wiederholungen. Betroffene müssen also regelmäßig zu Hause trainieren.

Osteopathie löst verborgene Blockaden

Die Osteopathie ist ein Teilgebiet der Manuellen Therapie. Mit speziellen Grifftechniken nimmt sie Einfluss auf das Zusammenspiel von Muskeln, Faszien, Gelenken und Organen. Dabei werden diese Körpersysteme als eine Einheit gesehen. Ist ein Bereich gestört, hat dies Auswirkungen auf alle anderen. So betrachtet die Osteopathie bei Hüftschmerzen zum Beispiel auch die Lage der Leber. Ist ihre Aufhängung verrutscht, kann das zu viel Zug auf die Hüftmuskulatur ausüben. Dort setzen dann die osteopathischen Grifftechniken an.

Osteopathie – Dysfunktionen erkennen, Blockaden lösen Planet Wissen 02.07.2021 03:44 Min. Verfügbar bis 02.07.2026 SWR

"Das bewegliche System Mensch möchte alle Kraft, die entsteht, weiterleiten", erklärt Physiotherapeutin Gefa Naegler, die in ihrer Praxis auch mit Osteopathie arbeitet. "Wenn sich Teile der Bewegungskette nicht mehr adäquat bewegen, bleibt Kraft stecken und es entstehen Blockaden." Diese kann die Osteopathie lösen.

Faszien machen Bewegungen geschmeidig

Weiße Fasern umhüllen sämtliche Muskeln, Nerven und Organe – die Faszien. Es ist ein ganzes Netz aus Bindegewebe, das den menschlichen Körper durchzieht. Faszien speichern Wasser und wirken als eine Art Puffer, der verhindert, dass Muskeln direkt aneinander reiben und der für Geschmeidigkeit der Bewegungen sorgt.

Wissenschaftler haben festgestellt, dass Faszien sehr empfindlich auf emotionale Belastung reagieren. Stress-Botenstoffe machen sie steif und lassen den Wassergehalt sinken. Das kann zu Schmerzen führen. Andere Studien konnten diese Beobachtung jedoch nicht bestätigen.

Sicher ist aber, dass Faszien bei Muskelschmerzen eine wichtige Rolle spielen. Für die Physiotherapeutin Gefa Naegler stehen die Faszien im Zentrum des Schmerzgeschehens. "Wenn man die Biomechanik physikalisch betrachtet, dann ist es zwar der Muskel, der sich zusammenzieht, aber die Faszien sind davon unmittelbar betroffen, denn der Muskel verdickt sich bei der Kontraktion und diese Kraft wirkt auf die Faszien. Sie sind eine Art Messfühler im Körper, der Kräfte misst und verteilt."

Faszien – Bindegewebe lockern, Schmerzen lindern Planet Wissen 02.07.2021 04:09 Min. Verfügbar bis 02.07.2026 SWR

Ob Faszienrollen ein gutes Hilfsmittel sind, muss jeder Mensch für sich ausprobieren. Am wichtigsten für gesunde Faszien ist regelmäßige Bewegung und Dehnung des Muskels. Ebenso wichtig wie das Muskelaufbautraining ist die anschließende Entspannung der Muskulatur. Wer dabei nicht selbst das passende Training und die richtigen Übungen findet, der sollte sich beraten lassen. Manchmal reichen schon wenige Stunden bei einem Physiotherapeuten oder einem Personal-Trainer, um ein individuell zugeschnittenes Bewegungsprogramm zusammenzustellen.

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SWR | Stand: 21.06.2021, 17:00

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