Pfadfinder

Organisationen

Pfadfinder

Was haben die englische Königin, der erste Mann auf dem Mond, Neil Armstrong, und TV-Entertainer Harald Schmidt gemeinsam? Sie alle waren Pfadfinder. Millionen von Kindern und Jugendliche haben sich der Pfadfinder-Bewegung seit ihrer Gründung im Jahr 1907 angeschlossen. Sie fahren ins Zeltlager, helfen in Kriegs- und Krisengebieten und versuchen das umzusetzen, was ihnen ihr Gründervater, der britische General Robert Baden-Powell, mit auf den Weg gegeben hat: allzeit bereit zu sein und jeden Tag eine gute Tat zu vollbringen.

Versprechen beim Lagerfeuer

Zwei US-amerikanische Pfadfinder in Uniform.

Jeden Tag eine gute Tat

Ein Pfadfinderlager im Sommer, draußen unter freiem Himmel. Gerade ist es dunkel geworden. Alle Mitglieder des Stammes - so nennen Pfadfinder ihre Ortsgruppen - haben sich ums Lagerfeuer versammelt. Ein 13-jähriger Junge tritt hervor. Fast ein Jahr hat er nun schon bei den Pfadfindern mitgemacht. Jetzt ist es an der Zeit, sein Pfadfinderversprechen abzulegen und damit offiziell in die Gemeinschaft der Pfadfinder aufgenommen zu werden.

Im Schein des Feuers hebt er die Hand zum Pfadfindergruß und sagt folgende Worte: "Ich will, im Vertrauen auf Gottes Hilfe, nach den Regeln der Pfadfinderinnen und Pfadfinder mit euch leben." Dann legt ihm der Gruppenleiter sein neues Halstuch um. Der Junge ist nun Teil der weltweiten Pfadfinderbewegung.

Ist das Pfadfinderdasein noch zeitgemäß?

Mehrere junge Pfadfinder sitzen in und vor einem weißen Zelt.

Pfadfinder auf Zeltlager

Ein Ritual, das Nicht-Pfadfindern merkwürdig vorkommen mag: Wozu das ganze Pathos? Ist der religiöse Bezug im Pfadfinderversprechen überhaupt noch zeitgemäß - und warum müssen Pfadfinder eigentlich Uniform tragen? Fragen, die Pfadfindern so oder ähnlich bereits seit hundert Jahren gestellt werden. Manchen sind sie zu kollektivistisch, manchen zu elitär, manchen zu religiös, manchen zu freigeistig.

Das Selbstverständnis der Pfadfinder ist so einfach wie anspruchsvoll: Man will Kindern und Jugendlichen dabei helfen, zu verantwortlichen Mitgliedern der Gesellschaft heranzuwachsen und sich weltweit für den Frieden zwischen den Völkern einzusetzen. Und obwohl die meisten Pfadfinder gläubig sind, kann man zumindest in einigen deutschen Gruppen die Berufung auf Gott beim Pfadfinderversprechen auch einfach weglassen.

Anfänge in England

Porträtbild Baden-Powells, knapp 60 Jahre alt: Mann mit weißem Schnauzer, Armeeabzeichen an der Brust und breitkrempigem Pfadfinderhut auf dem Kopf.

Pfadfindergründer Baden-Powell (1857-1941)

Angefangen hat alles mit einem britischen Kriegshelden. General Robert Baden-Powell war im späten 19. Jahrhundert in zahlreichen Kolonialkriegen zu so etwas wie der Geheimwaffe seiner Armee geworden. Wie er 1900 im zweiten Burenkrieg das südafrikanische Mafeking verteidigte, ist in England bis heute legendär.

Gegen die eindeutige Übermacht der Buren schaffte er es, die belagerte Stadt monatelang zu halten - und zwar auch, indem er die Jungen von Mafeking zu leichteren militärischen Aufgaben heranzog: Sie überbrachten Meldungen, versorgten Verwundete und wurden als Späher eingesetzt. Dabei machte Baden-Powell eine für die damalige Zeit überraschende Entdeckung: Wenn man jungen Menschen nur Vertrauen schenkt und sie vieles selbst entscheiden lässt, übernehmen sie gerne Verantwortung - und das sehr erfolgreich.

Im Sommer 1907 ist es dann so weit: Vom Krieg zunehmend angewidert, fährt Baden-Powell mit 20 Jungen für eine Woche auf die englische Kanalinsel Brownsea Island - ein pädagogischer Versuch, der wenig später schon als Geburtsstunde der Pfadfinderbewegung gefeiert wird.

Dass die Teilnehmer aus allen gesellschaftlichen Schichten kommen, ist in der damaligen britischen Klassengesellschaft eine Provokation. Baden-Powell teilt die Jungen zunächst in Fünfergruppen auf, in denen jeweils einer für die Gruppe verantwortlich ist - ein Prinzip, an das sich die Pfadfinder bis heute halten. Denn auf diese Weise sind die Gruppen so überschaubar, dass jeder seinen Teil beitragen und sein Bestes geben kann. Die einheitliche Kleidung, später zu einer Uniform weiterentwickelt, soll die unterschiedliche gesellschaftliche Herkunft der Jungen vergessen machen.

Das Programm des Zeltlagers ist für die damalige Zeit der Industrialisierung nicht minder revolutionär. Baden-Powell bringt den Jungen bei, wie sie sich ganz ohne Hilfe in der freien Natur zurechtfinden können: Wie macht man ein Feuer? Wie beobachtet man wilde Tiere? Wie baut man ein Floß oder eine Hütte? Dabei gibt er nur so viel Hilfestellung wie nötig - den Rest sollen die Jungen selbst herausfinden. "Learning by doing", Lernen durch Tun, nennt Baden-Powell das - neben der Bildung von Kleingruppen die zweite wichtige Methode der Pfadfinderarbeit, die noch heute praktiziert wird.

Die Jungen sind jedenfalls begeistert, und so macht sich Baden-Powell daran, seine Erfahrungen in Buchform zu bringen. "Scouting for Boys" erscheint 1908 und wird über die Jahre zum Weltbesteller. Innerhalb kürzester Zeit sind damit die Grundlagen einer internationalen Bewegung geschaffen: Sogar bis ins ferne Chile spricht sich die neue Idee herum. Gleichzeitig gründen sich auch Mädchengruppen, die "Girl Guides" oder "Girl Scouts". Am Vorabend des Ersten Weltkriegs gibt es bereits auf allen fünf Kontinenten Pfadfinder.

Der deutsche Sonderweg

Historische Aufnahme einer Wandervogelgruppe, die in zwei Reihen im Ringelreihen tanzt.

Zurück zur Natur! Wandervogelgruppe beim Ringelreihen

In Deutschland tun sich die Pfadfinder dagegen etwas schwer - auch deshalb, weil es zu dieser Zeit schon andere Jugendbewegungen gibt, insbesondere den sogenannten Wandervogel. Ähnlich wie bei den Pfadfindern legt man hier Wert auf Naturnähe und Ursprünglichkeit. Gleichzeitig will man sich aber von der starren, autoritätshörigen Gesellschaft des Kaiserreichs abgrenzen.

Nach dem Ersten Weltkrieg geht der Wandervogel vielerorts in den Gruppen der Bündischen Jugend auf, eine Bewegung mit elitärem, oft auch autoritärem Anstrich. Die Pfadfinder wiederum werden von vielen Deutschen als ideologischer Import des Kriegsgewinners England wahrgenommen.

Ab 1933 dann verbieten die Nationalsozialisten Schritt für Schritt die Bündische Jugend und die wenigen Pfadfindergruppen, die mittlerweile entstanden sind. Damit ist die Hitlerjugend schließlich die einzig verbleibende Jugendbewegung auf deutschem Boden: ein vom Staat gelenktes und ihm zuarbeitendes Zwangsangebot, das nur noch rein äußerliche Ähnlichkeit mit den Pfadfindern hat.

Erst nach Kriegsende können sich - zumindest in den westlichen Besatzungszonen - wieder Pfadfindergruppen gründen.

Die Welt verbessern

Pfadfinder unterschiedlicher Hautfarbe, alle in Uniform und mit bunten Halstüchern, heben die Hand zum Pfadfindergruß (die drei mittleren Finger in die Höhe gereckt, der Daumen legt sich auf den kleinen Finger).

Pfadfinder aus aller Welt heben die Hand zum Pfadfindergruß

Spätestens seit dieser Zeit fühlt sich die Pfadfinderbewegung weltweit Frieden und internationalem Ausgleich verpflichtet. Besonders eindrucksvoll zeigt sich das bei den alle vier Jahre stattfindenden Welttreffen, den sogenannten Jamborees: Dabei können sich Pfadfinder aus aller Welt bei gemeinsamen Aktivitäten gegenseitig kennenlernen - und, besonders beliebt, miteinander ihre Halstücher und Abzeichen tauschen. Die Verständigung, so heißt es immer wieder, soll trotz Sprachbarrieren ganz gut funktionieren: Schließlich teilen Pfadfinder weltweit die gleichen Ideale und Grundsätze.

Worin die genau bestehen, das hat Gründer Baden-Powell schon vor mehr als einem Jahrhundert formuliert - und die Weltpfadfinderorganisation 1977 noch einmal bestätigt:

Ein Pfadfinder verpflichtet sich gegenüber Gott (nicht gegenüber einem bestimmten, sondern dem Gott seiner jeweiligen Religionsgemeinschaft - oder allgemeiner: gegenüber der Schöpfung), gegenüber anderen (den Mitmenschen daheim und auf der ganzen Welt) und gegenüber sich selbst (der positiven Entwicklung der eigenen Persönlichkeit).

Hört sich etwas hölzern an? Nun ja, Pfadfinder würden als Antwort da wohl einfach von ihren Aktivitäten erzählen: Nicht nur von den Zeltlagern und Gruppenstunden, sondern vor allem davon, wie sie gemeinsam schon viel auf der Welt bewegt haben. Anfang 2005 etwa, nach dem verheerenden Tsunami in Südostasien, waren Pfadfinder unter den Ersten, die vor Ort geholfen haben - die Verletzte versorgt, Schulen wieder aufgebaut, den Menschen Trost gespendet haben. Ganz im Sinne eines anderen Ausspruchs ihres Gründers: Versucht, die Welt ein bisschen besser zurückzulassen, als ihr sie vorgefunden habt.

Weiterführende Infos

Autor/in: Kerstin Hilt

Stand: 13.03.2015, 12:00

Darstellung: