Georgien – zwischen Europa und Russland

Berg Kasbek bei Tag.

Osteuropa

Georgien – zwischen Europa und Russland

Von Andrea Wojtkowiak

70 Jahre lang war das Land zwischen Schwarzem Meer und Kaukasus unter sowjetischer Herrschaft. Seit 1991 ist Georgien unabhängig und strebt gen Westen, kann sich von Russland aber noch nicht ganz trennen.

Führt der Weg in die EU?

Viele junge Georgier sehen es ganz klar: Das Land ist westlich, auch wenn es aus geografischer Sicht in Asien liegt und an Russland grenzt. Deshalb hofft die junge Generation, dass Georgien eines Tages zur Europäischen Union (EU) gehören wird.

Doch diese Meinung vertreten nicht alle Bewohner des Staates. Viele glauben nicht, dass das kleine Land mit knapp vier Millionen Einwohnern so einfach dem "großen Bruder" Russland den Rücken kehren kann.

Mangelnde Aufarbeitung der georgischen Sowjetzeit

Die Zeit als ehemalige Sowjetrepublik haben die Georgier kaum aufgearbeitet. Selbst heute noch wird zum Beispiel der Diktator Josef Stalin in einem georgischen Museum in Gori als Held gefeiert. Gerade die ältere Generation sieht lieber das Positive, das Stalin im Südkaukasus bewirkte, als seine Schreckensherrschaft.

"Bemühungen, das Museum zu schließen und ein neues zu bauen, wurden vereitelt", berichtet Georgien-Expertin Silvia Stöber. Nur die Stalin-Statue wurde abgebaut. Selbst dies habe lange gedauert, betont Stöber. Viele Leute trauten sich nicht an eine Aufarbeitung heran. Stöber: "In einer Familie findet sich normalerweise immer beides: Stalin-Anhänger und -Opfer. Die Geschehnisse aufzuarbeiten, wäre sehr schmerzhaft."

Nahaufnahme von Stalin Statue.

In fast jeder georgischen Familie gibt es Stalin-Anhänger und Stalin-Opfer

Russisches Machtspiel im Kaukasuskrieg 2008

Zuletzt hatte Russland seine Macht im Jahr 2008 demonstriert – 17 Jahre nach der Unabhängigkeit Georgiens. Fünf Tage lang dauerte der Konflikt zwischen Georgien und Russland, der sich um die beiden nach Eigenständigkeit strebenden georgischen Provinzen Südossetien und Abchasien drehte. Die Europäische Union (EU) konnte im Kaukasuskrieg schließlich einen Waffenstillstand verhandeln.

Am Ende erkannte Russland Südossetien und Abchasien als von Georgien unabhängig an und forderte andere Staaten auf, seinem Beispiel zu folgen. Bisher hätten dies aber nur vier Länder getan, erklärt Silvia Stöber: "Nicaragua, Venezuela, Nauru und kürzlich auch Syrien. Alles Staaten, die politisch eng mit Russland verbündet sind."

Verglichen mit der Situation vor 2008 sei es heute deutlich ruhiger im Land, sagt Stöber. Die Grenzen seien festgelegt, daran sei nicht mehr viel zu rütteln. Es gebe zudem eine EU-Mission, die als Beobachter vor Ort sei. So werde besser kontrolliert, was in den beiden Regionen passiert. Trotzdem gebe es immer wieder Zwischenfälle.

Stacheldrahtdzaun als Grenze zwischen Georgien und den Provinzen.

Undurchlässige Grenzen zwischen Georgien und den abtrünnigen Provinzen

Georgien nähert sich der EU an

Trotz der innerstaatlichen Spannungen hat Georgien die ersten Schritte zu einer möglichen EU-Mitgliedschaft schon vor einigen Jahren getan. Seit 2009 ist das Land über die sogenannte Östliche Partnerschaft, einem Teilprojekt der Europäischen Nachbarschaftspolitik, mit der EU verbunden und seit 2014 als Mitglied der Vertieften und Umfassenden Freihandelszone (DCFTA).

Seit 2016 besteht ein Assoziierungsabkommen mit der Europäischen Union, das den Export aus Georgien deutlich angekurbelt hat. Das Land am Kaukasus verkauft vor allem Kupfer und landwirtschaftliche Produkte, darunter Hasel- und Walnüsse. Auch georgischer Wein ist im Ausland gefragt.

Obschon eine vollständige EU-Mitgliedschaft für Georgien derzeit in weiter Ferne zu liegen scheint, profitieren die Menschen im Land schon heute von dem Assoziierungsabkommen, erklärt Georgien-Expertin Silvia Stöber. Viele EU-Standards seien eingeführt worden, wie zum Beispiel ein TÜV für Autos und Richtlinien für Lebensmittel. Diese hätten deutliche Verbesserungen gebracht.

Auch der Handel mit den europäischen Ländern wächst. Die EU sei ein interessanter Markt für die Georgier, weil sie mehr Vertrauen in diese Produkte hätten als beispielsweise in chinesische, sagt Silvia Stöber. Gute wirtschaftliche Kontakte gebe es bisher zu Deutschland, EU-weit sei der Export noch ausbaufähig.

Fahne von Europa und Georgien im Wind.

Ein Assoziierungsabkommen erleichtert den Export georgischer Waren in die EU

Der Traum vom EU-Beitritt Georgiens

Gerade georgische Unternehmer und junge Georgier träumen von festeren Banden mit der EU. Die seit 2017 geltende Visafreiheit war ein erster Schritt, doch viele Georgier hoffen auf mehr. Sie verweisen darauf, dass Georgien bei der Pressefreiheit und Wirtschaftlichkeit heute schon deutlich fortschrittlicher sei als die EU-Beitrittskandidaten Albanien und Serbien.

Die Korruption sei in Georgien sogar geringer als bei den EU-Mitgliedern Italien und Griechenland, berichtet Georgien-Expertin Silvia Stöber. Gute Gründe, Georgien in Zukunft aufmerksam zu beobachten.

Stand: 24.06.2019, 09:30

Darstellung: