Was beim Sprachenlernen im Gehirn passiert

Modell eines Gehirns

Fremdsprachen lernen

Was beim Sprachenlernen im Gehirn passiert

Von Katrin Ewert

Sprachenlernen fällt uns in der Kindheit am leichtesten, weil das Gehirn noch formbar ist. Doch auch Erwachsene und ältere Menschen können Fremdsprachen aus neurowissenschaftlicher Sicht bis zur Perfektion erlernen.

Wo Forscher Sprache im Gehirn verorten

Menschenaffen sind hochintelligente Tiere. Sie benutzten Werkzeuge, um an ihr Essen zu gelangen, sind empathiefähig und verständigen sich mit genau definierten Lauten. Sie sind sogar dazu fähig, einzelne Symbole oder Laute verschiedenen Dingen zuzuordnen.

Doch Wörter nach bestimmten Regeln zusammenzusetzen, einen komplexen Satzbau und Grammatik zu beherrschen – über diese Fähigkeit verfügen nur wir Menschen. Sprache ist eine kognitive Hochleistung unseres Gehirns.

Um eine Fremdsprache zu erlernen, nutzt das Gehirn Strukturen, die es bereits für die Muttersprache angelegt hat. Neurowissenschaftler konnten zwei Sprach-Regionen identifizieren, mit denen wir bereits zur Welt kommen: das Broca-Areal im linken Stirnlappen, mit dem wir dazu fähig sind, einen Satz nach bestimmten Regeln aufzubauen (Syntax). Und das Wernicke-Areal im linken Schläfenlappen, das die Bedeutung von Wörtern und Sätzen verarbeitet (Semantik).

Die Wernicke-Region nutzen schon Säuglinge, um Wörter zu erlernen und abzuspeichern. Bereits ab einem Alter von sechs Monaten sind Babys dazu in der Lage, Gegenständen einen Begriff zuzuordnen und sogar Fehler zu erkennen – noch bevor sie anfangen, selbst zu sprechen. Das Gehirn ist in diesem Alter sehr plastisch und formbar und saugt sozusagen viele neue Wörter auf.

Ab einem Jahr kategorisieren Kinder die gelernten Wörter: Ein Apfel ist ein Apfel – egal, ob er rot oder grün ist. Dreijährige verstehen mit Hilfe der Wernicke-Region einfache Sätze mühelos. Um grammatikalisch schwierigere Sätze zu verstehen, benötigen die Kinder auch das Broca-Areal, das sich mit zunehmendem Alter immer weiter ausbildet.

Sechsjährige Kinder können Sätze wie "Der Fuchs fängt den Hasen" durch die Broca-Region beispielsweise problemlos verstehen. Schwieriger sind Sätze wie "Den Hasen fängt der Fuchs". Diese Phrasen können Kinder in der Regel erst mit zehn Jahren begreifen.

Denn um solche grammatikalisch komplexen Sätze zu durchschauen, müssen sich die beiden Sprachregionen erst miteinander verbinden. Bei Erwachsenen vernetzen dicke Bündel von Nervenfasern das Wernicke- mit dem Broca-Areal – und ermöglichen uns, komplexe Sprache zu verstehen und uns auszudrücken.

Modell eines Gehirns mit eingezeichnetem Broca- und Wernicke-Areal

Dank dem Broca- und dem Wernicke-Areal können wir Sprachen lernen

Wie Fremdsprachen das Gehirn verändern

Wenn sich ein Schüler eine Fremdsprache aneignet, laufen im Gehirn ähnliche Prozesse ab wie bei einem Kind, das seine Muttersprache lernt. Auch hier ist zunächst das Wernicke-Areal aktiv. Als Erstes versuchen wir, anhand von Mimik und Gestik die Bedeutung von Wörtern zu verstehen und speichern neue Vokabeln ab – etwa "apple" für Apfel.

Beherrschen wir bereits einen Basis-Wortschatz, achten wir verstärkt auf Besonderheiten und grammatikalische Strukturen in Sätzen. Je mehr wir die Grammatik erlernen, desto stärker schaltet sich die zweite Region, das Broca-Areal, hinzu.

Bei Kindern, die zweisprachig aufwachsen, laufen diese Prozesse parallel für zwei Sprachen ab. Dabei schaffen es die Kleinen, beide Sprachen zu trennen und nicht zu vermischen. Wie genau Kinder diese Höchstleistung erbringen, können Hirnforscher noch nicht genau erklären. Sicher ist aber: Sprechen die Eltern in der jeweiligen Muttersprache mit dem Kind (Beispiel: Der Vater redet nur Deutsch und die Mutter ausschließlich Französisch), fällt es ihm leichter, die Sprachen auseinanderzuhalten.

Neurowissenschaftler müssen außerdem noch erforschen, wie genau sich der Lernprozess bei der Fremdsprache im Vergleich zur Muttersprache unterscheidet. Ist eine der Sprachregionen vermehrt aktiv? Sind weitere Hirnregionen beteiligt? Mithilfe der Magnetresonanztomografie (MRT) und dem Elektroenzephalogramm (EEG) können die Forscher die Strukturen bildlich darstellen und dem Gehirn beim Lernen zusehen.  

Wissenschaftler vom Max-Planck-Institut für Kognitions- und Neurowissenschaften haben mit diesen Methoden zum Beispiel deutschlernende Russen, Holländer, Japaner und Franzosen untersucht. Sie haben ihnen grammatikalisch falsche Sätze vorgespielt und ihre Gehirnantworten mit deutschen Muttersprachlern verglichen.

Bei den Muttersprachlern schaltet sich bei Sätzen wie "Das Brot werden gegessen" sofort das Broca-Areal wie eine Alarmanalage ein. Auch die Deutschlerner erkennen den Fehler, brauchen aber länger, um ihn zu bemerken. Ihr Gehirn hat quasi die automatische Alarmanlage noch nicht installiert.

Bei bereits fortgeschrittenen Lernern konnten die Forscher aber durchaus erkennen, dass sich das Broca-Areal bei falschen Sätzen aktiviert. Bei jenen Probanden, die fließend und nahezu perfekt Deutsch sprechen, verläuft die Hirnantwort schließlich genauso ab wie bei einem Muttersprachler. Mit der Zeit und der richtigen Übung kann unser Gehirn also auch im Erwachsenenalter das Sprachenlernen meistern.

Eine Frau bereitet eine Probandin für ein Elektroenzephalogramm vor

Forscher finden mit einem EEG heraus, wie das Gehirn Fremdsprachen verarbeitet

Sprachenlernen trainiert das Gehirn

Jahrzehntelang dachten Lehrer und Eltern, dass es Kinder vom Lernen abhält, wenn sie zweisprachig aufwachsen. Bis in die 1960er Jahre vermuteten Experten daher, dass bilinguale Menschen weniger intelligent sind. Heute ist dagegen sicher: Mehrsprachigkeit fördert Kinder.

Ausschlaggebend für diese Wende in den Sprachwissenschaften war eine Intelligenz-Studie aus Kanada, wo viele Menschen Englisch und Französisch sprechen. Die Studie konnte zeigen: Jene Kinder, die beide Sprachen beherrschten, schnitten im Intelligenztest besser ab als die einsprachigen Kinder.

Seitdem haben Wissenschaftler mehrsprachige Menschen immer genauer untersucht und weitere Vorteile des Fremdsprachenlernens entdeckt. Ihre Gehirne sind stets damit beschäftigt, die richtige Sprache auszuwählen und die nicht benötigten Wörter und Grammatikregeln zu unterdrücken.

Dieser Prozess ist für das Denkorgan ein ständiges Training. Mehrsprachigen fällt es dadurch leichter, zwischen Aufgaben hin- und herwechseln. Sie können sich besser konzentrieren und blenden Ablenkungen einfach aus.

Das Gehirn-Training kommt besonders älteren Menschen zu Gute. Bei bilingualen Senioren konnten Forscher mehr intakte weiße Substanz nachweisen als bei gleichaltrigen Einsprachigen. Die Wissenschaftler konnten zeigen, dass das permanente Sprach-Wechseln dafür sorgt, dass die Abbauprozesse im Alter langsamer verlaufen – und Demenzerkrankungen vier bis fünf Jahre hinauszögert.

Der schützende Effekt wirkt auch dann, wenn sich Personen erst spät mit Fremdsprachen beschäftigen. Auch für ältere Menschen gilt also: Sprachenlernen ist gesund.

Eine ältere Frau arbeitet mit einem Arbeitsheft und einem Wörterbuch

Wer Fremdsprachen lernt, trainiert sein Gehirn

WDR | Stand: 09.06.2020, 08:58

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