Multitalent Darm – Grandioser Helfer für die Gesundheit

Laktobakterien – unverzichtbare Helfer im Darm Planet Wissen 25.09.2019 03:19 Min. Verfügbar bis 25.09.2024 SWR

Darm

Multitalent Darm – Grandioser Helfer für die Gesundheit

Von Angelika Wörthmüller

Der menschliche Darm spielt eine große Rolle für die Gesundheit. Er beeinflusst nicht nur Verdauung und Stoffwechsel, sondern spielt fürs Immunsystem und bei Krankheiten wie Depression, Multiple Sklerose, Parkinson, Alzheimer, Autismus eine Rolle.

Die meisten Immunzellen sind im Darm

Die Medizin hat mit der intensiven Erforschung des Darms ein neues Kapitel aufgeschlagen. Die ersten Seiten sind so spannend und vielversprechend, dass sogar von einer neuen Ära die Rede ist. Jahr für Jahr kommen neue bahnbrechende Erkenntnisse über den Darm hinzu.

Eines steht bereits fest: Unser Immunsystem, die tragende Säule aller Regelkreisläufe im Körper, befindet sich in direkter Abhängigkeit vom Darm. Etwa 70 Prozent aller menschlichen Immunzellen sind sich dort. Der Darm gilt als eine Art Trainingslager für unser Immunsystem. Hier lernen die Zellen, welche Stoffe gefährlich sind und welche sie tolerieren sollten.

Ist das Immunsystem gestört, entstehen Entzündungen und diese fördern Herz-Kreislauf-Erkrankungen, Diabetes und Krebs. Als Dreh- und Angelpunkt der Immunabwehr ist ein gesunder Darm deshalb ein wichtiges Schutzschild gegen die großen Zivilisationskrankheiten.

Reizdarm durch Unverträglichkeiten? Planet Wissen 25.09.2019 03:50 Min. Verfügbar bis 25.09.2024 SWR

Lebensmittel als Auslöser für Reizdarmbeschwerden

Die intensiven Forschungen der vergangenen Jahrzehnte brachten ein besseres Verständnis des Darms und damit auch Fortschritte für Patienten. Beispiel Reizdarm: 15 bis 20 Prozent aller Menschen in Europa sind vom Reizdarm-Syndrom betroffen, Frauen doppelt so häufig wie Männer. Lange Zeit wurden Reizdarm-Patienten nicht ernst genommen, ihre Krankheit galt als reines Psycho-Problem. Heute ist klar, dass bei Reizdarm verschiedene Faktoren zusammenkommen: Stress spielt eine Rolle, aber auch bestimmte Lebensmittel kommen als Auslöser in Frage.

An der Universitätsklinik Kiel haben Ärzte einen Darm-Provokationstest gemacht. Mithilfe einer Endomikroskopie testeten sie, wie der Darm auf Lebensmittel reagiert. Dazu leiteten sie über den Arbeitskanal des Endoskops eine Lösung mit den fünf am häufigsten unvertragenen Nahrungsmitteln (Kuhmilch, Eiweiß, Soja, Hefe und Weizen) und eine Placebo-Lösung direkt auf die Darmschleimhaut. Beim ersten Test zeigte sich bei 22 der 36 Reizdarm-Patienten innerhalb von wenigen Minuten eine Akutreaktion auf mindestens eine der Testlösungen.

Nicht immer bestätigten sich die Testbefunde. Aber die Kieler Forscher gehen davon aus, dass bei drei von zehn Reizdarmpatienten herausgefunden werden kann, dass ein bestimmtes Lebensmittel die Reaktion auslöst. Die Betroffenen können das Reizdarmsyndrom dann vermeiden, indem sie auf die jeweiligen Lebensmittel verzichteten.

Fortschritte bei chronisch entzündlichen Darmerkrankungen

Colitis ulcerosa und Morbus Crohn betreffen oft schon Menschen in jungen Jahren, meist zwischen 18 und 25. Bei Morbus Crohn ist meist der Dünndarm oder auch der Magen, bei Colitis ulcerosa der Dickdarm von wiederkehrenden oder kontinuierlichen Entzündungen betroffen.

Inzwischen ist bekannt, dass bestimmte Gene diese Erkrankungen begünstigen können. Weist das sogenannte NOD2-Gen auf Chromosom 16 eine Mutation auf, so besteht ein überdurchschnittlich hohes Risiko für Morbus Crohn. Dieses Gen spielt bei der Erkennung von Darmbakterien eine wichtige Rolle. Die Mutation scheint dazu zu führen, dass die Unterscheidung zwischen gefährlichem und harmlosem Bakterium nicht mehr funktioniert, und das Immunsystem bei Kontakt mit einem ungefährlichen Bakterium eine Entzündung verursacht.

Das bessere Verstehen der chronisch entzündlichen Darmerkrankungen brachte erweiterte Therapiemöglichkeiten. Heute werden auch sogenannte Biologica wie TNF alpha, die die Entzündung gezielt bekämpfen, erfolgreich eingesetzt. Auch bestimmte Probiotika haben sich bewährt.

Wie der Darm Multiple Sklerose beeinflusst Planet Wissen 25.09.2019 03:54 Min. Verfügbar bis 25.09.2024 SWR

Kurzkettige Fettsäuren gegen Multiple Sklerose

Es überraschte die Forscher selbst, als sie 2015 an der Uniklinik Freiburg entdeckten, dass Immunzellen im Gehirn, die Keime und abgestorbene Nervenzellen beseitigen, bestimmte Stoffwechselprodukte aus dem Darm brauchen, um gut arbeiten zu können. Es sind die kurzkettigen Fettsäuren, sogenannte Propionsäuren. Ein gesunder Darm stellt diese aus Ballaststoffen her.

Bei Menschen mit Multiple Sklerose (MS) haben Forscher eine veränderte Darmflora beobachtet: Die Vielfalt der Bakterien ist geringer. Bei Blutproben zeigte sich auch ein geringerer Anteil von Propionsäuren – offenbar gibt es bei MS-Patienten zu wenige Bakterien, die diese herstellen.

Deshalb gaben die Forscher den untersuchten Patienten Propionsäure zusammen mit anderen Medikamenten gegen MS. Die Patienten berichteten danach von zunehmender Vitalität und besserer Konzentration. Bislang sind dies allerdings nur erste experimentelle Befunde. Doch sie könnten auf ganz neue Therapiemöglichkeiten hinweisen.

Gesunde Darmflora schützt vor Bluthochdruck

Propionsäure kann auch vor den Folgen von Bluthochdruck wie Atherosklerose oder dem Gewebeumbau des Herzens schützen, wie Wissenschaftler des Max-Delbrück-Centrums für Molekulare Medizin und des Universitätsklinikums Charité herausfanden. In einer Studie konnten sie bestätigen, dass Darmbakterien die Fettsäure aus natürlichen Ballaststoffen herstellen. Außerdem beobachteten sie, dass Propionsäure beruhigend auf die Immunzellen wirkt und so verhindert, dass diese den Blutdruck in die Höhe treiben.

Animation Darmbakterien.

Darmbakterien beeinflussen psychische Erkrankungen

Die wichtige Darm-Hirn-Achse

"Ich habe Schiss", "Das schlägt mir auf den Magen" – solche Redewendungen weisen darauf hin, dass die Verbindung zwischen Darm und Psyche im Grunde nichts Neues ist. Doch inzwischen konnten Wissenschaftler dafür handfeste Beweise liefern. Bei Depression stellten sie fest, dass die Betroffenen bestimmte Bakterienstämme im Darm haben, welche Stoffe erzeugen, die die Erkrankung begünstigen.

Bei Menschen mit Autismus fanden Forscher hingegen eine veränderte Artenvielfalt in der Darmflora und testeten, ob sich diese beeinflussen lässt. Tatsächlich erreichten sie durch Gabe anderer Bakterienstämme eine Verhaltensänderung bei den autistischen Patienten.

Überraschend waren auch die Ergebnisse bei Parkinson: Hier entdeckten Wissenschaftler Bakterienstämme, die genau die Eiweißstoffe produzieren, die zu den typischen Veränderungen im Gehirn führen. Unklar ist bislang, ob die Bakterienstämme die Krankheit auslösen oder befeuern.

Brot, Obst, Gemüse, Honig, Milch auf einem Holztisch.

Abwechslungsreiches Essen sorgt für eine gesunde Darmflora

Abwechslungsreiches Essen für gesunde Bakterienvielfalt

Wir können die Weisheit nicht mit Löffeln essen, doch wer seinen Löffel weise füllt, kann viel für seine Gesundheit tun. Denn was wir essen, stärkt entweder die gesundheitsfördernden Bakterien im Darm oder diejenigen, die uns Probleme machen können. Noch ist nicht endgültig geklärt, welche Bakterien, was im Darm bewirken. Fest steht aber, dass abwechslungsreiche Nahrung für die wichtige Artenvielfalt im Darm sorgt.

Unbestritten ist, dass eine gesunde Darmflora folgende Stoffe braucht: frisches Gemüse, Ballaststoffe und milchsäurebildende Lebensmittel. Je frischer das Gemüse, umso besser. Der Darm mag es gekocht und besonders gern auch roh verzehrt, sofern es vertragen wird. Vollkornprodukte, insbesondere Hafer und Haferkleie, tun dem Darm gut, außerdem Kefir, Schwedenmilch, Sauerkraut, Brottrunk und milchsäurehaltige Obstsäfte, sofern sie zur Konservierung nicht vorher erhitzt wurden.

Weißmehlprodukte und Zucker tun der Darmflora nicht so gut, vor allem nicht in großen Mengen. Studien ergaben, dass Menschen, die viel Fastfood konsumieren, eine geringere Vielfalt an Bakterien haben als Menschen mit einer vollwertigen, ausgewogenen Ernährung.

Vegetarische Kost ist sozusagen die Wunschkost der Darmflora, darin scheinen Forscher sich einig zu sein. Es ist nicht untersucht, ob moderater Fleisch- und Fischkonsum förderlich oder schädlich ist, doch fest steht, dass jede Portion davon unmittelbare Auswirkungen auf die Darmflora hat – so wie unser Essen überhaupt das Leben im Darm tagtäglich aufs Neue entweder beflügelt oder lähmt.

SWR | Stand: 17.09.2019, 14:00

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