Der Kaukasuskonflikt – Ursachen und Hintergründe

Georgien: Ältere Frauen vor russischen Truppen

Georgien

Der Kaukasuskonflikt – Ursachen und Hintergründe

Es dauerte lange, bis Georgien nach dem Zerfall der Sowjetunion zur Ruhe kam. Der bislang letzte größere Konflikt ereignete sich im August 2008, als es fünf Tage lang zu Auseinandersetzungen um die Provinzen Abchasien und Südossetien kam. Russland erkannte die beiden Provinzen als eigenständige Staaten an, Georgien weigert sich nach wie vor. Viele Ursachen und Gründe des Kaukasuskonflikts sind in der Geschichte der Völker zu suchen.

Umsiedlungspolitik mit verheerenden Folgen

Die Osseten sind im Unterschied zu den Georgiern kein südkaukasisches Volk. Die Ethnien sind nicht miteinander verwandt. Die Osseten gelten als Nachkommen nordostiranischer Stämme. Bereits im 19. Jahrhundert wurde Südossetien von georgischen Machthabern regiert, während der nördliche Teil unter russischem Einfluss stand.

Nach dem Zusammenbruch des zaristischen Reiches schien das Schicksal des ossetischen Volkes besiegelt. Mit der Unabhängigkeitserklärung Georgiens 1918 wurde Ossetien aufgeteilt, der nördliche Teil kam zu Russland, der südliche Teil wurde Georgien zugeschlagen. Mit der Entstehung der Sowjetunion wurde Südossetien ab 1922 ein autonomes Gebiet innerhalb der georgischen Sowjetrepublik.

Die politische Entwicklung in Abchasien verlief ähnlich wie die ossetische Geschichte. 1921 war Abchasien noch eine unabhängige sozialistische Republik innerhalb der Sowjetmacht. Erst 1931 wurde Abchasien als autonomes Gebiet innerhalb der Sowjetrepublik Georgien zurückgestuft.

Verheerende Folgen für die Region hatte Stalins Politik der Umsiedlungen – mit Auswirkungen bis heute. Um den Kaukasus zwangsweise zu befrieden, durchmischte er die Völker im Kaukasus. 100.000 Georgier mussten nach Abchasien ziehen, abchasische Ortschaften wurden umbenannt und Familiennamen georgisiert.

Wirtschaftlich ging es in Abchasien nach dem Zweiten Weltkrieg bergauf. Die Städte am Schwarzen Meer blühten auf. Abchasien wurde zu einem wichtigen Tourismusgebiet für viele Bürger der Sowjetunion.

Im Gegensatz dazu blieb die Bergregion Südossetien gegenüber dem georgischen Kernland wirtschaftlich stark benachteiligt. Die Menschen lebten vielfach vom Schmuggel.

Georgien: Die südossetische Flagge über Tskhinvali

Georgien: Die südossetische Flagge über der Hauptstadt Tskhinvali

Der Kaukasuskonflikt ab 1990

Der Zusammenbruch der Sowjetunion brachte Bewegung in den Kaukasus. Bereits 1990 erklärte sich Südossetien für unabhängig; zeitgleich hielten die Südosseten Wahlen zu einem eigenen Parlament ab. Die nationalistischen Töne unter dem georgischen Präsidenten Gamsachuria verschärften den Konflikt zwischen Südosseten und Georgiern. Beide Seiten provozierten sich gegenseitig, es kam zu Schusswechseln und Georgien rückte militärisch in Südossetien ein.

In der Provinz Abchasien verlief die Situation ähnlich: Georgische Truppen marschierten 1992 ein und entmachteten das Parlament. Die Abchasen konnten die Georgier jedoch zurücktreiben und erklärten sich 1993 für unabhängig.

Unterstützt wurden die beiden Provinzen Südossetien und Abchasien vom großen russischen Nachbarn. Die verheerende Folge aus dem ersten bewaffneten Kaukasuskonflikt: Insgesamt eine Viertelmillion Georgier mussten sowohl aus Südossetien als auch aus Abchasien fliehen.

Im georgischen Kernland konnten die Flüchtlinge nur schlecht Fuß fassen, sie waren von Arbeitslosigkeit und Armut betroffen. Lange Zeit ging man davon aus, dass die georgischen Flüchtlinge wieder in ihre Heimat innerhalb der beiden separatistischen Provinzen zurückkehren würden.

Der Konflikt in Südossetien wurde durch den Waffenstillstand von Sotschi (1992) vorerst beendet. Für Abchasien galt ab 1994 der im Moskauer Abkommen festgelegte Waffenstillstand.

Positionen der Weltmächte

Im August 2008 kam es erneut zu Auseinandersetzungen in Südossetien: Georgische Truppen rückten in die Hauptstadt der Provinz ein. Es kam zu Kämpfen zwischen den dort stationierten russischen Truppen und dem georgischen Militär. Der sogenannte georgisch-russische Krieg wurde bereits nach fünf Tagen durch einen von der Europäischen Union (EU) vermittelten Waffenstillstand beendet.

Ein kleiner Junge in seinem verbrannten Elternhaus 2008

Ein kleiner Junge in seinem verbrannten Elternhaus 2008

Die Situation ist nach wie vor festgefahren: Die Abchasen und Südosseten sind voll Hass und Bitterkeit gegenüber den Georgiern. Die Option, sich wieder an Georgien anzuschließen, ist für die beiden Völker undenkbar.

Georgien dagegen will Abchasien und Südossetien unter keinen Umständen in die Unabhängigkeit entlassen, eine Abtrennung der beiden Provinzen vom Kernland würde Georgien territorial zu sehr beschneiden.

Russland hat die besetzten georgischen Gebiete im Laufe des Herbstes 2008 geräumt. Es tritt jedoch als Schutzmacht der beiden Provinzen auf und hat ihre staatliche Unabhängigkeit anerkannt.

Aber auch weltpolitisches Kalkül darf in dem Konflikt nicht unterschätzt werden. Moskau will die NATO-Mitgliedschaft Georgiens verhindern, durch die sich Russland bedroht fühlt. Doch solange Georgien um die beiden Provinzen kämpft, ist seine Aufnahme in die NATO (North Atlantic Treaty Organization) in weite Ferne gerückt.

International hat es viel Kritik am russischen Vorgehen gegeben. Außerdem steht Russland vor dem Dilemma, durch die Anerkennung von Abchasien und Südossetien konsequenterweise auch die Unabhängigkeit anderer Kaukasusrepubliken wie Tschetschenien akzeptieren zu müssen.

Georgien: Zerstörte georgische Panzer in Südossetien

Georgien: Zerstörte georgische Panzer in Tskhinvali, der Haupstadt Südossetiens

Für die USA ist Georgien geostrategisch ein wichtiges Land, nahe zu den eigenen Konfliktherden in Iran und Irak, was die US-amerikanische Unterstützung für Georgien erklärt. Außerdem ist Georgien ein wichtiges Transitland für Ölpipelines aus Aserbeidschan und Kasachstan. Durch Öllieferungen aus diesen Ländern wären die USA weniger abhängig von arabischem Öl. Eine dauerhafte Lösung des Konflikts steht vorerst noch in den Sternen.

Autorin: Sabine Kaufmann

Stand: 09.10.2018, 11:00

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