Die Aussteiger vom Monte Verità

Das Wohnhaus der Gründer von aussen.

Tessin

Die Aussteiger vom Monte Verità

Nicht nur der St. Gotthard zählt zu den Schweizer Mythen, auch ein Hügel bei Ascona wurde zu Beginn des 20. Jahrhunderts zu einem magischen Ort. Die Besitzer nannten ihn "Berg der Wahrheit" – "Monte Verità". 1900 erwarb hier Henri Oedenkoven, der Sohn eines belgischen Industriellen, zusammen mit seiner Geliebten, der Münchener Pianistin und Musiklehrerin Ida Hofmann, für 150.000 Franken ein anfangs 1,5 Hektar großes Stück Land.

Darum geht's:

  • Henri Oedenkoven und Ida Hofmann verwirklichen naturnahe Lebensformen auf dem Monte Verità.
  • Es soll ein Ort der Freiheit in einer klassenlosen Gesellschaft werden.
  • Sie errichten ein Sanatorium auf der Basis von Naturheilverfahren.
  • Die Kurgäste zelebrieren die Freikörperkultur.
  • Im Ersten Weltkrieg muss das Sanatorium schließen.
  • Heute steht dort ein Hotel und Tagungszentrum.

"Naturnahes" Leben

Robert Landmann, ein Zeitgenosse der Gründungsmitglieder, beschreibt den Ort als einen verwilderten ehemaligen Weinberg, auf dem lediglich ein kleines Steinhäuschen stand, das einmal eine armselige Osteria für Holzfäller war und zuletzt als Stall genutzt wurde.

Weiter schreibt Robert Landmann: "Nach Westen öffnete sich das breite Tal der Maggia. Zauberhaft war der Blick nach Italien zu. Zwischen zerklüfteten Bergen dehnte sich der unergründliche Lago Maggiore aus."

Der karge Ort mit dem herrlichen Blick war so recht nach dem Geschmack der Münchener Bohème, die hier naturnahe Lebensformen verwirklichen wollte. Die Bergbewohner verstanden sich als Teil der Lebensreformbewegung, die zur damaligen Zeit in bestimmten gesellschaftlichen Kreisen in Deutschland, Österreich und der Schweiz großen Zuspruch fand.

Gemeinsam war ihnen der Traum eines naturnahen Lebens, abseits der Industrialisierung und des vom Materialismus und Kapitalismus geprägten Lebensstils in den großen Städten.

Der Traum von einem alternativen Sanatorium

Die Idee fand sogleich viele Fürsprecher und Unterstützer, wenngleich es von Anfang an auch unterschiedliche Vorstellungen darüber gab, wie die alternativen Lebenskonzepte in die Tat umzusetzen seien. Henri Oedenkoven und Ida Hofmann hatten sich in einem Sanatorium des österreichischen Naturheilers Arnold Rikli in Veldes kennengelernt. Die beiden wollten auf dem Monte Verità auf der Basis von Naturheilverfahren ein Sanatorium errichten.

Eine moderne Bronzeskulptur von Hans Arp (1887-1966) steht im Skulpturengarten in Locarno am Lago Maggiore.

Auch der Künstler Hans Arp verewigte sich am Monte Verità

Auch Karl Gräser besuchte seinerzeit das Sanatorium in Veldes und war begeistert von der Idee, auf dem Monte Verità alternative Lebensformen zu etablieren. Der aus Siebenbürgen stammende Gräser, ein ehemaliger unehrenhaft entlassener Offizier der österreichischen Armee, strebte vor allem danach, zusammen mit seinem Bruder Gusto Gräser und Gesinnungsgenossen eine Aussteigerkolonie zu gründen. Man wollte weitgehend autark leben und sich von den Erträgen der Feld- und Gartenarbeit gesund ernähren.

Einigkeit konnte nie erzielt werden, und so versammelte sich auf dem Monte Verità schon gleich zu Beginn eine illustre Schar von Schriftstellern, Malern, Intellektuellen und Anarchisten, aber auch Gesundheits- und Ernährungsaposteln, die keineswegs einheitliche Lebensvorstellungen hatten.

Es sollte ein Ort der Freiheit in einer klassenlosen Gesellschaft werden, in der man sich von den Zwängen der wilhelminischen Gesellschaft befreien wollte. Das kam auch in der Kleidung zum Ausdruck. Die Männer trugen Kniebundhosen und weit geschnittene Hemden. Der Hut war verpönt, stattdessen wurden die schulterlang getragenen Haare durch ein Lederband zusammengehalten. Man lief entweder barfuß oder trug offene Sandalen. Statt Knöpfen an den langen Gewändern behalf man sich mit Dattelkernen, berichten Chronisten.

Männer und Frauen vor dem Sanatorium auf dem Monte Verità.

Man trug weite bequeme Kleidung

Auf dem Monte Verità sollte auch Raum sein für feministisches Gedankengut und auch das sollte sich in der Kleidung zeigen. So trugen die Frauen weit geschnittene bodenlange Kleider und lehnten eng einschnürende Mieder kategorisch ab.

Die Befreiung der Frau war aber nicht nur eine Frage der Garderobe. Inspiriert von dem Psychoanalytiker Otto Gross lebten einige Bewohner auf dem Monte Verità nach dem Prinzip der freien Liebe in nichtehelichen Lebensgemeinschaften.

All das muss auf die ortsansässige Bevölkerung im nahegelegenen Ascona recht befremdlich gewirkt haben. Überliefert sind polizeiliche Aktenvermerke, aus denen hervorgeht, dass die Bergbewohner aufgefordert wurden, sich bei ihren Besuchen in der Stadt den Gepflogenheiten anzupassen. Größere Konflikte scheint es allerdings nicht gegeben zu haben.

Die "vegetabilische Gemeinschaft"

Mit großem Enthusiasmus widmeten sich Henri Oedenkoven und Ida Hofmann der Idee einer Naturheilanstalt auf dem Monte Verità. Ganz im Geiste ihres Schweizer Vorbilds Arnold Rikli sollten dabei Rohkost und vegetarische Ernährung einen besonderen Stellenwert haben.

Von den Gästen des Sanatoriums wurde erwartet, dass sie sich einem rigiden Ernährungsplan unterwarfen. Dazu gehörte nicht nur der Verzicht auf Fleisch und Milchprodukte, sondern auch Kaffee, Tabak und Alkohol waren auf dem Monte Verità untersagt.

Die einseitige Ernährung mit Rohkostgemüse, ungekochten Früchten und Nüssen und die Beigabe von Speisesalzen verdarb den Gästen die Freude am Essen. Auch bei den ständigen Bergbewohnern stieß dies keineswegs nur auf Zustimmung.

Erich Mühsam – er gehörte mit zu den Gründungspionieren der Kolonie – berichtete, dass er sich mitunter heimlich nachts vom Gelände geschlichen habe, um in einem der für das Tessin damals schon typischen "Grotti" eine zünftige Fleischmahlzeit zu verzehren.

Ein Mann arbeitet nackt auf dem Monte Verità im Garten.

Wer wollte, verrichtete die Gartenarbeit nackt

Die Zutaten für die vegetarischen Gerichte wurden auf dem kargen Boden mit mäßigem Erfolg angebaut und geerntet. Die schwere Gartenarbeit war bei den ständig dort lebenden Bewohnern nicht sonderlich beliebt und so kam es immer mal wieder zu Streitigkeiten. Einige, die im Garten arbeiteten, wollten dabei der Natur ganz nahe sein und zogen mit Hacke und Spaten nackt in die Beete.

Gewohnt wurde in sogenannten Licht-Luft-Hütten. Dabei handelte es sich um einfach ausgestattete Holzhütten. Insgesamt war auf dem Gelände Platz für 36 Kurgäste, die für den dreißigtägigen Kuraufenthalt 100 Franken zahlen mussten und dabei diverse Naturheiltherapien erhielten.

Freikörperkultur und die Heilkräfte der Natur

Die Freikörperkultur war auf dem Monte Verità allgegenwärtig. Zum naturnahen Lebenskonzept gehörte, dass man sich auch ohne Hüllen der heilenden Kraft der Luft und des Sonnenlichts aussetzen sollte. Dafür hatten Oedenkoven und Hofmann in einem Teil des Geländes zwei nach Geschlechtern getrennte "Licht-Luft-Parks" errichten lassen, wo die Kurgäste "frei von allerlei lästiger Kleidung im Grase ruhen, laufen, turnen, spielen, Garten- und andere Arbeiten verrichten." So steht es in einem Prospekt aus dem Jahr 1904.

Die Freikörperkultur gehörte auch zum Konzept des Münchener Choreographen Rudolf von Labahn, der 1913 auf den Monte Verità kam und dort eine Tanzschule gründete. Zu den Merkmalen des damals entwickelten Ausdruckstanzes gehörte auch, dass sich die Tänzerinnen nackt bewegen sollten.

Das freizügige Treiben auf dem Monte Verità hat sich schnell rumgesprochen. Als in unmittelbarer Nachbarschaft ein Hotel gebaut wurde, konnten die Gäste dort von einem Turmzimmer aus einen Blick auf das seltsame Treiben der Monte Veritàner werfen. Als Henri Oedenkoven im Laufe der Jahre dann in Geldnöten war, nutzte auch er die Gelegenheit, von den Zaungästen Eintrittsgelder zu verlangen.

Neben der Licht-Luft-Therapie und der vegetarischen Ernährung wurden weitere damals in Mode gekommene Behandlungsverfahren aus dem Bereich der Naturheilkunde im Sanatorium angeboten. Dazu zählten neben den Wasserbädern nach Kneipp auch das Lehmbad und das Erdschlafen nach den Empfehlungen des als "Lehmpastor" verehrten Emanuel Felke.

Das Ende eines Traums

Am Ende scheiterten alle Bemühungen, das Sanatorium auf eine wirtschaftlich tragfähige Basis zu stellen. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges verschärften sich die wirtschaftlichen Probleme der Gruppe. Immer häufiger blieben die Kurgäste aus.

1917 unternahm Henri Oedenkoven als Sanatoriumsdirektor einen letzten Versuch, den Gästen mehr Komfort und Abwechslung zu bieten. So wurden die rigiden Ernährungsvorschriften gelockert. Fortan war auch der Verzehr von Fleisch erlaubt und auch die Kleidungsvorgaben der Lebensreformer waren nun nicht mehr obligatorisch.

Aber auch diese Maßnahmen konnten nicht mehr das Scheitern verhindern. Im Januar 1920 gab Henri Oedenkoven auf. Auch das Verhältnis zu Ida Hofmann war zerbrochen. Oedenkoven hatte bereits 1913 die Engländerin Isabelle Adderly kennengelernt, die jedoch eine strikte Gegnerin der freien Liebe war. Die beiden heirateten schließlich und wanderten 1920 zusammen mit ihren drei Kindern nach Brasilien aus.

Fünf Jahre später erwarb der deutsch-schweizerische Bankier Eduard Freiherr von der Heydt den Monte Verità und ließ dort 1927 ein Hotel errichten. Und wieder ist der Berg der Wahrheit im Gespräch. Von der Heydt beauftragt den Architekten Emil Fahrenkamp mit dem Hotelneubau im Bauhausstil.

Das Hotel "Monte Verita" in Ascona im Kanton Tessin.

Hotelneubau von Emil Fahrenkamp

Zur gleichen Zeit errichtet der Bremer Architekt Carl Weidemeyer in Ascona, ebenfalls in der Bauhaustradition, das "Theatro Materno". Die Tessiner Honoratioren sind empört und empfinden die Bauwerke als Provokation. Das an einen Passagierdampfer erinnernde Hotel mit seinem flachen Dach wurde in der Architekturlandschaft als völlig unpassend empfunden. Verhindert wurden die Bauarbeiten allerdings nicht.

Von der Heydt hatte in seinem Testament verfügt, dass der Monte Verità nach seinem Tod in den Besitz des Kantons Tessin übergehen sollte. Heute betreibt dort die berühmte Eidgenössische Technische Hochschule in Zürich ein Tagungsgebäude.

Von dem 2008 aufwändig renovierten Hotel Monte Verità kann man nun den einzigartigen Blick genießen, den die Mitglieder der einstigen Aussteigerkolonie vor nunmehr 110 Jahren dort so genossen haben.

Autor: Ulrich Neumann

Stand: 28.07.2017, 13:00

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