Wladimir Putin und Xi Jinping vor den Flaggen ihrer Länder beim Staatsbesuch am 4.2.2022.

Politik

Die Welt als Schachbrett – wie Großmächte Politik machen

Großmacht-Rivalitäten gibt es seit Jahrtausenden. Lange waren die großen Gegner die USA und der sogenannte Ostblock, heute stehen sich die USA, Russland und China gegenüber. Wie immer die Konstellation ist – letztlich geht es immer um Einfluss und Macht.

Von Beate Krol

Die Geopolitik ist zurück

Mehr als 30 Jahre nach dem Ende der Sowjetunion ist die Welt in Aufruhr. Die Hoffnung, dass die Großmächte zu einem friedlichen Miteinander finden, hat sich zerschlagen. Statt abzurüsten und gemeinsam die Probleme der Welt anzugehen, ringen die USA, Russland und China unverhohlen um Macht und Einfluss.

Sie rüsten auf, brechen internationale Abkommen, drohen mit Atomkriegen, verhängen Handelsembargos, marschieren in Nachbarländer ein und führen Stellvertreterkriege.

Foto: US-Präsident Reagan (rechts) und der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow (links) unterzeichnen den INF-Vertrag im Weißen Haus am 8. Dezember 1987.

Gorbatschow und Reagan unterzeichnen 1987 den Vertrag zur Abschaffung aller nuklear bestückbaren Mittelstreckenraketen

Viele Menschen hat diese Rückkehr der Großmachtrivalitäten überrascht. Außen- und Sicherheitspolitik-Experten hingegen haben die Entwicklung erwartet: Bereits seit Ende der 1990er-Jahre propagieren konservative Strategen im Pentagon und in Denkfabriken alte geopolitische Theorien aus den 1940er-Jahren.

Demnach müssen die USA verhindern, dass die Schlüsselregionen der Welt – Eurasien, der westliche Pazifik und die Golfregion – unter den Einfluss von Russland oder China geraten. Inzwischen werden Russland und China ganz offiziell als Staaten bezeichnet, die versuchten, "eine Welt zu formen, die den US-Interessen und Werten entgegengesetzt" sei.

Auch in Russland und China ist das geopolitische Denken wieder erstarkt. Während Michael Gorbatschow der Geopolitik skeptisch gegenüberstand, erklärte der russische Präsident Wladimir Putin 2005 den Zerfall der Sowjetunion zur "größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts".

Später belebte er die geografische Bezeichnung "Neurussland" wieder, die dafür steht, die Süd- und Ostukraine Russland einzuverleiben. Chinas Parteichef Xi Jinping wiederum erklärte 2017 in seiner Parteitagsrede, dass die Volksrepublik bis 2050 eine "starke Macht mit führendem Einfluss in der Welt" sein werde.

Das Wesen der Geopolitik

Dass Politiker wie Putin, Xi und der frühere US-Präsident Donald Trump die Geopolitik auch dazu nutzen, um sich als starke Führer zu präsentieren, steht außer Frage. Primär dient die Geopolitik aber einem anderen Ziel: Es geht darum, dass Staaten versuchen, Interessen und Bedürfnisse, die sie auf ihrem eigenen Territorium nicht befriedigen können, außerhalb ihres Territoriums durchzusetzen.

So kann es beispielsweise sein, dass ein Staat nicht genügend Rohstoffe hat, dass ihm zukunftsweisende Technologien fehlen oder die Böden nicht reichen, um genügend Nahrungsmittel für die Bevölkerung anzubauen. Umgekehrt können Staaten auch Rohstoffe und Produkte übrig haben und Absatzmärkte suchen.

Ein Kranfahrzeug mit zwei Rohren einer Erdgas-Pipeline an einer Baustelle.

Nordstream 2 sollte russisches Erdgas nach Deutschland liefern

Dieses Verhalten kennt man nicht nur von Großmächten. Sie verfolgen jedoch eine besonders entschiedene und oft aggressive Geopolitik. Das liegt zum einen daran, dass sie aufgrund der Größe ihrer Länder und Bevölkerungen über eine enorme wirtschaftliche und militärische Macht verfügen und entsprechend Druck auf andere Länder ausüben können.

Gleichzeitig ist auch der innere Druck groß, denn der Staat muss am Laufen gehalten werden. Fehlen Einnahmen, weil Handelswege blockiert und Absatzmärkte versperrt sind, oder liegt die Produktion brach, weil Rohstoffe fehlen oder die Industrie nicht mehr konkurrenzfähig ist, drohen Unruhen, die letztlich die Existenz der Großmacht gefährden können.

Gefährlich wird es, wenn Großmächte in Konkurrenz zueinander geraten. In diesen Fällen kann sich ihre Geopolitik von dem eigentlichen Ziel lösen, die eigenen Interessen und Bedürfnisse im Rest der Welt zu befriedigen. Statt um die ausreichende Versorgung mit Rohstoffen geht es dann darum, wer die rohstoffreiche Region oder den lukrativen Absatzmarkt dominiert. Eskalieren diese Konflikte, kommt es zu Kriegen.

Der Einfluss der Geografie auf die Geopolitik

Im Kalten Krieg standen sich zudem zwei gegensätzliche Ideologien und Staatsphilosophien gegenüber: der westlich liberale Marktwirtschaftskapitalismus und der staatsmonopolistische Kommunismus. Während es diesen Kommunismus so nicht mehr gibt, versuchen die USA ihren Einfluss und ihre Führungsrolle in der Welt weiterhin mit ihrer Staatsphilosophie und ihren demokratischen Werten zu sichern.

Außerdem punkten sie mit ihrer geografischen Lage. Anders als Russland müssen die USA keinen Krieg auf ihrem Territorium fürchten. Im Norden des Landes sitzt mit Kanada ein Verbündeter, und auch aus dem Süden ist ein Einmarsch unwahrscheinlich.

Dazu kommt, dass die USA sowohl den Pazifik als auch den Atlantik kontrollieren. Das gelingt ihnen, weil sie auf den gegenüberliegenden Ufern enge Allianzen geknüpft und zahlreiche militärische Stützpunkte errichtet haben. Da die meisten Waren nach wie vor mit Schiffen transportiert werden, ist das ein enormes Plus.

Der vereiste Hafen von St. Petersburg im Winter mit zwei Schiffen im Eis.

Geopolitischer Nachteil: Russland mangelt es an eisfreien Häfen

Russland hingegen muss um seine Zugänge zu den Weltmeeren kämpfen. Obwohl es unendlich lange Küsten besitzt, gibt es lediglich einen einzigen halbwegs eisfreien Ozean-Hafen – und der liegt ausgerechnet im von Japan kontrollierten Japanischen Meer.

Die anderen russischen Handels- und Marinehäfen sind durch mehrere Meerengen vom Atlantik abgetrennt, deren Anrainer allesamt Nato-Mitglieder sind.

Russlands Geopolitik

Planet Wissen 17.02.2020 01:48 Min. Verfügbar bis 17.02.2025 SWR

USA, China, Russland – die konkurrierenden Großmächte

Erschwerend kommt hinzu, dass Russland mit dem Ende der Sowjetunion die meisten seiner Schutz- und Pufferzonen im Westen verloren hat. Weil viele der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten heute der Nato angehören, ist die konkurrierende Großmacht USA sogar bis an die russische Grenze vorgerückt.

Aus Russlands Sicht ist die Osterweiterung ebenso wie die mögliche Aufnahme der Ukraine in die Nato eine Provokation. Als Russland im Februar 2022 in die Ukraine einmarschierte, wurde dies als einer der Gründe für die sogenannte "Militäroperation" angeführt.

Bereits 2014 hatte Russland gewaltsam die Halbinsel Krim annektiert und 2008 nach der Beteiligung im Kaukasuskonflikt die von Georgien abtrünnigen Provinzen Abchasien und Südossetien als unabhängige Staaten anerkannt.

Auch China bedroht die Vormachtstellung der USA. Beim Export hat es die USA bereits weit hinter sich gelassen. Gleichzeitig ist China mit seinen 1,4 Milliarden Menschen der größte Absatzmarkt der Welt.

Der Flugzeugträger USS Carl Vinson (im Vordergrund) begleitet von den drei Zerstörern (im Hintergurnd) den zwei japanischen Zerstörern JS Sazanami und JS Samidare, sowie dem US-amerikanischen Zerstörer USS Wayne E. Meyer.

Bislang dominieren die USA den Westpazifik

Außerdem plant das Land, wie die USA, zur Zwei-Meere-Macht zu werden. Unter anderem schüttet es dafür Inseln im westlichen Pazifik auf und errichtet dort Militärstützpunkte. Geopolitisch birgt diese Aktion besonderen Zündstoff, denn aufgrund der Schlüsselregionen-Theorie haben bislang die USA den westlichen Pazifik dominiert.

Experten fürchten daher, dass es in den nächsten Jahren im Westpazifik zu einem Zusammenstoß der Noch-Supermacht USA und der aufstrebenden Supermacht China kommen könnte. . Dazu kommt Chinas Konflikt mit Taiwan, auf das es bis heute Anspruch erhebt. Und diesen Anspruch will die chinesische Führung notfalls mit Gewalt durchsetzen.

Geopolitisch von Interesse ist auch der Ausbau der Neuen Seidenstraße, mit der Wirtschaftskorridore in Asien und bis nach Afrika und Europa entstehen sollen. Das Großprojekt würde China nicht nur als Wirtschaftsmacht, sondern auch politisch und militärisch einflussreicher machen.

Kampf um das Südchinesische Meer

Planet Wissen 17.02.2020 02:38 Min. Verfügbar bis 17.02.2025 SWR

Quelle: SWR | Stand: 11.08.2022, 18:00 Uhr

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