Moorleichen

Hand einer Moorleiche.

Lebensraum Moor

Moorleichen

Immer wieder werden in Mooren mumifizierte Leichen oder Leichenteile entdeckt. Allein in Europa kamen bisher mehr als 700 solche Moorleichen zutage – vor allem in einem Gebiet, das sich von den Niederlanden über Nordwestdeutschland bis nach Nordjütland erstreckt. Bei manchen Moorleichen hat sich alles bis auf das Skelett aufgelöst. Doch es auch viele, sehr gut erhaltene Körper mit Haut, Haaren, Weichteilen, Knochen und Kleidungsstücken.

Konservierung im Moor

Der Sauerstoffmangel im Moor und die vorhandenen Huminsäuren sorgen dafür, dass Mikroorganismen, die sonst für Verwesung sorgen, nicht existieren können. Gerbsäure gerbt die Haut der Leichen. Muskeln und Körperfette werden aus dem Leichnam herausgelöst. Auch Haare und Kleidung werden so konserviert. Manchmal lässt sich sogar der Mageninhalt von Moormumien noch untersuchen, um so Rückschlüsse auf die Ernährung zur Lebenszeit der Leichen ziehen.

Verstorbene, Mordopfer und Menschenopfer

Die meisten Moorleichen sind männlich, nur ein kleiner Teil sind Frauen oder Kinder. Ein Großteil der in Europa gefundenen Moorleichen wurde erst nach dem Tode ins Moor geworfen. In einigen Fällen scheint es sich um normale Bestattungen zu handeln.

Bei anderen Moorleichen deuten gefesselte Hände, ein Strick um den Hals oder Stichwunden auf einen gewaltsamen Tod hin. In solchen Fällen handelte es sich vermutlich um verurteilte Verbrecher, die man hinrichtete und ins Moor warf, um Mordopfer, die man im Moor verschwinden ließ oder um Menschenopfer.

Da Moore als Sitz von Geistern und Göttern oder als Pforten zum Jenseits galten und schon in der Jungsteinzeit Kultstätten waren, an denen man unterschiedliche Rituale vollzog und Opfer darbrachte, liegt die Vermutung nahe, dass hier auch Menschen geopfert wurden.

Vielsagende Funde

Kopf des Tollundmannes.

Die berühmteste Moorleiche: der Tollundmann

Die berühmteste Moorleiche ist der über 2000 Jahre alte Tollundmann, der 1950 in einem dänischen Moor gefunden wurde. Er starb durch Erdrosseln. Bis heute trägt er die Schlinge um seinen Hals. Forscher vermuten, dass er dem Gott Thor geopfert wurde.

Die meisten der Moorleichen stammen aus der Eisenzeit. Sie sind für Anthropologen und Archäologen wichtige Funde. Sie geben Aufschluss über die Menschen, ihre Kultur und ihre Lebensgewohnheiten in einer Zeit, aus der es keine direkten schriftlichen Quellen gibt.

So konnte man anhand von Moorfunden rekonstruieren, wovon sich Menschen vor mehr als 2000 Jahren ernährten, wie sie sich kleideten, welche Frisuren sie trugen, welche Gebrauchsgegenstände, Waffen und Luxusartikel sie besaßen.

Das Rätsel von Windeby

Es ist das Jahr 1952. Torfstecher gehen im Domslandmoor bei Windeby im Norden Schleswig-Holsteins ihrer Arbeit nach. Plötzlich stoßen sie auf Knochen. Sie hören auf zu graben und melden ihre Beobachtung den Behörden. Wenig später bergen Spezialisten den ganzen Fund: eine mumifizierte menschliche Leiche.

Anhand der Pollenananlyse stellt sich heraus: Die Person muss während der Eisenzeit, etwa um die Zeit Christi Geburt zu Tode gekommen sein. Eine spätere eingehende Untersuchung nach der Radiokarbonmethode ergibt: der Todeszeitpunkt lag zwischen 41 und 118 nach Christus.

Einige Indizien – etwa die sehr grazilen Knochen der Mumie – sprechen dafür, dass die Leiche eine junge Frau gewesen sein könnte. So bekommt die Mumie den Namen "Mädchen von Windeby". Da die Leiche eine ungewöhnliche Frisur aufweist – die linke Kopfhälfte ist kahlgeschoren, die rechte Hand hält sie in Feigenform, sehen Forscher in ihr eine verurteilte Ehebrecherin aus germanischer Zeit zu tun. Lange Zeit galt diese Version als die wahrscheinliche Geschichte der Moorleiche von Windeby.

Hunger in der Kindheit

Schwarzweiß-Foto der Moorleiche von Windeby.

Das "Mädchen von Windeby" ist eigentlich ein Junge

Neuere Forschungen haben die Version jedoch ins Wanken gebracht. So stellten andere Wissenschaftler fest, dass die Person rund 14 Jahre alt war und ihrem Leben elf Mal schwer Hunger erleiden musste. Offenbar wurde sie in elenden Verhältnissen groß. So könnten die grazilen Knochen auch einfach eine Mangelerscheinung sein und die Leiche gar kein Mädchen, sondern ein Junge sein. Dafür sprächen auch die starken Augenwülste, die der Schädel der Leiche aufweist.

Schließlich stellte sich auch heraus, dass der Mensch gar nicht hingerichtet worden war, wie man aufgrund einer Augenbinde, die die Mumie trug, zuerst angenommen hatte. Hunger und eine schwere Kieferentzündung waren die Todesursache. Bei der vermuteten Augenbinde handelt es sich wahrscheinlich um ein verrutschtes Kopfband.

Endgültig wird das Rätsel der Mumie von Windeby wohl nie gelöst werden. Zumindest das Geschlecht des Toten konnte inzwischen geklärt werden: DNA-Untersuchungen in den USA und Israel haben gezeigt, dass es sich bei dem "Mädchen von Windeby" in Wirklichkeit um einen männlichen Leichnam handelt.

Autor: Siegfried Klaschka

Stand: 06.12.2017, 16:00

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