Die "9. Sinfonie" – Musik für die Ewigkeit

"Seid umschlungen, Millionen" - Faksimile der 9. Sinfonie

Ludwig van Beethoven

Die "9. Sinfonie" – Musik für die Ewigkeit

Der Begriff "Sinfonie" (oder "Symphonie") steht für ein großes, mehrstimmiges Orchesterwerk. Beethoven hat in seiner Zeit insgesamt neun solcher Werke geschrieben, in seinem Nachlass fanden sich auch Ideen für eine mögliche zehnte Sinfonie.
Vor allem zwei dieser Werke wurden auch außerhalb der Klassikszene bekannt: Die "5. Sinfonie" von 1808, deren berühmtes "Ta-Ta-Ta-Taaaa"-Intro zum Inbegriff für klassische Musik wurde. Und schließlich Beethovens "9. Sinfonie", die ihn unsterblich machen sollte.

Mehr als nur die Vertonung eines Gedichtes

Bei der "Neunten" handelt es sich zum Teil um die Vertonung eines Gedichtes von Schiller, das dieser 1785 schrieb. Beethoven hat diese "Ode an die Freude" Zeit seines Lebens geliebt und plante sie schon in seiner Bonner Zeit zu vertonen, wie Korrespondenzen aus dem Jahr 1793 zeigen.

Bis zur tatsächlichen Vollendung dauerte es dann aber gut 30 Jahre. Musikwissenschaftler und Autoren kommen zu unterschiedlichen Auffassungen, ob dieses Werk demnach drei Jahrzehnte in Beethoven gereift ist oder ob er schlicht eine alte Idee noch einmal aufgriff.

Am 7. Mai 1824 wurde die "Neunte" zum ersten Mal in Wien aufgeführt. Mehr als sechs Jahre Arbeit und viele Änderungen steckten zu der Zeit in dem Werk.

Ursprünglich hatte Beethoven um 1817 zwei Sinfonien als Auftragsarbeit schreiben wollen, die ein Jahr später in London aufgeführt werden sollten. Doch mit seinem Hang zum Perfektionismus wurde er nicht rechtzeitig fertig, was auch zu vielen Spannungen mit seinen Verlegern führte.

Lange Zeit hielt er seine neuen Werke zurück und verbesserte sie ständig. Und weil seine Musik während seiner letzten Lebensjahre im Ausland eine höhere Wertschätzung erfuhr als in Wien, kamen Gerüchte auf, die neue Sinfonie solle in Berlin aufgeführt werden.

Daraufhin appellierten 30 Wiener Musiker und Musikliebhaber zur Jahreswende 1823/24 schriftlich an Beethoven, seine neuesten Kompositionen nicht länger unter Verschluss zu halten, sondern sie in Wien aufzuführen.

Beethoven ließ sich davon überzeugen und stimmte jener Aufführung im Mai zu. Dieses Konzert, bei dem Beethoven schon völlig taub war, sollte gleichzeitig sein letztes sein.

Eine Schwarzweiß-Zeichnung von einem Flügel, den Beethoven am Ende seines Lebens besessen hat

Beethovens letzter Flügel

70 Minuten verändern die Musikwelt

Vielleicht kann man eine Sinfonie damaliger Musiker mit einem Album heutiger Künstler vergleichen. Beethovens "9. Sinfonie" bringt es auf eine Spieldauer von über 70 Minuten. Sie besteht aus vier Teilen, die ähnlich wie bei einem Album mit mehreren Stücken sehr unterschiedlich ausfallen.

Der 1. Satz hat eine Länge von zirka 18 Minuten. Er besitzt eigentlich keine eingängige Melodie, sondern zeigt vielmehr, wie Beethoven alle Klangfarben und Register eines Orchesters kennt und mit ihnen spielt. Das Orchester wird laut und wieder leise, dann spielt es ganz sanft und steigert sich langsam wieder zu einem harten Klang.

Ständig werden die Rhythmen gewechselt, eine Passage nach rund acht Minuten erinnert beinahe an den Rhythmus einer Eisenbahn, die es aber zu Beethovens Zeit noch gar nicht gab.

Der 2. Satz ist mit etwa zwölf Minuten der kürzeste und stellt die Geigen in den Mittelpunkt. Es klingt, als würden sie sich unterhalten und sich dabei immer wieder in Schimpfkanonaden hineinsteigern.

Der 3. Satz geht in seinen knapp 20 Minuten einen völlig anderen Weg. Das Orchester scheint zu schweben. Die Trommler haben Pause. Die Melodie besteht aus lang gezogenen Tönen, alle Klänge fließen ineinander.

Der 4. Satz ist mit seinen 25 Minuten der längste und vor allem der entscheidende Teil, der die "Neunte" weltberühmt machen sollte. Bis dahin ist die gesamte Sinfonie mehr ein Klangerlebnis, das alle Möglichkeiten eines Orchesters ausnutzt.

Zu Beginn greift Beethoven noch einmal kurz drei Motive aus den ersten Sätzen auf, bricht damit aber schnell wieder ab. Und dann führt er die entscheidende Melodie ein. Die bekannte Tonfolge zu "Freude schöner Götterfunken" erklingt erst ganz leise und wird in ständig zunehmender Besetzung wiederholt.

Man muss bedenken, dass sich Musik nicht immer sofort beim ersten Hören erschließt. Zu Beethovens Zeit ohne Medien wie Platten oder CDs hatte das Publikum aber keine Möglichkeit des wiederholten Hörens. Insofern scheint es ein bewusster Trick des Komponisten gewesen zu sein, diese eingängige Melodie dermaßen oft zu wiederholen, so dass sie dem Hörer schnell vertraut wird.

Und nach etwa sieben Minuten bringt Beethoven dann mit dem Gesang von Einzelstimmen und einem großen Chor eine neue weitere Klangfarbe in das Werk ein, das sich bis zum Ende zu einem gewaltigen Ganzen steigert.

Ein Genie in der Stille

Das wahrlich Erstaunliche ist, dass Beethoven ein solch komplexes Werk mit dermaßen vielen Klangfarben komponieren konnte, obwohl er zur Zeit der Entstehung schon völlig taub war. Zudem soll er unter Tinnitus gelitten haben.

In jungen Jahren soll er dagegen ein exzellentes Gehör gehabt haben und konnte offenbar Töne sofort erkennen und aufschreiben. Anders lässt es sich nicht erklären, dass er später die Musik, die er im Kopf hatte, so präzise notieren konnte.

Während der Uraufführung der "Neunten" soll er zwar anwesend gewesen sein, konnte aber nicht einmal den Applaus des Publikums wahrnehmen. Er soll mit dem Rücken zum Publikum gesessen haben, und erst eine Sängerin soll ihn dazu bewegt haben, sich umzudrehen und den Applaus des Publikums entgegenzunehmen.

Ein Gemälde zeigt Beethoven an einem Bach sitzend, während er komponiert. Im Hintergrund steht eine Burg auf einem Hügel.

Beethoven ließ sich von der Natur inspirieren

Ein Lied zieht hinaus in die Welt

Die Uraufführung der "Neunten" soll unter vielen Spielfehlern gelitten haben, dennoch reagierte das Publikum enthusiastisch. Denn Beethoven erschloss, wie ein anwesender Kritiker schrieb, mit seiner Musik "eine neue Welt".

Inwieweit die "Neunte" anders ausgefallen wäre, wenn Beethoven sie hören und womöglich nachträglich hätte ändern können, bleibt reine Spekulation.

Das Werk ging um die ganze Welt und erwies sich dabei als völlig zeitlos. Selbst in China oder Russland waren Aufführungen keine Seltenheit. Auch politische Regime in aller Welt nutzten die "Ode an die Freude" für ihre Schauveranstaltungen.

Ob das im Sinne Beethovens gewesen wäre, ist zu bezweifeln. Versöhnlich würde ihn vermutlich stimmen, dass sein "Götterfunken" 1970 als Pop-Hit "A Song Of Joy" um die ganze Welt ging. Und dass die Instrumentalfassung seiner Ode seit 1985 die offizielle Hymne der Europäischen Union ist.

Ein Bild von Beethoven auf der Klangtreppe

Bis heute ein Teil der Popkultur

Die "Neunte" und ihr Einfluss auf die CD-Entwicklung

Beethoven war zu Lebzeiten davon überzeugt, dass seine Musik für die Nachwelt von Bedeutung sein würde. Dass seine "9. Sinfonie" einmal entscheidend für heutige Tonträger werden könnte, hätte aber seine Vorstellungskraft sicher überfordert.

1982 kam mit der CD der neue digitale Tonträger auf den Markt, der drei Jahrzehnte lang das führende Medium im Musikgeschäft war. Bis zu 80 Minuten Speicherkapazität haben CDs. Und dass das so ist, verdanken wir Beethoven!

Denn während der Entwicklung des Tonträgers soll der Vizepräsident des entwickelnden Konzerns die Vorgabe gemacht haben, dass es möglich sein müsse, damit Beethovens "Neunte" am Stück zu hören.

Die Ingenieure orientierten sich dann an der Aufnahme von Wilhelm Furtwängler von 1951, die es auf 74 Minuten bringt. Somit beeinflusste letztlich Beethoven Größe und Format der CD.

Eine CD, die Furtwänglers Interpretation der 'Neunten' enthält; diese Aufnahme definierte die Mindestspieldauer des Tonträgers CD.

Sie passt auf eine CD: die "Neunte" von Furtwängler

Autor: Helmut Brasse

Weiterführende Infos

Stand: 07.06.2018, 12:00

Darstellung: