Sprachen lernen – eine Frage des Talents?

Eine Frau hält ein Russisch-Wörterbuch in der Hand und schreibt auf einem Blatt Papier

Fremdsprachen lernen

Sprachen lernen – eine Frage des Talents?

Von Katrin Ewert

Einige Menschen verzweifeln bereits an den ersten Vokabeln einer neuen Sprache, während andere fließend mehrere Fremdsprachen beherrschen. Diese Fähigkeit liegt nicht nur an der Begabung.

Wetteifern um Sprach-Rekorde

Chinesisch, Thailändisch, Hindi, Persisch, Griechisch – das sind nur fünf der insgesamt 58 Sprachen, die der Libanese Ziad Fazah beherrscht. Jede einzelne Sprache habe er sich selbst beigebracht. In Shows und Fernsehauftritten zeigt er regelmäßig sein Können – und wird vom Publikum als Sprachgenie bewundert.

Mit seiner außergewöhnlichen Fähigkeit hat es Fazah ins Guinness-Buch der Rekorde geschafft. Das Verzeichnis der Superlative registriert nicht nur die Mehrsprachigkeit eines Menschen, sondern knapp 150 weitere Sprach-Rekorde.

Dokumentiert sind etwa die Anzahl der Sprachen weltweit (rund 6.500), das Land mit den meisten gesprochen Sprachen (Simbabwe mit 16 Amtssprachen) und das am häufigsten übersetzte Dokument (die Erklärung der Menschenrechte, übertragen in 370 Sprachen und Dialekte). Selbst Kurioses wie die meisten gesungenen Sprachen in einem Pop-Song hält das Rekord-Buch fest.

Und auch neben den Guinness-Rekorden wetteifern Menschen um das Lernen von Fremdsprachen. So soll es dem Schweden Magnus Carlsson beispielsweise gelungen sein, eine "Vier-Wochen-Formel" für eine neue Sprache zu entwickeln. Andere Sprachschulen und Apps wollen Menschen in drei oder sogar weniger Wochen zu fließenden Italienisch- oder Spanischsprechern machen.  

Eine ältere Frau arbeitet mit einem Arbeitsheft und einem Wörterbuch

Einige Menschen lernen in Rekordzeit neue Fremdsprachen – auch noch im Alter

Die wahren Sprachgenies

Was die Sprach-Akrobaten in diesem Wettbewerb um Rekorde häufig vergessen: Wie nachhaltig ist das Blitz-Sprachenlernen? Kann sich jemand, der nur drei Wochen lang Italienisch büffelt, auch langfristig an Vokabeln und Grammatikregeln erinnern?

Der Fall des Libanesen Ziad Fazah lässt daran zweifeln. Bei einem Live-Auftritt im chilenischen Fernsehen sollte er Sätze aus dem Russischen, Chinesischen und Persischen ins Englische übersetzen. Zur Enttäuschung des Publikums konnte er selbst einfache Sätze nicht verstehen, obwohl er die jeweiligen Sprachen nach eigenen Angaben fließend beherrscht.

Statt den offiziellen Rekordhaltern haben womöglich jene Menschen mehr Aufmerksamkeit verdient, die Fremdsprachen täglich anwenden: Übersetzer und Dolmetscher. Laut einer Studie der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist Konferenzdolmetschen der drittstressigste Job der Welt – nach Piloten und Fluglotsen.

Konferenzdolmetscher hören über Kopfhörer mit, was die Redner besprechen, und übersetzen das Gesagte simultan in eine andere Sprache. Sie müssen also gleichzeitig zuhören, übertragen und verständlich darstellen. Zudem müssen sich die Dolmetscher vor jeder Konferenz oder Tagung in das jeweilige Thema einarbeiten, um die richtigen Vokabeln und Formulierungen parat zu haben.

Das Display eines Tablets zeigt verschiedene Sprachen als Auswahlmöglichkeiten an

Dolmetschen auf Knopfdruck: Video-Dolmetscher lassen sich bei Bedarf hinzuschalten

Sprachbegabung – ein Mythos?

Zweifelsohne fällt es einem Simultandolmetscher leichter, sich in einer fremden Sprache auszudrücken, als einem Großbritannien-Urlauber, der kaum über sein Schulenglisch hinauskommt. Doch warum beherrschen manche Menschen eine Sprache bessere als andere? Ist das Talent angeboren? Diese Frage beschäftigt Sprachforscher und Entwicklungspsychologen seit mehreren Jahrzehnten.

Wer in das Gehirn von vermeintlich sprachbegabten Menschen blickt, stellt fest: In den Sprachzentren ihres Denkorgans befindet sich mehr graue Masse als bei Personen, denen das Sprachenlernen schwerfällt.

Diese ausgeprägten Sprachareale sind jedoch noch keine Begründung dafür, dass Sprachtalent erblich bedingt ist. Denn ob die graue Masse bereits von Geburt an vorhanden ist oder ob sie im Laufe des Lebens antrainiert wurde, verraten die Hirnscans nicht.

Wissenschaftler vermuten heute, dass das Talent auf einer Vielzahl an inneren und äußeren Faktoren beruht. Viele sprachbegabte Menschen besitzen durchaus eine Fähigkeit, die der Psychologie-Professor Howard Gardner "Sprach-Intelligenz" nennt.

Personen mit einer Sprach-Intelligenz sind laut Gardner "sensibel" für gesprochene und geschriebene Sprache. Ob ein sprachsensibler Mensch aber tatsächlich eine oder mehrere Fremdsprachen lernt und fließend beherrscht, hängt von weiteren biografischen Faktoren ab – etwa davon, ob das Umfeld aus Familie und Freunden das Sprachenlernen fördert.

Wer bereits zweisprachig aufwächst, dem fällt es beispielsweise leichter, eine weitere Sprache zu erlernen. SolcheKinder besitzen ein sogenanntes meta-linguistisches Bewusstsein. Durch das zweisprachige Aufwachsen haben sie gelernt, dass Sprachen verschieden aufgebaut sind, dass sie einem Gegenstand mehrere Wörter zuordnen können und wie sie Aussprache und Betonung anpassen.

Auch die intrinsische Motivation ist ein wichtiger Faktor. Wer etwa als jugendlicher Migrant in ein fremdes Land kommt, ist darauf angewiesen, Freunde zu finden und einen Schulabschluss in der Landessprache zu schaffen. Ein Manager auf einer internationalen Konferenz will mit seinen Kollegen mithalten und in einem perfekten Englisch seine Pläne vorstellen. Wissenschaftler sagen heute: Unabhängig von der Sprach-Intelligenz kann jeder eine Fremdsprache lernen, wenn er wirklich will – auch Erwachsene.

Ein Mädchen in einer Schulklasse streckt den Finger nach oben, während eine Lehrerin etwas an die Tafel schreibt

Manchen Schülern fällt es leichter, eine Sprache zu erlernen

WDR | Stand: 09.06.2020, 08:56

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