Extremer Stress kann vererbt werden

Grafik: Vier Mäuse.

Stress

Extremer Stress kann vererbt werden

Von Martina Janning

Ein Attentat, eine Vergewaltigung, Folter, Krieg, Vertreibung: Traumatische Erlebnisse können nicht nur durch ein verändertes Verhalten weitergegeben werden, sondern auch durch Vererbung. Darauf deuten Versuche mit Mäusen hin.

Trauma-Folgen werden an Mäuse-Kinder weitergegeben

Extreme Stresserlebnisse können Menschen ein Leben lang erschüttern und zu psychischen Erkrankungen wie einer posttraumatischen Belastungsstörung führen. Auch noch Kinder und Enkel können davon beeinflusst sein. Lange gingen Wissenschaftler davon aus, dass der Grund dafür ein verändertes Verhalten ist. Doch Versuche zeigen: Es gibt auch eine genetische Komponente.

Die Schweizer Neurobiologin Isabelle Mansuy und ihr Team haben die Vererbung von Stressschäden an Mäusen untersucht. Dafür stressten sie die Mäuse nach der Geburt extrem: Sie trennten die Babys in willkürlichen Zeitabständen von ihren Müttern und versetzten ihnen Kälteschocks oder schränkten ihre Beweglichkeit ein.

Nachdem diese Mäuse ausgewachsen waren, untersuchten die Wissenschaftler deren Verhalten, indem sie unter anderem ihre Reaktion auf helles Licht und offene Räume prüften, und die Tiere in einem Becken schwimmen ließen.

Das Ergebnis: Alle traumatisierten Mäuse zeigten ein unnatürliches Verhalten. Fast alle Tiere hatten ihre natürliche Scheu vor Licht und Wasser verloren und begaben sich bei den Versuchen häufig in gefährliche Situationen. "Die Maus handelt ohne zu überlegen. Ein solches Risikoverhalten sieht man auch oft bei Menschen, die traumatisiert wurden", erklärt Forscherin Mansuy.

Mäusemutter mit vier Kindern

Schon in der Kindheit fürs Leben gezeichnet?

Interessant wurde es bei den Kindern der traumatisierten Mäuse-Mütter: Obwohl diese ohne Stress aufwuchsen, zeigten sie die gleichen Verhaltensauffälligkeiten wie ihre Eltern. Selbst bei den Enkeln und Urenkeln wiesen die Forscher diese Veränderungen noch nach.

Außerdem war der Stoffwechsel der Nachkommen verändert – sie hatten einen niedrigen Insulin- und Blutzuckerspiegel und waren trotz gleicher Nahrung deutlich schmächtiger als Mäuse von nicht-traumatisierten Eltern.

Vererbung von Traumata über die Micro-RNAs

Wie Trauma-Folgen vererbt werden, dazu lieferte eine weitere Untersuchung Hinweise. In Proben von Blut, Spermien und Gehirn der traumatisierten Mäuse entdeckten die Schweizer Forscher ein Ungleichgewicht von Micro-RNAs. Das sind kurze Kopien des Erbguts. Micro-RNAs übernehmen in den Zellen vor allem regulierende Aufgaben und steuern zum Beispiel, wie stark bestimmte Gene abgelesen und in Proteine umgesetzt werden.

Bei den Kindern und Enkeln der traumatisierten Mäuse waren Verteilung und Menge dieser Micro-RNAs anormal – von einigen gab es mehr, von anderen weniger als in entsprechenden Zellen der Kontrolltiere. Dadurch laufen die von den Micro-RNAs gesteuerten Zellprozesse aus dem Ruder.

Noch ist unklar, wie es zu dem Ungleichgewicht der kurzen RNAs kommt. "Sehr wahrscheinlich sind sie Teil einer Wirkkette, die damit beginnt, dass der Körper zu viele Stresshormone produziert", erklärt Isabelle Mansuy.

Positive Erfahrungen können das Vererben eines Traumas verhindern

"Es ist wichtig, dass wir uns bewusst werden, dass unsere Lebenserfahrungen Konsequenzen haben – nicht nur für uns, sondern auch für unsere Nachkommen", betont Professor Isabelle Mansuy. Dies öffnet die Tür, um etwas gegen die negativen Folgen tun.

Denn die Spuren eines Traumas im Erbgut lassen sich tilgen, auch das zeigen Untersuchungen des Teams um Isabelle Mansuy. Eine positive und anregende Umgebung – viermal mehr Platz im Käfig und viel Abwechslung – führte bei den jungen traumatisierten Mäusen dazu, dass die Veränderungen und das abnorme Verhalten im Erwachsenenalter verschwanden.

Auch diese erneute Veränderung wird an den Nachwuchs dieser Generation vererbt.

SWR | Stand: 08.01.2020, 14:00

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