Extremsport

Ein Mann mit Kletterausrüstung klettert eine Steile Wand hoch.

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Extremsport

Von Frank Drescher

Breitensport, Leistungssport, Extremsport? Manches spricht dafür, dass Extremsport eine weitere Steigerungsstufe ist. Doch die Entwicklung des Extremsports zeigt: Ganz so einfach ist es nicht.

Moderne Athleten laufen die antike Marathonstrecke

245 Kilometer zu Fuß in weniger als zwei Tagen: Das ist die Herausforderung beim Spartathlon, einem Ultramarathonlauf auf der Strecke von Marathon nach Sparta, der seit 1983 stattfindet. Zweifellos Extremsport.

Vorbild ist der Lauf des Athener Boten Pheidippides: 490 vor Christus soll er die Strecke enfalls in weniger als zwei Tagen zurückgelegt haben, als er die Spartaner von Marathon aus zum Beistand gegen die Perser holen wollte.

So berichtet es der Geschichtsschreiber Herodot. Schon damals eine herausragende Leistung, motiviert aber durch existenzielle Not und weniger durch das Bedürfnis, die eigene körperliche Leistungsfähigkeit zu beweisen – extrem also gewiss, aber nichts Spielerisches, kein Sport.

Teilnehmer des Spartathlon von Athen nach Sparta stehen in einer Reihe.

Teilnehmer des Spartathlon von Athen nach Sparta: vor ihnen liegen 246 km

Im Grenzbereich

Der Sportwissenschaftler Siegbert A. Warwitz definiert Extremsport als eine körperliche Betätigung in den qualitativen wie auch den quantitativen Grenzbereichen der Leistungsfähigkeit.

Während die Spartathlon-Teilnehmer sich in einem quantitativen Extrembereich bewegen, also eine völlig normale körperliche Aktivität besonders ausdauernd betreiben, befand sich Reinhold Messner in einem qualitativen Extrembereich, als er als Erster ohne Sauerstoffgerät den Mount Everest bestiegen hat.

Reinhold Messner 1980: Solo auf dem Mount Everest ohne Sauerstoff

Reinhold Messner 1980: Solo auf dem Mount Everest ohne Sauerstoff

Für Warwitz ist die steigende Popularität des Extremsports eine Gegenbewegung zu der in westlichen Gesellschaften zu beobachtenden Tendenz, Risiken zu vermeiden: Viele Menschen lehnen Risiken ab, Haftungs- und Versicherungsfragen tun seiner Ansicht nach ein Übriges, um die sprichwörtliche Vollkaskomentalität zu fördern.

Die Lebenseinstellung von Extremsportlern stehe dagegen: "Dynamische Menschen haben ein Urbedürfnis nach Grenzerweiterung", sagt Warwitz. Extremsport üben nach seiner Beobachtung Menschen aus, denen das Risikovermeidungsdenken, von denen Kinder und Jugendliche noch weitgehend frei seien, auch noch im Erwachsenenalter fremd bleibe. Sind sie entsprechend begabt und schaffen es, die von ihnen betriebene Sportart etwa um akrobatische Elemente zu erweitern, kann daraus ein Extremsport entstehen.

Kinder beim Spielen.

Kinder spielen mit dem Risiko

Gestern noch extrem – heute schon normal?

Dass eine Sportart als Extremsport gilt, ist aber nicht in Stein gemeißelt. Anfang der 1970er Jahre etwa wurde Hängegleiterfliegen, ursprünglich von Otto Lilienthal 1893 erfunden, zum Trendsport. Maßgeblichen Anteil hatten daran spektakuläre Aktionen von Drachenfliegern im Alpenraum, die sich dabei auch noch über geltendes Recht hinwegsetzten.

Bei ihren Fluggeräten handelte es sich um ein Nebenprodukt von NASA-Raumfahrtforschern in den 1960er Jahren, die Lilienthals Erfindung für ihre Zwecke weiterzuentwickeln versuchten.

Nachdem die Pioniere dieses Trendsports Flugschulen und Vereine gründeten und auch die rechtlichen Probleme gelöst wurden, verbindet man das Drachenfliegen heute nicht mehr unbedingt mit dem Begriff Extremsport, wenngleich es immer noch ein anspruchsvoller und keineswegs risikofreier Sport ist.

Extremsport als Regelverletzung

Tatsächlich ist das Ausloten nicht nur körperlicher und seelischer, sondern auch rechtlicher Grenzen ein weiterer Aspekt von Extremsport, etwa beim B.A.S.E.-Jumping. Sein Name setzt sich aus den Anfangsbuchstaben der englischen Wörter für Gebäude (building), Sendemast (antenna), Brücke (span) und natürliche Erhebungen wie etwa Felsvorsprünge (earth) zusammen.

Base-Jumper fragen nicht unbedingt die Besitzer der Wolkenkratzer um Erlaubnis, von deren Dächern sie sich mit dem Fallschirm oder im Wingsuit stürzen. Insofern ist extremsportlichen Aktivitäten auch eine Haltung zu eigen, die sich gegen Autoritäten und Hierarchien traditioneller Sportverbände auflehnt.

Norwegen: Basejumping Planet Wissen 08.08.2019 02:01 Min. Verfügbar bis 08.08.2024 SWR

Grenzwertiges Bungeespringen

Ähnlich waren auch die Erfinder des Bungeespringens gestrickt, das vielen als Extremsport gilt, obwohl es kein besonderes körperliches Geschick erfordert.

Eine Gruppe von Oxford-Studenten, die in den 1970er Jahren mit Kinderwagen, Renaissancemöbeln und Konzertflügeln im Winter die Skipisten von St. Moritz hinunterfuhr und ansonsten durch exzessiven Champagnerkonsum auffiel, kam durch einen Dokumentarfilm über ein Ritual junger Männer auf der Südseeinsel Vanuatu auf eine weitere Idee.

Die Inselbewohner stürzten sich mit einer Liane um das Fußgelenk von bis zu 30 Meter hohen Türmen aus Bambus in die Tiefe. Die Studenten in Oxford benutzten Seile aus elastischerem Material – jenes, mit dem sie ihre zusammengefalteten Drachenflieger auf dem Autodach befestigten, und das gummihaltig war.

Turmspringer von Pentecost Planet Wissen 08.08.2019 02:19 Min. Verfügbar bis 08.08.2024 SWR

Für den ersten Praxistest wählten sie 1979 eine Brücke, die in 75 Metern Höhe den Fluss Avon zwischen Bristol und Clifton überspannt. Während die Fotos damals um die Welt gingen, sieht Sportwissenschaftler Siegbert Warwitz in diesem Wagnis auch westliches Sicherheitsdenken verwirklicht: "Das Ganze fand ja über Wasser statt, und nicht über aufgelockertem Boden wie auf Vanuatu", sagt er, "und auch die Stabilität und Elastizität des Bungeeseils bringt einen Gewinn an Sicherheit."

Nervenkitzel bleibt es dennoch, doch der allein macht aus dem Bungeespringen eben noch keinen Extremsport.

Ein Bungeespringer springt von einer Brücke.

Bungeespringen ist vor allem Nervenkitzel

Stand: 22.07.2019, 15:00

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