Musik und Evolution

Drei Afrikaner schlagen ihre Trommeln, hintzer ihnen stehen junge Afrikanerinnen.

Macht der Musik

Musik und Evolution

Von Frank Eckhardt

Von afrikanischen Trommeln bis Beethovens Neunter, von indischen Sitarklängen bis Death Metal: Musik gibt es in unendlich vielen Spielarten und alle sind Produkte menschlicher Kultur. Aber ist Musik eine rein kulturelle Erfindung oder hat die Fähigkeit zu musizieren auch biologische Wurzeln? Dafür gibt es viele Hinweise, sagen Wissenschaftler. Wie und wozu die Musikalität des Menschen in der Evolution entstanden sein könnte, versuchen drei Theorien zu erklären.


Indizien für angeborene Musikalität

Musik kommt, ebenso wie Sprache, ausnahmslos in allen menschlichen Kulturen vor. Da es unwahrscheinlich ist, dass voneinander unabhängige Kulturen Musik jeweils neu erfunden haben, sehen Wissenschaftler darin ein starkes Indiz dafür, dass uns Musikalität angeboren ist. Für eine biologische Basis spricht ebenfalls, dass schon Babys sehr feine Tonunterschiede wahrnehmen können.

Darüber hinaus kann Musik starke Gefühle hervorrufen und körperliche Reaktionen auslösen. Diese reichen von Gänsehaut bis zu Veränderungen des Herzschlags, des Blutdrucks und des Hormonspiegels.

Im Gehirn gibt es wahrscheinlich spezialisierte Regionen, in denen Musik verarbeitet wird. So können manche Menschen zwar keine Töne mehr erkennen oder singen, aber trotzdem ganz normal sprechen – und umgekehrt. Wie und wozu könnte die Musikalität des Menschen entstanden sein?

Baby beruhigen

Manche Experten vermuten, dass die Urform der Musik – das Singen – in der Zweisamkeit von Mutter und Kind entstand. Noch heute gibt es eine besondere Sprache zwischen einer Mutter und ihrem Baby: jenen typischen, melodischen Singsang, den Forscher "Motherese" nennen. Auf dieses "Mütterisch" reagieren Babys mit Lächeln, Glucksen und freudigem Strampeln.

Der Singsang könnte – so die Theorie – entstanden sein, als unsere Vorfahren ihr Fell verloren. Die Babys konnten sich nun nicht mehr wie Affen im Fell ihrer Mutter festkrallen, sondern mussten getragen werden.

Wenn die Mutter beide Hände brauchte, um beispielsweise Nahrung zu sammeln, musste sie ihr Kind kurz ablegen. Damit das Baby nun nicht aus Angst anfing zu schreien und womöglich Raubtiere anlockte, sang sie ihm etwas vor. Die Botschaft: "Alles in Ordnung, ich bin da."

Eine Mutter hält ihren Säugling dicht vors Gesicht und spricht mit ihm.

Ganz besonders – die Sprache zwischen Mutter und Kind

Partner bezirzen

Eine andere Theorie geht davon aus, dass sich das Singen der Menschen aus den gleichen Gründen entwickelt hat wie das Singen der Vögel: um potenzielle Geschlechtspartner zu bezirzen und die eigene Attraktivität zu steigern.

Dieser Theorie zufolge könnte Musikalität ein biologisches Signal sein: ein Hinweis auf gute Gene. Denn wer von unseren Vorfahren gut singen konnte, zeigte damit, dass er intelligent, kreativ und sensibel war – nützliche Eigenschaften, die man nicht nur beim Musikmachen, sondern auch für viele andere Lebensaufgaben einsetzen konnte.

Wer zudem gut und ausdauernd tanzen konnte, zeigte Körperbeherrschung und Fitness. Dass Musikalität auch heute noch attraktiv macht, bezeugen männliche Rock- und Popstars, die weibliche Teenager in kollektive Ekstase versetzen können.

Ein Trauerschnäpper (Ficedula hypoleuca) sitzt mit weit geöffnetem Schnabel auf einem Ast.

Singen wir Menschen aus dem gleichen Grund wie die Vögel?

Gruppenbindung stärken

Aber es gibt noch eine weitere Theorie. Demnach entstand Musik als ein Mittel, um die Bindung zwischen den Mitgliedern einer Gruppe zu fördern und gemeinsame Gefühle auszudrücken beziehungsweise zu erzeugen. In einer Zeit, als unsere Vorfahren in kleinen Sippen lebten und auf diese angewiesen waren, war eine enge Bindung zwischen den Gruppenmitgliedern lebenswichtig.

Musikalische Rituale wie gemeinsames Singen, Tanzen und rhythmisches Trommeln könnten entstanden sein, um den Zusammenhalt der Gruppe zu fördern und gleichzeitig anderen Gruppen zu zeigen: Wir halten zusammen, wir sind stark.

Für diese Gemeinschaft stiftende Funktion der Musik gibt es auch heute noch viele Beispiele. Dazu gehören Fangesänge beim Fußball, religiöse Lieder im Gottesdienst, Marschmusik oder auch Nationalhymnen.

Mehrere Wurzeln?

Welche der Theorien richtig ist, lässt sich natürlich nicht mit Sicherheit sagen. Vielleicht sind sie es alle, meinen manche Experten. Das, was wir zusammenfassend Musik nennen, hätte demzufolge nicht nur einen einzigen Ursprung, sondern mehrere.

So ließen sich die große Vielfalt der Musik und ihre unterschiedlichen Funktionen elegant erklären. Doch wie es wirklich war, bei unseren Vorfahren in der afrikanischen Savanne oder im Europa der Eiszeit, das wird wohl für immer ein Geheimnis bleiben.

Weiterführende Infos

Stand: 23.07.2019, 09:02

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