Die heilige Pflanze der mexikanischen Indios

Indio-Mann aus Todos Santos Cachumatan, Guatemala

Mais

Die heilige Pflanze der mexikanischen Indios

Die Ureinwohner Mexikos kannten den Mais schon vor 7000 Jahren. Sie schätzten das einfach anzubauende Getreide, das sich im Lauf der Jahrtausende zu ihrer Lebensgrundlage entwickelte. Von Mexiko aus verbreitete sich der Mais zunächst über den amerikanischen Kontinent. Erst durch Christoph Kolumbus gelangte er auch nach Europa und schließlich auf alle anderen Kontinente. Heute ist Mais das meistangebaute Getreide der Welt.

Menschen aus Mais

Als die Erde noch menschenleer war, nahmen die Götter den Mais und formten aus ihm den Menschen: In dieser oder ähnlicher Form findet sich der Ursprungsmythos bei vielen mittelamerikanischen Völkern, beispielsweise im Popol Vuh, dem heiligen Buch der Maya. "Menschen aus Mais" – "Hombres de maíz" nennen sich die Maya bis heute. Mais ist eine Gabe der Götter, ihm verdanken sie ihre Existenz.

Bei allen Indios wurden Maisgottheiten verehrt – die Göttinnen des frischen und des trockenen Maiskolbens, der Gott der Maisaussaat und viele mehr. Ihnen wurden entsprechend dem Jahreszyklus Menschenopfer gebracht, um das Leben immer wieder zu erneuern und so die Lebensgrundlage für alle Menschen zu erhalten. Skulpturen und Abbildungen von Göttern, von Maisanbau und -aufbewahrung zeugen von der jahrtausendealten Verehrung.

Vorgeschichtlicher Mais

Prähistorische Maisreste wurden Ende der 1940er Jahre im Süden Mexikos in Höhlen des Tehuacan-Tals gefunden. Das trockene Klima des Hochlandes konservierte die Kolben, die auf die Zeit zwischen 5000 und etwa 3400 vor Christus datiert wurden. Sie sahen damals allerdings noch anders aus als der Mais, der bei uns heute auf den Tisch kommt: Die Kolben waren maximal 2,5 Zentimeter lang und hatten pro Reihe sechs bis neun kleine Körner.

Der Mais wuchs wild und bot den Ur-Mexikanern, die damals noch nomadisch lebten, eine sichere Nahrungsgrundlage: Zweimal pro Jahr ernteten sie ihn und bewahrten ihn anschließend in Tongefäßen auf. Erst im Lauf der Sesshaftwerdung fingen die Menschen an, den Mais gezielt anzubauen und zu züchten: Die Kolben wurden größer und ertragreicher, der Anbau erfolgte mit einfachsten Mitteln von Hand.

Maisblätter/Ackerbau

In den Höhlen von Tehuacan wurden prähistorische Maiskolben entdeckt

Dies belegen etwa 5000 Jahre alte Maiskolben, die schon fast sieben Zentimeter groß waren. In dieser Zeit lebten die Menschen in kleinen Dörfern mit wenigen hundert Einwohnern. Neben dem Mais pflanzten sie auch bereits Kürbisse, Avocados, Bohnen und Chili an.

Vom Mais wird heute angenommen, dass er die Grundlage für die mittelamerikanischen Hochkulturen der Maya, Azteken, Inka und Tolteken war. Für den Maisanbau war nur eine minimale Bodenbearbeitung nötig, dafür gab es zweimal pro Jahr eine üppige Ernte. Im Lauf der Zeit wurden künstliche Bewässerungssysteme angelegt und durch Züchtungen die Maiskolben bis auf das 50-fache des ursprünglichen, wild wachsenden Maises vergrößert.

Mit dem Ertrag konnten eine größere Bevölkerungsmenge ernährt werden – die Grundlage für Städte war gelegt. Da nicht alle Menschen in der Landwirtschaft eingespannt waren, konnte sich ein Staatssystem mit Beamten, Handwerkern und Priestern entwickeln.

Ein Maya-Tempel in Yucatán.

War Mais die Grundlage für den Wohlstand der mittelamerikanischen Hochkulturen?

Der Mais erobert Europa

Auf San Salvador sahen Christoph Kolumbus und seine Gefährten zum ersten Mal Mais, den Kolumbus damals noch für eine Hirseart hielt. Als er 1496 von seiner zweiten Expedition nach Spanien zurückkehrte, brachte er Maiskörner mit, die nach der indianischen Bezeichnung "mahiz" genannt wurden. Erst im 18. Jahrhundert erhielt der Mais durch den Botaniker Carl von Linné die Bezeichnung "zea mays" – "zea" für die Familie der Süßgräser.

Der erste Mais wurde in Spanien angebaut, gedieh dort prächtig und verbreitete sich innerhalb weniger Jahrzehnte über den gesamten Mittelmeerraum. Besonders intensiv wurde er in der Türkei angebaut, wo Asienreisende Ende des 16. Jahrhunderts bereits Maisplantagen entdeckten.

Das Gemälde zeigt den jungen Christoph Kolumbus.

Kolumbus brachte den Mais mit nach Europa

Die ursprüngliche Herkunft des Mais geriet fast in Vergessenheit, stattdessen nannte man ihn nun "Türkischkorn" oder "türkischen Weizen". Bald verdrängte er in vielen südeuropäischen Ländern die angestammten Getreidesorten und sorgte gleichzeitig für eine bessere Ernährungssituation bei der ärmeren Bevölkerung.

Besonders in Zentral- und Norditalien profitierten die Bauern von der neuen Feldfrucht: Während sie früher auf die Getreideernte im Spätherbst warten mussten und oft Hunger litten, konnten sie nun bereits in den Sommermonaten den Mais ernten.

Im nördlichen Europa dauerte es hingegen bis Mitte des 20. Jahrhunderts, ehe der Mais großflächig angebaut werden konnte. Erst als kälteunempfindlichere Sorten sowie Maschinen für Anbau und Ernte auf den Markt kamen, trat auch hier der Mais seinen Siegeszug auf den Äckern an.

Die Rache des Mais

Die Vorliebe der Südeuropäer für den Mais hatte bald Folgen: Ab dem späten 17. Jahrhundert litten vor allem arme Menschen, die sich überwiegend von Mais ernährten, an Hautausschlägen und Demenz. Viele von ihnen starben.

Im 18. Jahrhundert erkannten Wissenschaftler, dass es sich bei Pellagra um eine Mangelerkrankung handelt, die durch die einseitige Ernährung mit Mais entsteht. Warum allerdings die Europäer daran litten und die Völker Zentralamerikas nicht, blieb bis weit ins 20. Jahrhundert hinein ein Rätsel.

In den 1970er Jahren entdeckten Chemiker endlich die Ursache: Die Entdecker der neuen Welt hatten zwar den Mais mit nach Europa gebracht, nicht jedoch das traditionelle Wissen um seine Verarbeitung. In Europa wurde der Mais gemahlen wie Korn. Bei der indianischen Maisverarbeitung hingegen wird der Mais in einer Kalklösung eingeweicht, geköchelt und dann verarbeitet. Erst hierdurch wird das Niacin aufgeschlossen und das lebenswichtige Vitamin B freigesetzt.

Schale mit Polentamehl

In Europa wurde Mais wie Korn gemahlen

Maisland USA

Als die ersten europäischen Einwanderer Amerika erreichten, war der Mais schon lange über ganz Nord- und Südamerika verbreitet. Wieder profitierten die Europäer vom Getreide der indianischen Ureinwohner. Der Mais war leicht anzubauen, anspruchslos und ertragreich.

Das eigene Saatgut, das sie mitgebracht hatten, gedieh hingegen nur schlecht oder gar nicht. Die Siedler übernahmen das indianische Wissen und nannten den Mais "corn" oder "Indian corn". Mais wurde neben dem Fleisch aus der Viehzucht zur Ernährungsgrundlage der Pioniere.

Die Staaten des Mittleren Westens entwickelten sich zu den Hauptanbaugebieten für den vielfältig nutzbaren Mais: Iowa, Illinois, Indiana, Ohio und Teile weiterer Bundesstaaten bilden zusammen den sogenannten "corn belt", den Maisgürtel der USA.

Grünland inmitten von Maisfeldern

Maisfelder so weit das Auge reicht

Heute produzieren die USA nach Angaben der Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen FAO rund 360 Millionen Tonnen Mais pro Jahr (2017) und sind somit weltweit der größte Produzent und Exporteur. Zunehmende Mechanisierung, die Züchtung neuer Sorten und auch der Einsatz der Gentechnik machten enorme Ertragssteigerungen möglich.

Noch in den 1970er Jahren wurde ein Großteil des weltweit produzierten Maises in der Tiermast verwendet. Bereits damals wurden Stimmen laut, durch die intensive Viehzucht und die Verfütterung von Mais fehle in den Entwicklungsländern das nötige Getreide, um die Bevölkerung zu ernähren. Im 21. Jahrhundert ist die weltweite Maisproduktion auf über eine Milliarde Tonnen pro Jahr gestiegen, etwa ein Drittel davon kommt aus den USA.

Doch Mensch und Tier haben einen neuen Konkurrenten: Biosprit. Mit der Entdeckung als Energiepflanze erlebte der Mais einen neuen Boom. Nach der ersten Knappheit im 20. Jahrhundert entwickelte sich eine neue Krise: Mit der vermehrten Nutzung des Mais als Biosprit in den Industrieländern wird vielen Ländern erneut die Nahrungsgrundlage entzogen.

Bio-Diesel

Durch die Nutzung als Biosprit haben viele Menschen zu wenig zum Essen

1997 kam es wegen der Knappheit und steigender Maispreise zu Massenprotesten in Mexiko. Im Stammland des Maises konnten sich nach jahrtausendelanger Kultivierung die Menschen ihr traditionelles Getreide nicht mehr leisten.

Autorin: Martina Frietsch

Stand: 07.05.2018, 15:14

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