Interview: Digitaler Unterricht in Schweden

Eine Lehrerin an ihrem Schreibtisch, vor ihr zwei aufgeklappte Laptops

Schulgeschichte

Interview: Digitaler Unterricht in Schweden

Seit den Schulschließungen in der Corona-Zeit 2020 wird viel über das Thema Digitalisierung geredet. Oft werden skandinavische Länder als vorbildlich geschildert. Planet Wissen fragt im August bei der schwedischen Deutsch- und Schwedisch-Lehrerin Pia Nilsson nach, wie dort das Homeschooling funktioniert hat.

Planet Wissen: Im März 2020 mussten auch in Schweden Schüler*innen und Lehrer*innen ab der 10. Klasse zuhause bleiben. Wie sind Sie mit der Situation umgegangen?

Pia Nilsson: Das war am Anfang sehr schwer. Die Entscheidung für das Homeschooling fiel ja von einem Tag auf den nächsten. Dennoch sollte der Unterricht wie gewöhnlich stattfinden.

Ich musste meine Unterrichtsstunden regulär stattfinden lassen und die Schüler virtuell in Videokonferenzen treffen. Es dauerte eine Weile, bis ich eine Routine gefunden hatte.

Wie sind Sie mit Ihren Schülern im Kontakt geblieben? Haben Sie gemailt oder gechattet?

Wir haben eine Lernplattform, die in der Situation völlig überlastet wurde. Sie hat dann nicht so gut funktioniert.

Am zweiten Tag bin ich auf die Videokonferenzplattform Google Meet umgestiegen. Dort haben wir uns jede Unterrichtsstunde getroffen, erstmal ein bisschen geplauscht, geprüft, dass alle da sind und dann habe ich erklärt, was wir in der Stunde machen und ihnen das auch schriftlich eingestellt. Auf der Arbeitsplattform Google Classroom habe ich alle Dokumente wie Arbeitspläne, Texte und Aufgaben hochgeladen – so konnten sie auch alles nachlesen.

Spätestens nach einer Woche wussten alle, wie und wo wir uns treffen und wie der Unterricht abläuft. Dann haben die Schüler in der Stunde alleine Aufgaben gelöst und im letzten Teil der Stunde haben wir uns dann wiedergetroffen in der Videokonferenz. Sie konnten aber auch während der Stunde jederzeit wieder in die Konferenz zu mir kommen und Fragen stellen. Das haben sie aber nicht gemacht.

Ich merkte, dass ich die Schüchternen und Schwachen verlor. Sie hatten in dieser Unterrichtsform noch größere Schwierigkeiten, weil sie sich nicht trauten Fragen zu stellen.

Um allen die Möglichkeit zu geben, Frage zu stellen bzw. Hilfe zu bekommen, habe ich kleinere Arbeitsgruppen festgelegt und sie haben in der Zusammensetzung in jeweils einer eigenen Konferenz gearbeitet. So konnte ich sie dann in ihrer Arbeitsgruppe besuchen und bin dann von Gruppe zu Gruppe "gegangen" und habe mich dazugeschaltet und sie beraten, Fragen beantwortet etc.. Und so habe ich in allen Unterrichtsstunden mit jedem Schüler gesprochen.

Woher haben Sie Unterstützung und Anleitungen für einen gelungenen Fernunterricht bekommen?

Wir haben ganz viele Informationen und Unterstützung von der Schule bekommen. Und die Schule hat die Informationen von der Schulbehörde. Wir haben von der Schulleitung Empfehlungen erhalten, aber niemand wurde gezwungen. Wir haben dort zwei Techniker, die Vollzeit für 130 Lehrer und 1500 Schüler an unserer Schule arbeiten. Die haben uns praktische Tipps für die Vorbereitung auf den digitalen Unterricht gegeben und uns bei technischen Fragen geholfen.

In dieser digitalen Form war Unterricht für uns alle neu. Die meisten waren damit etwas überfordert. Um einen besseren Umgang damit zu finden, hat die Schulleitung Videokonferenzen initiiert, bei der die im Digitalen fitten Lehrer uns zahlreiche praktische Tipps gegeben haben. Das gesamte Kollegium hat sich dort untereinander ausgetauscht und wir haben uns dann gegenseitig geholfen, Apps für die verschiedenen Fächer vorgestellt und alltagsnahe Lösungen beratschlagt.

Es kamen aber auch Tipps von anderen Schulen in der Stadt. Es gab auch viele einstündige Fortbildungen bei uns an der Schule. So zum Beispiel eine Stunde "Google Classroom Basic" oder wie man Videokonferenzen generell durchführt, Mathe digital unterrichtet oder wie man Prüfungen rein digital gestalten kann.

Aber es gab viele Angebote, die dann auch von den meisten Lehrern wahrgenommen wurden, weil wir ja alle guten Unterricht machen möchten. Die Entscheidung lag allein bei den Lehrern – Schule, Eltern  und Staat haben uns vertraut, dass wir das Beste für unsere Schüler aus der Situation machen.

Sind denn in Schweden Lehrer und Schüler mit technischem Equipment ausgestattet?

Ja, alle Lehrer und Schüler bekommen einen Computer vom Staat gestellt – sonst hätte es auch nicht geklappt. Der muss nach den drei Jahren im Gymnasium aber zurückgegeben werden, oder man kann ihn danach für geringes Geld kaufen. Und in Schweden ist das Glasfaser-Netz ganz gut ausgebaut. Das heißt, bei den meisten Schülern hat der Fernunterricht funktioniert – nicht bei allen.

In Deutschland haben die Kultusminister sehr um einen gerechten Umgang mit den Abiturprüfungen unter den besonderen Corona-Bedingungen gerungen. Wie war das in Schweden und wie wurden unter Corona- Bedingungen Prüfungen abgenommen?

Wir haben ja keine Abiturprüfungen so wie ihr. Die Schüler machen das Abitur, aber Abiturprüfungen gibt es nicht. Man hat natürlich Prüfungen am Ende des Semesters, die sind national einheitlich am gleichen Tag. Das ist dieses Jahr ausgefallen. Jede Schule hat ihre eigenen Prüfungen veranstaltet.

Und die Prüfungen waren ein Problem. Die Schüler durften nicht in die Schule, um die Prüfungen zu absolvieren, sondern haben sie von zu Hause aus gemacht. Sie haben einen Code bekommen, mit dem sie sich in die Prüfung einloggen konnten und der dann automatisch den Zugang zum restlichen Internet sperrt. Man kann also nur noch diese eine Seite benutzen.

Das hört sich erstmal sehr gut an und ist auch sehr gut, wenn man in der Schule ist, aber zu Hause kann man natürlich mit dem Handy nebendran sitzen. Es gab zwar eine Kamera bei jedem Schüler mit der ich in der Videokonferenz kontrollieren konnte, ob sie auch schreiben, aber es kann natürlich auch jemand dahinter stehen und Lösungen verraten oder Ähnliches. Da bin ich mir ziemlich sicher, dass die Schüler Lösungen gefunden haben (lacht).

Wenn wir aber gemerkt haben, dass das Prüfungsergebnis bei einzelnen Schülern viel besser war als sonst, hat man darüber diskutiert.

Glauben Sie, dass Sie in Bezug auf die Nutzung digitaler Medien an einer durchschnittlichen schwedischen Schule arbeiten?

Ich denke ja. Ich hatte Kontakt mit Lehrern von anderen Schulen. Und wenn man uns mit anderen Gymnasien vergleicht, sind wir, glaube ich, keine große Ausnahme. Aber ich glaube auch, dass es hier besonders gut geklappt hat, weil die Schüler so motiviert sind.

Sind Sie schon in Ihrem Studium dahingehend ausgebildet worden, digitale Medien einzusetzen? War das damals in Schweden schon ein Thema? Oder wo haben Sie Ihr Wissen zum Einsatz von Internetangeboten, Handys etc. im Unterricht her?

Das ist schon 18 Jahre her. Da kann ich mich nicht erinnern, dass das gelehrt wurde.

In den Schulen, in denen ich gearbeitet habe, hat man dazu immer eine gute Ausbildung bekommen. Und digitaler Unterricht ist ja seit Jahren ein großes Thema in Schweden. Wie eben schon berichtet, gibt es ja auch mittlerweile das Programm 1 zu 1: einen Computer für jeden Schüler.

Digitale Kompetenzen müssen in Schweden in allen Fächern – von Mathematik über Naturwissenschaften bis zu Sprachen und Sozialkunde – berücksichtigt werden, damit Technologie kein isoliertes Thema bleibt. Gibt es aus dem Grunde eine Verpflichtung zur Fortbildung für Lehrer*innen in Sachen "Lernen mit digitalen Medien"?

Wir haben als Lehrer 104 verpflichtende Fortbildungsstunden pro Jahr. Einige Themen für die Fortbildungen legt die Schulleitung fest, andere können wir als Lehrer selbst auswählen.

Verpflichtend sind die Tage, die die Schulleitung vorgibt. Da findet kein Unterricht statt und man hat Fortbildungen zu Themen, die die Schulleitung ausgewählt hat. Die sind dann sehr allgemein und nicht fachspezifisch wie z.B. das Thema Mobbing.

Bei den Fortbildungen im Bereich der digitalen Schulbildung sind die Themen sowohl  technisch als auch didaktisch ausgerichtet. Zum Beispiel ging es letzte Woche um das Thema Apps. Das war nicht didaktisch, sondern eher praktisch. Manchmal kommen dafür externe Referenten, manchmal sind es erfahrene Lehrer aus dem Kollegium, die die anderen fortbilden.

Eine abschließende Frage. Was würden Sie deutschen Lehrern raten, um möglichst erfolgreichen digitalen Unterricht umzusetzen?

Es ist schwer, hier einen Tipp zu geben, weil die Voraussetzungen in Schweden und Deutschland sehr unterschiedlich sind. Mein Rat wäre, sich ein Projekt auszuwählen und zusammen mit den Schülern auszuprobieren. Man sollte auf jeden Fall die Schüler mit einbeziehen, weil man sich so gegenseitig unterstützen und miteinander etwas Neues lernen kann.

Das Interview führte Beate Schröder-Off.

WDR | Stand: 02.09.2020, 11:40

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