Die Welt als Schachbrett – wie Großmächte Politik machen

Collage Schach mit Putin, Trump, Europaflagge.

Politik

Die Welt als Schachbrett – wie Großmächte Politik machen

Von Beate Krol

Großmacht-Rivalitäten ziehen sich von jeher durch die Geschichte. Im 20. Jahrhundert waren die großen Gegner die USA und der sogenannte Ostblock unter Führung der Sowjetunion. Heute stehen sich die USA, Russland und China gegenüber. Wie immer die Konstellation ist – letztlich geht es immer um dasselbe: Einfluss und Macht.

Die Geopolitik ist zurück

Dreißig Jahre nach dem Ende der Sowjetunion ist die Welt in Aufruhr. Die Hoffnung, dass die Großmächte zu einem friedlichen Miteinander finden, hat sich zerschlagen. Statt abzurüsten und gemeinsam die Probleme der Welt anzugehen, ringen die USA, Russland und China unverhohlen um Macht und Einfluss: Sie rüsten auf, brechen internationale Abkommen, drohen mit Atomkriegen, verhängen Handelsembargos, marschieren in Nachbarländer ein und führen Stellvertreterkriege.

Foto: US-Präsident Reagan (rechts) und der sowjetische Generalsekretär Gorbatschow (links) unterzeichnen den INF-Vertrag im Weißen Haus am 8. Dezember 1987.

Gorbatschow und Reagan unterzeichnen 1987 den Vertrag zur Abschaffung aller nuklear bestückbaren Mittelstreckenraketen

Viele Menschen hat diese Rückkehr der Großmachtrivalitäten überrascht. Außen- und Sicherheitspolitik-Experten hingegen haben die Entwicklung kommen sehen: Bereits seit Ende der 1990er Jahre propagieren konservative Strategen im Pentagon und in Think Tanks alte geopolitische Theorien aus den 1940er Jahren, wonach die USA verhindern müssen, dass die Schlüsselregionen der Welt – Eurasien, der westliche Pazifik und die Golfregion – unter den Einfluss von Russland oder China geraten. Inzwischen werden Russland und China ganz offiziell als Staaten bezeichnet, die versuchten, "eine Welt zu formen, die den US-Interessen und Werten entgegengesetzt" sei.

Auch in Russland und China ist das geopolitische Denken wieder erstarkt. Während Michael Gorbatschow der Geopolitik skeptisch gegenüberstand, erklärte Putin 2005 den Zerfall der Sowjetunion zur "größten geopolitischen Katastrophe des 20. Jahrhunderts".

Später belebte er die geografische Bezeichnung "Neurussland" wieder, die dafür steht, die Süd- und Ostukraine Russland einzuverleiben. Chinas Parteichef Xi Jinping wiederum erklärte 2017 in seiner Parteitagsrede, dass die Volksrepublik bis 2050 eine "starke Macht mit führendem Einfluss in der Welt" sei.

Das Wesen der Geopolitik

Dass Trump, Putin und Xi die Geopolitik auch dazu nutzen, um sich als starke Führer zu präsentieren, steht außer Frage. Primär dient die Geopolitik aber einem anderen Ziel: Es geht darum, dass Staaten versuchen, Interessen und Bedürfnisse, die sie auf ihrem eigenen Territorium nicht befriedigen können, außerhalb ihres Territoriums zu befriedigen.

So kann es beispielsweise sein, dass ein Staat nicht genügend Rohstoffe hat, ihm zukunftsweisende Technologien fehlen oder die Böden nicht reichen, um genügend Nahrungsmittel für die Bevölkerung anzubauen. Umgekehrt können Staaten auch Rohstoffe und Produkte übrig haben und Absatzmärkte suchen.

Ein Kranfahrzeug mit zwei Rohren einer Erdgas-Pipeline an einer Baustelle.

Nordstream 2 soll russisches Erdgas nach Deutschland liefern

Dieses Verhalten kennt man nicht nur von Großmächten. Sie verfolgen jedoch eine besonders entschiedene und oft aggressive Geopolitik. Das liegt zum einen daran, dass sie aufgrund der Größe ihrer Länder und Bevölkerungen über eine enorme wirtschaftliche und militärische Macht verfügen und entsprechend Druck auf andere Länder ausüben können.

Gleichzeitig ist auch der innere Druck groß, denn der Staat muss am Laufen gehalten werden. Fehlen Einnahmen, weil Handelswege blockiert und Absatzmärkte versperrt sind, oder liegt die Produktion brach, weil Rohstoffe fehlen oder die Industrie nicht mehr konkurrenzfähig ist, drohen Unruhen, die letztlich die Existenz der Großmacht gefährden können.

Gefährlich wird es, wenn Großmächte in Konkurrenz zueinander geraten. In diesen Fällen kann sich ihre Geopolitik von dem eigentlichen Ziel lösen, die eigenen Interessen und Bedürfnisse im Rest der Welt zu befriedigen. Statt um die ausreichende Versorgung mit Rohstoffen geht es dann darum, wer die rohstoffreiche Region oder den lukrativen Absatzmarkt dominiert. Eskalieren diese Konflikte, kommt es zu Kriegen.

Der Einfluss der Geografie auf die Geopolitik

Im Kalten Krieg standen sich zudem zwei gegensätzliche Ideologien und Staatsphilosophien gegenüber: der westlich liberale Marktwirtschaftskapitalismus und der staatsmonopolistische Kommunismus. Während es den Kommunismus nicht mehr gibt, versuchen die USA ihren Einfluss und ihre Führungsrolle in der Welt weiterhin mit ihrer Staatsphilosophie und ihren demokratischen Werten zu sichern.

Außerdem punkten sie mit ihrer geografischen Lage. Anders als Russland müssen die USA keinen Krieg auf ihrem Territorium fürchten. Im Norden des Landes sitzt mit Kanada ein Verbündeter und auch im Süden ist ein Einmarsch unwahrscheinlich.

Dazu kommt, dass die USA sowohl den Pazifik wie als auch den Atlantik kontrollieren. Das gelingt ihnen, weil sie auf den gegenüberliegenden Ufern enge Allianzen geknüpft und zahlreiche militärische Stützpunkte errichtet haben.

Der vereiste Hafen von St. Petersburg im Winter mit zwei Schiffen im Eis.

Geopolitischer Nachteil: Russland mangelt es an eisfreien Häfen

Stellt man in Rechnung, dass die meisten Waren nach wie vor verschifft werden, ist das ein enormes Plus. Russland hingegen muss um seine Zugänge zu den Weltmeeren kämpfen. Obwohl es unendlich lange Küsten besitzt, gibt es lediglich einen einzigen, halbwegs eisfreien Ozean-Hafen – und der liegt ausgerechnet im von Japan kontrollierten Japanischen Meer. Die anderen russischen Handels- und Marinehäfen sind durch mehrere Meerengen vom Atlantik abgetrennt, deren Anrainer allesamt Nato-Mitglieder sind. Käme es hart auf hart, könnten sie Russlands Durchfahrt verhindern.

Russlands aktuelle Geopolitik Planet Wissen 26.06.2019 01:48 Min. Verfügbar bis 26.06.2024 SWR

Alte Supermacht versus neue Supermacht

Erschwerend kommt hinzu, dass Russland mit dem Ende der Sowjetunion die meisten seiner Schutz- und Pufferzonen im Westen verloren hat. Weil viele der ehemaligen Warschauer-Pakt-Staaten heute der Nato angehören, ist die konkurrierende Großmacht USA sogar bis an die russische Grenze vorgerückt.

Russland müssen die USA deshalb aus Sicht vieler Experten nicht fürchten. China hingegen bedroht die Vormachtstellung der USA tatsächlich. Beim Export hat es die USA bereits hinter sich gelassen. Gleichzeitig ist China mit seinen 1,4 Milliarden Menschen der größte Absatzmarkt der Welt.

Der Flugzeugträger USS Carl Vinson (im Vordergrund) begleitet von den drei Zerstörern (im Hintergurnd) den zwei japanischen Zerstörern JS Sazanami und JS Samidare, sowie dem US-amerikanischen Zerstörer USS Wayne E. Meyer.

Bislang dominiert die USA den Westpazifik

Außerdem plant das Land, wie die USA, zur Zwei-Meere-Macht zu werden. Unter anderem schüttet es dafür Inseln im westlichen Pazifik auf und errichtet dort Militärstützpunkte. Geopolitisch birgt diese Aktion besonderen Zündstoff, denn aufgrund der Schlüsselregionen-Theorie haben bislang die USA den westlichen Pazifik dominiert. Experten fürchten daher, dass es in den nächsten Jahren im Westpazifik zu einem Zusammenstoß der Noch-Supermacht USA und der aufstrebenden Supermacht China kommen könnte.

Kampf um das Südchinesische Meer Planet Wissen 26.06.2019 02:38 Min. Verfügbar bis 26.06.2024 SWR

Stand: 17.01.2019, 12:00

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