Legasthenie

Legasthenie ist vererbbar Planet Wissen 12.11.2019 03:14 Min. Verfügbar bis 12.11.2024 WDR Von Christine Roskopf

Analphabeten

Legasthenie

Von Wiebke Ziegler

Straßenschilder, soziale Netzwerke, die Formulare in der Steuererklärung: Wer weder lesen noch schreiben kann, hat ein Problem. Doch nicht jeder kann daran etwas ändern: Ein Analphabet kann die Worte nicht entziffern, weil er es nicht gelernt hat. Ein Legastheniker hingegen leidet unter einer angeborenen Entwicklungs- und Lernstörung, die im Erbgut verankert ist. Eine Therapie kann helfen, im Alltag besser klarzukommen.

Wenn die Wörter verschwimmen

Johanna soll vor versammelter Klasse vorlesen. Eigentlich kein Problem für ein zehnjähriges Mädchen – für Johanna jedoch schon. Die Buchstaben verschwimmen vor ihren Augen. Sie kann nicht erkennen, ob das erste Wort mit B oder D beginnt. Alle warten nur darauf, dass sie endlich anfängt. Kurz zögert sie, dann liest sie die ersten Wörter – stockend und meist falsch, denn Johanna ist Legasthenikerin.

Liest ein Mensch, verarbeitet das Sprachzentrum, das bei den meisten Menschen in der linken Gehirnhälfte liegt, eine Vielzahl von Informationen. Es fügt einzelne Buchstaben zu Wörtern zusammen, ruft die Bedeutungen der Wörter aus dem eigenen Wortspeicher ab und ordnet Buchstaben den entsprechenden Lauten zu. In dem Moment, in dem Sie diese Zeilen lesen, passiert in Ihrem Gehirn genau dasselbe. Bei Legasthenikern läuft das anders.

Das Sprachzentrum verarbeitet die eingehenden Informationen nicht so, wie es das sollte. Legastheniker können in der Regel zwar sprechen und andere verstehen, aber nicht richtig lesen und schreiben. Sie haben eine Lese- und Rechtschreibstörung. Daher fällt die Störung meist erst in der Grundschule auf, wenn ein Kind lesen und schreiben lernt. Nur wenige Kleinkinder zeigen bereits Symptome von Legasthenie.

Betroffenen fällt es schwer, eine Verknüpfung zwischen Gesprochenem und Geschriebenem herzustellen. Beim Vorlesen funktioniert die Übertragung von einem Buchstaben auf einen Laut nicht richtig. Legastheniker erkennen nicht, ob der Buchstabe vor ihnen ein B, D oder P ist und wissen folglich auch nicht, was sie vorlesen sollen.

Buchstaben vertauschen, Wörter falsch schreiben

Einen Text flüssig vorzulesen, fällt schon vielen Menschen schwer, die nicht an einer Lese- und Rechtschreibschwäche leiden. Ein Legastheniker kann daran verzweifeln. Er erkennt die Wörter nicht, kann diese nicht richtig artikulieren.

Wer würde sich nicht vorm Lesen drücken, wenn er ständig ins Stocken gerät und die Zeilen überspringt? Wenn er immer wieder Dinge überliest, Buchstaben, Silben, ganze Wörter? Und was ein Legastheniker gerade eben noch gelesen hat, kann er nicht in eigenen Worten zusammenfassen. Er hat schlicht nicht verstanden, was er da liest. Zu sehr ist er mit dem Lesen an sich beschäftigt gewesen.

Auch wenn sie schreiben, machen Legastheniker viele Fehler. Vor allem in Diktaten oder wenn sie unbekannte Texte abschreiben, ist die Fehlerzahl hoch. Sie schreiben die Wörter in Fragmenten, schreiben ein und dasselbe Wort in verschiedenen Varianten falsch – innerhalb eines Textes.

Wer an einer Lese- und Rechtschreibstörung leidet, verwechselt oft Buchstaben, die einander ähneln, etwa M mit N oder M mit U. Hinzu kommen auffallend viele Grammatik- und Interpunktionsfehler und oft eine unleserliche Handschrift.

Jedes Kind macht Fehler, wenn es lesen und schreiben lernt. Aber was ist normal, was nicht? Diese Frage müssen Lehrer in der Grundschule stellen – und beantworten können.

Ein Anhaltspunkt: Ein Kind sollte Fortschritte machen. Die Anzahl der Fehler sollte sich verringern. Legastheniker zeigen oft kaum Entwicklung. Ihre Fehler bleiben konstant auf hohem Niveau und sind zudem unsystematisch, das heißt, sie schreiben ein und dieselben Wörter immer auf eine andere Weise falsch.

Auf einer kleinen Tafel ist das Wort "Mamma" zu lesen. Davor befinden sich zwei Kinderhände, die rechte hält ein Stück Kreide

Wie wird das doch gleich geschrieben?

Früh erkannt ist halb gewonnen

Legasthenie lässt sich nicht heilen und nur schwer therapieren. Dennoch gilt: Je früher die Lese-Rechtschreibstörung festgestellt wird, desto besser die Chancen für eine erfolgreiche Förderung. Das heißt: üben, üben, üben!

Jeden Tag zwischen fünf und zehn Minuten sollten die Eltern mit ihrem Nachwuchs lesen und schreiben trainieren. Mehr nicht. Sonst vergeht dem Sprössling ebenso wie den Eltern die Lust.

Es ist vor allem wichtig, dass die Eltern das Kind emotional unterstützen. Die Legasthenie führt zu Problemen in der Schule. Die Kinder mit Lese- und Rechtschreibschwäche brauchen mehr Zeit zum Lernen als ihre Mitschüler; auch in anderen Fächern als Deutsch, da sie die Dinge nicht einfach noch mal nachlesen können. Legasthenie kann deshalb schnell die gesamte Leistung in der Schule beeinträchtigen.

Drei Kinder lernen unter Anleitung einer Erzieherin im Kindergarten Buchstaben

Frühe Förderung kann gegen Legasthenie helfen

Stand: 11.09.2019, 11:21

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