Verdorrter, rissiger Boden in einer wüstenähnlichen Landschaft

Wüsten

Desertifikation – die Wüsten dehnen sich aus

Etwa sechs Prozent der Landmasse auf der Erde bestehen aus Wüsten. In diesen extrem trockenen Gegenden ist Ackerbau und Viehzucht nicht möglich. Das ist eigentlich kein Problem. Doch die Wüsten dehnen sich aus – und daran ist hauptsächlich der Mensch schuld.

Von Tobias Aufmkolk

Wüstenbildung in der Sahelzone – ein menschengemachtes Problem

Der Begriff "Desertifikation" stammt vom lateinischen Wort "deserta" ab (zu deutsch: Wüsten, Steppen). Er bezeichnet die Ausbreitung von Wüsten in andere Gebiete, die bis dahin von Menschen landwirtschaftlich genutzt wurden.

Seit Jahrtausenden betreiben Menschen Landwirtschaft und Viehzucht in Regionen, die sich um die Wüstengebiete der Erde gruppieren, zum Beispiel in der halbtrockenen (semi-ariden) Sahelzone im nördlichen Afrika, die südlich an die Sahara angrenzt. Diese semi-ariden Zonen sind geprägt von langen Trockenzeiten und ein bis zwei kurzen Regenzeiten im Jahr.

Lange Zeit waren die kargen landwirtschaftlichen Flächen mit spärlichem Pflanzenbewuchs nur von Hirten nutzbar, die mit ihren Herden umherzogen. Durch den Bau von Brunnen, die zum ersten Mal Grundwasser aus großer Tiefe fördern konnten, änderte sich die Lebensweise dieser Nomaden radikal. Nur noch ein Teil zog mit den Viehherden umher, der andere Teil wurde sesshaft und betrieb Ackerbau.

Die Bevölkerung wuchs und benötigte mehr Lebensmittel. Die Viehzüchter vergrößerten ihre Herden und die Bauern erschlossen mehr und mehr Flächen für den Ackerbau, die bewässert werden mussten. Die ohnehin kargen Böden konnten dieser Entwicklung nicht standhalten. Sie erhielten nicht die notwendige Zeit zur Erholung.

Wind und Wasser griffen die beschädigten Pflanzendecken an und trugen die oberen Bodenschichten ab. Die Sonne dörrte die Böden weiter aus, da nun kein Wasser mehr in den Pflanzen und im Boden gespeichert werden konnte. Ganze Landstriche der Sahelzone verödeten und wurden zur Wüste.

Zahlreiche Landarbeiter beackern einen ausgedörrten Boden im Niger

Auf den ausgedörrten Böden lässt sich kaum noch etwas anbauen

Ursachen der Wüstenbildung

Das Beispiel der Sahelzone ist auf viele andere Regionen der Erde anwendbar. Forschende sprechen bei der Desertifikation von einer menschengemachten Wüstenbildung, den sogenannten "man-made deserts".

Als Hauptursache für die fortschreitende Wüstenbildung gilt das starke weltweite Bevölkerungswachstum im 20. Jahrhundert. Immer mehr Menschen benötigen immer mehr Nahrungsmittel – und damit auch mehr Flächen für Ackerbau und Viehzucht. Dies führt zu folgenden Problemen:

  1. Übernutzung der Böden. Landwirtschaftlichen Nutzflächen wird zu wenig Zeit zur Regeneration gegönnt. Die Böden laugen aus und bringen nicht mehr genug Ertrag. Wird der Boden nicht mehr durch neue Pflanzen bedeckt, tragen Wind und Wasser die oberen Schichten ab und es kommt zur Erosion.
  2. Überweidung. Die Pflanzenschicht schützt die darunter liegenden Böden. Werden die pflanzenfressenden Viehherden zu groß, geht die schützende Schicht verloren und die Böden werden abgetragen (Erosion).
  3. Verschwendung von Wasser. Größere Flächen für den Ackerbau, größere Viehherden und eine stetig wachsende Bevölkerung benötigen immer mehr Wasser. Weil zu viel Wasser aus Flüssen und Seen entnommen wird, sinken die Wasserspiegel und auch der Grundwasserspiegel. Die Salzkonzentration in den Gewässern steigt an und trocknet infolgedessen auch die Böden aus.
  4. Abholzung von Wäldern. Bäume schützen vor Erosion und sind wichtig für den Wasserhaushalt. Doch um neue Flächen für die Landwirtschaft zu gewinnen, werden mehr und mehr Wälder abgeholzt. Ohne die Bäume sind die Böden ungeschützt den Wetterverhältnissen ausgesetzt. Bei starken Regenfällen kann der Boden das Wasser nicht mehr speichern und wird abgetragen.

Und auch der Klimawandel spielt bei der fortschreitenden Wüstenbildung eine Rolle. Klimaforschende sind sich einig, dass in Zukunft extreme Wetterereignisse zunehmen werden. Sowohl auf Starkregenfälle als auch auf längere Trockenperioden greifen die Böden in wüstennahen Gebieten unverhältnismäßig stark an. Beide Ereignisse führen zu einer weiteren Abtragung der oberen, fruchtbaren Bodenschichten und tragen somit zur Desertifikation bei.

Ziegenherde und zwei Hirten auf ausgedörrtem Boden

Die Viehherden finden keine Nahrung und kein Wasser mehr

Auswirkungen der Wüstenbildung

Je mehr Flächen von der fortschreitenden Wüstenbildung betroffen sind, desto größere Folgen hat das für Mensch und Umwelt.

Der Verlust an fruchtbaren Böden verursacht eine Zunahme von Sand und Staub. Staubstürme haben sowohl Auswirkungen auf die menschliche Gesundheit, weil sie Feinstaubpartikel und andere Schadstoffe mitbringen, als auch auf die Energie-Infrastruktur (verringerte Sonnenstrahlung, Staubablagerungen auf Sonnenkollektoren) und Verkehrs-Infrastruktur (Eisenbahn-, Straßen- und Flugverkehr können eingeschränkt werden).

Die Versorgung mit Grundnahrungsmitteln (Ernährungssicherheit) ist in vielen Regionen gefährdet, weil sich die Zahl der nutzbaren Flächen verringert und weil die Böden zudem ausgelaugt sind und deshalb weniger Ernte bringen. Kommen dann noch Dürreperioden hinzu, sind Mangelernährung oder sogar Hungerkatastrophen die Folge.

Viele Haushalte, die von der Landwirtschaft abhängig sind, verlieren durch die fortschreitende Wüstenbildung ihre Existenzgrundlage. Wirtschaftliche und soziale Armut sind die Folgen. Viele Menschen versuchen dieser Armut zu entfliehen, indem sie aus den betroffenen ländlichen Regionen in Städte abwandern. Bereits heute ist jeder dritte Slumbewohner in Afrika laut Schätzung der UNO ein so genannter Klimaflüchtling, der wegen der fortschreitenden Wüstenbildung seine Heimat verlassen musste.

Zudem birgt der Verlust landwirtschaftlicher Flächen ein hohes Konfliktpotenzial. In der nordafrikanischen Sahelzone (etwa in Burkina Faso, in Mali und im Niger) werden deshalb bereits gewalttätige Auseinandersetzungen geführt. Sie drehen sich auch um die verfügbaren landwirtschaftlichen Nutzflächen, und deren Zahl sinkt weiter.

Soldaten in einer kargen Landschaft in Mali

In vielen Regionen drohen gewalttätige Konflikte

Die Desertifikation rückt in den internationalen Fokus

Zwischen 1968 und 1973 suchte eine lang anhaltende, schwere Dürreperiode die Sahelzone heim. Die Trockenheit löste eine katastrophale Hungersnot aus. Schätzungen zufolge starb in diesem Zeitraum etwa eine halbe Million Menschen durch Hunger und Seuchen. In diesem Zusammenhang rückte das Thema Desertifikation zum ersten Mal ins Bewusstsein der Weltöffentlichkeit.

1974 beschloss die Generalversammlung der Vereinten Nationen, das Problem der Desertifikation global anzugehen. Nach einer mehrjährigen Vorbereitungsphase wurde 1977 in Nairobi die "Konferenz zur Wüstenbildung" (United Nations Conference on Desertification, kurz UNCOD) einberufen. Auf dieser Konferenz wurden zum ersten Mal die Ursachen und Auswirkungen der Desertifikation beschrieben.

Zudem stellten die 94 Mitgliedsstaaten und 65 Nichtregierungsorganisationen (Organisationen, die nicht von staatlichen Stellen oder Regierungen direkt abhängig sind, z.B. Kirchen, Gewerkschaften oder Vereine), die an der Konferenz teilnahmen, einen Aktionsplan zur Bekämpfung der Wüstenbildung vor. Wie dieser Plan umgesetzt werden sollte, sollten die Regierungen der einzelnen Länder selbst entscheiden und auch die Finanzierung wurde nicht festgelegt. Der Plan scheiterte zunächst.

Auf der Weltklimakonferenz von Rio de Janeiro wurde 1992 das Thema der fortschreitenden Wüstenbildung erneut diskutiert. Nach langwierigen Verhandlungen beschloss man 1994 die "Konvention der Vereinten Nationen zur Bekämpfung der Desertifikation".

Mittlerweile haben mehr als 190 Staaten die Konvention ratifiziert, ihr also rechtskräftig zugestimmt. Die Maßnahmen gegen die Wüstenbildung werden mit Entwicklungshilfegeldern finanziert, die Umsetzung der einzelnen Projekte übernehmen Nichtregierungsorganisationen oder die Staaten selbst.

Schwarzweiß-Bild: Ein verzweifelter Mann sitzt auf dem Boden

In den 1970-Jahren suchte eine lange Dürreperiode die Sahelzone heim

Maßnahmen gegen die Wüstenbildung

Eine der wichtigsten Maßnahmen zur Eindämmung der Wüstenbildung ist die Einrichtung einer nachhaltigen Landwirtschaft. Das heißt, den  Böden muss ausreichend Zeit zur Erholung gegeben werden, damit sie ertragreich bleiben. Schutzwälle und Anpflanzungen rund um die Ackerbauflächen können helfen, die Böden vor Erosion durch Wind und Wasser zu schützen.

Ein nachhaltiges Wassermanagement, zum Beispiel das Auffangen und Speichern von Niederschlägen, kann die Bewässerung auch in trockenen Zeiten sicherstellen. Der Anbau von Pflanzenarten, die gut mit Trockenheit und erhöhtem Salzgehalt in den Böden umgehen können, schont die spärlichen Wasservorräte zusätzlich.

Wichtig ist, dass der Landbesitz geregelt ist. In vielen von Desertifikation betroffenen Regionen ist für Kleinbauern nicht klar, ob sie ihre Parzellen überhaupt über mehrere Jahre bewirtschaften können, da die Besitzverhältnisse nicht eindeutig sind. In vielen Entwicklungsländern fehlen rechtliche Vorschriften zur Regelung der Bodenbesitzverhältnisse. Und wo die Besitzverhältnisse geregelt sind, sind die Pachtperioden häufig zu kurz, sodass Kleinbauern kein Interesse an einer langfristigen Verbesserung des Bodens haben.

Ebenso geht es den Viehzüchtern. Durch eine nachhaltige Weidewirtschaft kann den Böden ausreichend Zeit zur Erholung gegeben werden. Dies kann zum Beispiel bedeuten, dass die Flächen abwechselnd genutzt werden und immer ein Teil für ein Jahr brach liegt. Doch auch hier muss der Landbesitz für die Viehzüchter geregelt sein.

Eine weitere Maßnahme ist die nachhaltigere Nutzung von Wäldern und deren Wiederaufforstung. Viele Wälder sind in den vergangenen Jahrzehnten verloren gegangen, weil sie abgeholzt und als Brennholz verfeuert wurden. Eine effizientere und nachhaltigere Herstellung von Holzkohle kann erheblich zum Schutz der Wälder beitragen.

Ein groß angelegtes Projekt zur Wiederaufforstung von Wäldern in desertifizierten Regionen ist die sogenannte Great Green Wall (Große Grüne Mauer). Hierbei sollen in der Sahelzone über mehrere tausend Kilometer quer durch Nordafrika Bäume angepflanzt werden, um der fortschreitenden Wüstenbildung Einhalt zu gebieten. An dem 2007 begonnenen Projekt beteiligen sich insgesamt 21 afrikanische Länder. 2030 soll es abgeschlossen sein. Dann soll sich ein grünes Band von mindestens 15 Kilometern Breite quer durch Nordafrika ziehen.

Großaufnahme: Ein Mann pflanzt einen Baum

Überall in der Sahelzone werden gegen die Wüstenbildung Bäume gepflanzt

(Erstveröffentlichung 2022. Letzte Aktualisierung 07.04.2022)

Quelle: WDR

Darstellung: