Essstörungen

Detailaufnahme: Eine sehr dünne Frau misst ihre Taille mit einem Zentimetermaß, nur Bauch, Hände und Jeans sind zu sehen

Krankheiten

Essstörungen

Von Annette Holtmeyer und Katrin Ewert

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung verspeisen in kurzer Zeit große Portionen. Betroffene mit Magersucht hingegen essen zu wenig. Eines haben beide Gruppen gemeinsam: Das Verhältnis zum Essen und zum eigenen Körper ist bei ihnen gestört.

Was ist eine Essstörung?

Essstörungen gehören zu den häufigsten psychischen Krankheitsbildern im Erwachsenenalter. Die meisten Betroffenen entwickeln sie bereits als Jugendliche oder junge Erwachsene. Oft bleibt die Störung über mehrere Jahre und in einigen Fällen sogar ein Leben lang bestehen.

In Deutschland sind etwa 14 von 1.000 Frauen und fünf von 1.000 Männern betroffen. Laut einer Analyse der Kaufmännischen Krankenkasse (KKH) von 2019 haben Essstörungen in den vergangenen Jahren stetig zugenommen. Mediziner unterscheiden drei Hauptformen: Binge-Eating-Störung (Esssucht), Bulimie (Ess-Brech-Sucht) und Anorexie (Magersucht). Es gibt auch Patienten, die an einer Mischform erkrankt sind.

Binge-Eating-Störung (Esssucht)

"Bei Chips kann ich erst aufhören zu futtern, wenn die Tüte leer ist." Das kennt fast jeder. Von einer Binge-Eating-Störung oder Esssucht sprechen Ärzte erst, wenn Menschen regelmäßig und über längere Zeit solche Essattacken haben. Betroffene verzehren mitunter in einer Stunde 2000 Kalorien und mehr – so viel wie andere über den Tag verteilt.

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung sind fast immer stark übergewichtig. Einige beginnen immer wieder Diäten oder legen Fastentage ein, die dann in der Regel aber von der nächsten Essattacke durchkreuzt werden.

Personen mit einer Binge-Eating-Störung haben während des Anfalls das Gefühl, nicht kontrollieren zu können, was und wie viel sie essen. Sie können häufig erst aufhören, wenn sie Bauchschmerzen bekommen.

Eine Frau auf dem Sofa mit vielen Kuchenstücken und Chipstüten

Während einer Attacke ist das Essen wie ein Zwang

Nach den Anfällen fühlen sich die Betroffenen meist niedergeschlagen. Sie verspüren Ekel gegen sich selbst und haben Schuldgefühle. Wenn der Frust zu groß wird, ist der einzige Trost wiederum das Essen – ein Teufelskreis. Die Betroffenen essen aus Scham meist allein und verheimlichen die Anfälle vor Freunden und Familie.

In Deutschland sind etwa ein bis fünf Prozent der Bevölkerung betroffen. Experten geben an, dass etwa 25 Prozent der "Binge-Eater" Männer sind. Damit liegt deren Anteil deutlich höher als bei anderen Essstörungen. Die Betroffenen entwickeln die Störung meist im Alter von 20 bis 30 Jahren.

Nicht nur das zwanghafte Essen und das Übergewicht macht den Betroffenen zu schaffen, oft leiden sie auch unter DepressionenSchlafstörungen und Stress. Die Krankheit kann außerdem DiabetesHerz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck verursachen.

Auch das Krebsrisiko steigt, weil das Fettgewebe verschiedene krebsauslösenden Mechanismen im Körper begünstigt. Es produziert etwa einen Überschuss an Östrogen, den Mediziner für Brustkrebs und Gebärmutterschleimhautkrebs verantwortlich machen. Fettzellen produzieren zudem das Hormon Leptin, dass das Zellwachstum anregt und dadurch das Krebsrisiko erhöht.

Ein Mann steht vor einem geöffneten Kühlschrank und isst ein Sandwich

Etwa 25 Prozent der Esssüchtigen sind Männer

Bulimie (Ess-Brech-Sucht)

Das Wort Bulimie ist aus dem Griechischen abgeleitet und lässt sich mit "Ochsenhunger" übersetzen. Die Symptome dieser Störung sind zunächst einmal ähnlich wie bei der Esssucht: regelmäßige Heißhungerattacken, bei denen Betroffene große Portionen essen.

Der Unterschied ist, dass sie nach diesen Essanfällen ihren Mageninhalt möglichst schnell wieder loswerden. Je nachdem, welches Mittel sie dafür wählen, unterscheiden Mediziner den Purging- und den Non-Purging-Typ.

Betroffene mit dem Purging-Typ der Bulimie suchen nach der Essattacke die Toilette auf und übergeben sich. Einige nehmen auch Abführmittel oder entwässernde Medikamente ein, um nicht zuzunehmen.

Personen mit dem Non-Purging-Typ hingegen treiben exzessiv Sport und halten nach der Essattacke strikte Diäten und Fastenzeiten ein.

Nimmt man beide Typen zusammen, sind etwa 1,3 bis 1,7 Prozent der Frauen und 0,1 bis 0,5 Prozent der Männer betroffen. Im Gegensatz zur Binge-Eating-Störung entwickelt sich die Bulimie meist früher, im Alter von 15 bis 19 Jahren.

Anders als Menschen mit einer Binge-Eating-Störung oder Magersucht sieht man Betroffenen mit Bulimie ihre Störung zunächst nicht an. Häufig haben sie ein normales Gewicht oder sind schlank, denn sie sorgen durch das Erbrechen dafür, dass ihr Körper die gegessenen Kalorien-Massen kaum verwerten kann.

Trotz des Normalgewichts finden sich Menschen mit Bulimie in der Regel zu dick. Ihr Aussehen ist ihnen sehr wichtig und sie haben große Angst davor, zuzunehmen.

Junge Frau liegt bäuchlings auf einem Bett und hält dabei einen Eimer fest

Auf die Ess-Attacke folgt das Erbrechen

Weil sie sich für ihre Essstörung schämen, halten die Betroffenen diese meistens geheim. Manchmal wissen selbst enge Freunde nichts davon.

Neben der psychischen Belastung leiden Menschen, die über Monate oder Jahre regelmäßig erbrechen, oft unter Sodbrennen und riskieren, dass sich durch das künstlich herbeigeführte Zurückfließen der Magensäure die Speiseröhre entzündet. Der Mangel an Nährstoffen kann zu Herz-Kreislauf-Störungen, Haarausfall und Konzentrationsproblemen führen.

Auch die Zahnoberfläche wird durch die Magensäure im Mund angegriffen, was schnell zu Karies führt. Durch das ständige Erbrechen, durch die Abführmittel und Diäten kann es zu schweren Mangelerscheinungen kommen, die im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sind.

Anorexie (Magersucht)

Von einer "Anorexie nervosa" oder Magersucht sprechen Mediziner, wenn eine Person auf Dauer so wenig isst, dass sie stark abnimmt und Untergewicht entwickelt. Die Störung entwickelt sich meist bereits sehr früh zu Beginn der Pubertät.

An Magersucht erkranken weniger Menschen als an Esssucht oder Bulimie: Unter ein Prozent der Menschen in Deutschland sind betroffen. Nur etwa jeder elfte Patient ist ein Mann. Dafür ist die Magersucht umso gefährlicher: Zehn bis 15 Prozent aller Betroffenen sterben.

Die Krankheit fängt in der Regel scheinbar harmlos an: Die Betroffenen wollen ein paar Kilogramm abnehmen, schlanker, schöner werden. Weil sie häufig sehr zielstrebig sind, fällt es ihnen nicht schwer, ihre Kalorienmenge zu drosseln.

Kein Zucker, kein Fett, kaum Kohlenhydrate: Viele Menschen mit Magersucht erlauben sich nur einzelne Obst- oder Gemüsesorten, etwa Apfel oder Gurke. Die Betroffenen entwickeln oft Rituale. Sie zählen Kalorien, wiegen sich mehrmals am Tag und verzweifeln, wenn sie nicht weiter abgenommen haben. Andere schneiden ihr Essen sehr klein oder kauen besonders langsam.

Auch wenn Menschen mit Magersucht bereits starkes Untergewicht haben, fühlen sie sich zu dick. Die Wahrnehmung ihres Körper ist gestört.

Viele treiben exzessiv Sport und versuchen, sich so viel wie möglich zu bewegen. Einige Betroffene erbrechen auch willentlich und benutzen Abführmittel, um ihr Gewicht weiter zu senken. Der Unterschied zur Bulimie besteht darin, dass sie keine Essanfälle haben.

Eine stark abgemagerte Frau vor einem Spiegel

Magersucht kann tödlich enden

Sind die Betroffenen erst einmal stark abgemagert, bekommen sie auch unangenehme körperliche Nebenwirkungen ihrer Sucht zu spüren. Sie fühlen sich schwach, leiden unter Kopfschmerzen, frieren ständig und verlieren Haare. Das Herz schlägt langsamer, bei Frauen bleibt die Menstruation aus.

Im Extremfall wächst die sogenannte Lanugo-Behaarung am Rücken oder im Gesicht – ein feiner Flaum, den der Körper entwickelt, um sich vor Wärmeverlust zu schützen.

Bis heute gilt Magersucht als typische Frauen- oder Mädchenkrankheit. Doch die Zahl der betroffenen Männer und Jungen wächst. Experten vermuten eine hohe Dunkelziffer, weil Männer mit Anorexie sich besonders schwer damit tun, sich und anderen ihre Störung einzugestehen.

HILFE BEI ESS-STÖRUNGEN

Wenn Sie den Verdacht haben, dass Sie oder eine nahestehende Person an einer Essstörung leidet, finden Sie hier Hilfe:

Anonymes BZgA-Infotelefon zu Essstörungen
Tel.: 0221-89 20 31
Montag-Donnerstag: 10:00-22:00 Uhr
Freitag-Sonntag: 10:00-18:00 Uhr

Beratungsstellen in Ihrer Nähe
www.bundesfachverbandessstoerungen.de 
www.bzga-essstoerungen.de

Wichtige Suchmaschinen
www.kbv.de/html/arztsuche.php 
www.bptk.de/service/therapeutensuche.html 
www.weisse-liste.de/de/krankenhaus/krankenhaussuche/

Selbsthilfegruppe in Ihrer Nähe
www.nakos.de

Gründe für Essstörungen

Es gibt Menschen, die durch eine Diät viel abgenommen haben und nicht magersüchtig sind und Personen, die ab und zu eine Riesenportion essen, aber keine Binge-Eating-Störung entwickeln. Erst wenn weitere Faktoren hinzukommen, entwickelt sich die Erkrankung.

Jeder Betroffene hat seine eigene Geschichte und immer sind es mehrere, individuelle Faktoren, die zu der Essstörung führen. Zwillingsstudien zeigen aber, dass es bei Magersucht eine genetische Veranlagung gibt: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein eineiiger Zwilling ebenfalls magersüchtig wird, wenn die Schwester oder der Bruder betroffen ist, liegt um 50 Prozent höher als bei zweieiigen Zwillingen.

Häufig stecken hinter einer Magersucht oder einer Bulimie Selbstzweifel, verbunden mit Perfektionismus. "Bis zum 13. Geburtstag war meine Tochter ein Musterkind" – diesen Satz höre er relativ oft von Eltern essgestörter Mädchen, sagt Psychologe Andreas Schnebel, Vorsitzender des Bundesfachverbandes Essstörungen (BFE).

Bei Jugendlichen, die alle Probleme mit sich selbst ausmachen und nicht gelernt haben, Konflikte auszutragen, kann die Magersucht oder Bulimie ein stiller Hilferuf sein – ein unterbewusster Versuch, die Aufmerksamkeit zu erhalten, nach der sie sich insgeheim sehnen.

Eine Frau sitzt am Esstisch vor einem großen leeren Teller und schlägt die Hände vors Gesicht

Essstörung als Versuch, die Kontrolle zu behalten

Personen mit Magersucht gibt es ein Gefühl der Sicherheit, ihr Essverhalten kontrollieren zu können. Sie schaffen den totalen Verzicht, der anderen nicht gelingt. Das verleiht ihnen Selbstbewusstsein.

Menschen mit Bulimie können zwar ihr Essverhalten nicht immer steuern, gewinnen aber die Kontrolle über ihren Körper und ihr Gewicht durch das Erbrechen zurück.

Zur persönlichen Veranlagung kommen äußere Umstände wie eine Trennung der Eltern, ein Umzug, der Beginn der Pubertät oder seltener auch traumatische Erfahrungen wie der Tod eines Familienmitglieds oder sexueller Missbrauch.

Leistungssportler haben ein erhöhtes Risiko, an Magersucht und Bulimie zu erkranken. Das betrifft vor allem jene Sportarten, bei denen es wichtig ist, besonders schlank und schön zu sein – etwa beim Laufen, Turnen, Ballett oder Eiskunstlauf.

Menschen mit einer Binge-Eating-Störung sind häufig bereits seit der Kindheit übergewichtig. Viele wurden aufgrund ihres Gewichts gehänselt, haben ein geringes Selbstwertgefühl und leiden unter Depressionen. Viele "Binge Eater" haben schon früh gelernt, sich bei Stress, Frust oder Konflikten mit Essen zu trösten.

Dass hinter starkem Übergewicht sehr oft seelische Probleme wie Depressionen stecken, werde immer noch viel zu selten erkannt, so Psychologe Schnebel.

Nicht zuletzt nennen Forscher die Sozialen Medien als Auslöser für Essstörungen. Psychologen sagen, dass die Bilder auf Facebook, Instagram und Co. großen Druck bei jungen Menschen erzeugen. Das Verlangen, das perfekte Selfie zu posten und viele „Likes“ und Kommentare zu bekommen, könne Essstörungen wie eine Magersucht begünstigen.

Das Display eines Smartphones zeigt das Instagram-Profil von Nutzerin Amalie Lee, die an einer Essstörung leidet

Instagram als Plattform für Frauen mit Essstörung

Therapien bei Essstörungen

Ausgeprägte Essstörungen lassen sich nicht allein bewältigen. Je früher die Erkrankung erkannt und behandelt wird, desto größer ist die Aussicht auf Heilung. Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist aber, dass der oder die Betroffene sich freiwillig dazu entschieden hat.

Je nachdem, wie schwerwiegend die Essstörung ist, kommen verschiedene Optionen infrage. Bei einer leichten Form reicht es aus, eine ambulante Psychotherapie zu beginnen – zum Beispiel mit zwei Sitzungen pro Woche. Bei vielen Betroffenen ist die Essstörung jedoch bereits stark ausgeprägt, wenn sie sich Unterstützung suchen.

Dann hilft in der Regel nur eine stationäre Behandlung. Das gilt vor allem für Menschen mit Magersucht, die starkes bis lebensbedrohliches Untergewicht haben.

Zum einen lernen die Patienten in der Klinik, wieder regelmäßig normale Portionen zu essen. Mindestens genauso wichtig ist es aber, in der Therapie die individuellen Gründe für die Essstörungen zu ergründen. Psychologen helfen den Patienten  herauszufinden, welche Faktoren zu dem gestörten Essverhalten geführt haben und welche Alltagssituationen die Essattacke oder das Hungern begünstigen.

Anorexie und Bulimie-Patienten müssen lernen, ihre Panik vor dem Zunehmen und das Gefühl des Kontrollverlustes beim Essen zu überwinden. Studien zeigen, dass Betroffene mit Magersucht oft ein verzerrtes Körperbild haben – sie schätzen sich dicker ein, als sie tatsächlich sind.

Eine Frau sitzt bei der Psychotherapeutin auf dem Sofa

Magersüchtige müssen ihr Bild von sich korrigieren

Auch an dieser Stelle setzen die Therapien an: Die Patienten müssen sich regelmäßig im Spiegel betrachten, ihren geschätzten Taillenumfang mit gemessenen Werten vergleichen oder am Computer eigene Fotos mit Bildbearbeitung in die Breite ziehen, um die eigene verzerrte Wahrnehmung anschließend anhand des Originalfotos zu korrigieren.

Inzwischen werden auch Familienmitglieder häufiger mit in die Therapie einbezogen. Eltern, Partner und Betroffene sollen gemeinsam herausfinden, welche Probleme möglicherweise zur Essstörung geführt haben.

Eltern machen sich oft Vorwürfe, schuld an der Erkrankung ihrer Tochter oder ihres Sohnes zu sein. Hier bieten sich spezielle Selbsthilfegruppen für Angehörige an, in denen sie sich mit anderen betroffenen Eltern austauschen können.

WDR | Stand: 02.02.2021, 13:24

Essstörungen

Darstellung: