Theaterstadt Meiningen

Deutsches Theater

Theaterstadt Meiningen

Unter der Leitung des kunstbegeisterten Landesfürsten Herzog Georg II. erlangte das Meininger Hoftheater in Thüringen ab 1866 einen solchen Aufschwung, dass es seinerzeit zu den führenden Bühnen Deutschlands zählte. Nicht nur die Leistungen der Schauspieler, sondern auch die Bühnenausstattung und die Bühnentechnik wurden wegweisend für andere Häuser.

Eine Zeitreise - Geographie und Geschichte

Der junge Kainz als Hamlet

Der junge Kainz als Hamlet

Meiningen, in einem engen Tal an der Werra, im Südwesten von Thüringen gelegen, war Mitte des 19. Jahrhunderts die blühende Residenzstadt des wirtschaftlich gut bestellten Herzogtums Sachsen-Meiningen. Eine Statistik aus dem Jahr 1880 nennt die Zahl von 11.227 Einwohnern für das Stadtgebiet und von 207.075 für das gesamte Herzogtum. Landesfürst war Herzog Georg II., der 1866 die Regentschaft übernommen hatte. Seit Beginn des Eisenbahnzeitalters war Meiningen an das neue Verkehrsnetz angeschlossen. Wichtige Schienenstrecken liefen dort zusammen und machten die Stadt zu einem Knotenpunkt und Handelszentrum.

Das Herzogtum gründete seinen Wohlstand auf Ackerbau und Viehzucht, auf Salz-, Erzbergbau und Schiefergewinnung. Auch zahlreiche Manufakturbetriebe und Industrieunternehmen in den Sparten Glas-, Porzellan-, Zigarren- oder Nähmaschinenherstellung, Eisenguss-, Weberei-, Brauerei- und Brennereibetriebe sorgten für eine florierende Wirtschaft und für Wohlstand. So konnte es sich Georg II. leisten, viel Geld für Kunst und Kultur auszugeben.

In dem prachtvollen Barockschloss, im Jahre 1682 erbaut, trug er eine der eindruckvollsten Bildersammlungen und mit 30.000 Bänden auch eine der beachtlichsten Bibliotheken jener Zeit zusammen. Der im englischen Stil angelegte Garten gehörte zu den prächtigsten in ganz Deutschland. Doch Herzog Georg II. hatte auch eine große Leidenschaft für die Schauspielkunst. Durch sein Engagement wurde Meiningen zu einer der wichtigsten Theaterstädte Europas.

Landesfürst als Theaterchef

Eine Schwarzweiß-Fotografie zeigt den österreichischen Schauspielstar Josef Kainz in Bühnengarderobe.

Bühnenstar Josef Kainz

Mit dem Beginn seiner Regentschaft im Jahre 1866 übernahm Herzog Georg II. auch die Leitung des 1831 in Meiningen gegründeten Hoftheaters. In einem ersten Schritt löste der vom Theater begeisterte Landesfürst die Oper auf und ließ dadurch eingesparte Finanzmittel in den Ausbau des Schauspielbetriebs fließen. Sein Ziel war es, bedeutende Bühnenwerke auf besondere Weise zu inszenieren, in erster Linie die Klassiker von Schiller, Goethe oder Shakespeare lagen ihm am Herzen.

Georg II. war wohl der erste Theater-Förderer, der mehr als ein Mäzen im herkömmlichen Sinne war. Er brachte sich nicht nur als schöngeistiger Geldgeber ein, sondern als besonders aktiver künstlerischer Leiter seines Meininger Hoftheaters. Unterstützung erhielt er von seiner Frau, der Schauspielerin Ellen Franz und vom Regisseur Ludwig Chronegk. Der Herzog investierte große Summen in neue Bühnentechnik, Bühnenausstattung und Requisiten. Die oftmals übertrieben aufwändig wirkenden Kitsch-Kulissen anderer Häuser wollte er dabei allerdings nicht kopieren, sondern lieber neue Maßstäbe setzen. Ihm lag vor allem eine detailgetreue Inszenierung am Herzen. Kamen klassische Dramen auf die Bühne, musste jede historische Einzelheit stimmen. Für Shakespeares "Julius Cäsar" zum Beispiel ließ er von einem Archäologen die Pläne des römischen Forum Romanum rekonstruieren und orientierte daran den Bühnenaufbau.

Mit Teamgeist zum Erfolg

Ein Holzstich von 1896 zeigt eine Bühnenszene vom Meininger Hoftheater. Zwei Männer vor Friedhofskulisse.

Bühnenszene vom Hoftheater um 1896

Auch mit dem Anspruch an sein Ensemble wollte der Theater-Herzog neue Wege beschreiten. Er förderte und forderte das, was man heute "Teamgeist" oder "Corporate Identity" nennen würde. Nicht die schauspielerische Einzelleistung einiger weniger Hauptakteure, sondern die gemeinsame Leistung der Truppe sollte in den Vordergrund gerückt werden. Auf diese Weise erreichte der modern denkende Theaterleiter, dass die Stücke, die auf seiner Bühne aufgeführt wurden, in der Gesamtdarstellung denen anderer, größerer Häuser weit überlegen waren. In Meiningen sollten nicht die Schauspieler, sondern die Aufführungen in Szene gesetzt werden.

Der Herzog schaffte auch das gängige und sehr starre Prinzip der zum Publikum hin offenen, halbkreisförmigen Aufstellung der Akteure ab. Er setzte auf natürlicher wirkende Situationen. Das moderne Meininger Theaterkonzept hatte Erfolg und wurde auch für andere Häuser zum Vorbild. Meiningen gilt als Wiege des modernen Regietheaters und war daher auch richtungsweisend für die neuartige Bühnenkunst des damals bevorstehenden 20. Jahrhunderts. Die sogenannte "Meininger Spielweise" wurde in Theater- und Kritikerkreisen zu einem festen Begriff für eine junge, engagierte Aufführungsmethode.

Tourneetheater auf hohem Niveau

Eine neuzeitliche Farbfotografie zeigt den 1909 eingeweihten Neubau des Meininger Hoftheaters im neoklassizistischen Stil mit Säulenfassade.

Das 1909 eingeweihte neue Meininger Theater

Der Ruf der Meininger Schauspieltruppe war europaweit bald so gut, dass die Truppe auf groß angelegte Gastspielreisen ging. Von 1874 bis 1890 besuchten die Meininger 39 Städte und gaben 2591 Vorstellungen auf fremden Bühnen. Sie besuchten Berlin, London, Paris, Amsterdam, Kiew oder Petersburg und wurden vom Publikum stets begeistert gefeiert. Wann immer ein Auftritt des Ensembles aus Thüringen anstand, verbreitete sich die Nachricht "Die Meininger kommen!" wie ein Lauffeuer. Hinzu kam noch, dass diese Tourneen auch vom logistischen Standpunkt aus Meisterleistungen waren. Die Meininger reisten mit der Bahn und hatten all ihre Bühnenbilder, Kostüme und Requisiten mit im Gepäck. Auf diese Weise sollte die Authentizität und Einzigartigkeit gewahrt bleiben.

Ein schwerer Schlag für das Stammhaus war ein Brand, der das Hoftheater vollständig zerstörte. An gleicher Stelle entstand jedoch ein neuer Bau im neoklassizistischen Stil, der noch vom betagten Herzog Georg II. am 17. Dezember 1909 mit Schillers "Wallenstein" eröffnet werden konnte. Auch heute versucht das Theater in Meiningen mit den Bühnenklassikern von Goethe, Schiller und Shakespeare an die alte Tradition des Hauses anzuknüpfen.

Autor/in: Alfried Schmitz

Stand: 30.07.2014, 13:00

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