Die Goitzsche-Wildnis

Großer Goiztschesee in Sachsen-Anhalt

Naturschutzgeschichte

Die Goitzsche-Wildnis

Von Susanne Decker

Fast 100 Jahre lang wurde in der Goitzsche in Sachsen-Anhalt Braunkohle gefördert, bis der Abbau 1991 eingestellt wurde. Zurück blieb eine karge, triste Mondlandschaft – mehr als 60 Quadratkilometer groß. Heute ist die Goitzsche ein kleines Naturparadies.

Laubfrosch statt Luxusyacht

"Die Goitzsche" liegt im Südosten Sachsen-Anhalts nahe der Stadt Bitterfeld-Wolfen. In längst vergangenen Zeiten mäanderte dort das Flüsschen Mulde inmitten einer Kulturlandschaft, die von Auwäldern geprägt war. Dann kamen die Bagger – wegen der Braunkohle – und frästen sich fortan immer tiefer in die Erde.

Die sieben Riesenkrater der Goitzsche waren längst kein Einzelfall. Nach der weitläufigen Stilllegung vieler Tagebaugebiete der ehemaligen DDR galt es, die neue große Herausforderung "Bergbaufolgelandschaft" in Angriff zu nehmen und aus den sogenannten "Tagebaurestlöchern" neue Landschaften zu entwickeln.

Eine allgemein naheliegende und von vielen Entscheidungsträgern bevorzugte Lösung war es, die gigantischen Krater- in neue Seenlandschaften zu verwandeln. Diese sollten der Bevölkerung als Freizeitparadies und Naherholungsgebiet dienen und Touristen anlocken. Auch die Goitzsche-Krater wurden zu Seen.

Schaufelradbagger im Braunkohletagebau

Schaufelradbagger im Braunkohletagebau

Doch während an den Ufern vieler anderer Bergbaufolgeseen Badestrände, Spazierwege, Uferpromenaden, Ferienhaussiedlungen oder sogar Yachthäfen entstanden, hatte man mit einem Teil der Goitzsche anderes vor.

Die Landesverbände Sachsen-Anhalt e.V. und Sachsen e.V. des BUND (Bund für Umwelt und Naturschutz Deutschland) kauften in den Jahren zwischen 2001 und 2004 mit Spendengeldern und Fördermitteln insgesamt 1300 Hektar Fläche im südwestlichen Bereich des ehemaligen Tagebaus. Sie planten, der Natur dort freien Lauf zu lassen.

Das war die Chance für ein einmaliges Naturschutzexperiment: Es sollte sich aus einer Tagebau-Ödlandschaft echte Wildnis entwickeln, eine alleine von der Natur geschaffene Landschaft.

Auf dem Weg zum Naturparadies

Im nördlichen Teil der Goitzsche-Seenlandschaft entstand ein Bade- und Motorsportparadies. Im südlichen Teil, mit den vom BUND angekauften Flächen, kam die Natur zum Zug. Die Bedingungen dort waren ideal für einen Neustart der Wildnis: großflächig, unzerschnitten, störungsfrei und nährstoffarm. Die Natur kam – und blieb!

Uferschwalbe, Flussregenpfeifer, Eisvogel, Seeadler, Tüpfelralle, Ziegenmelker, Sperbergrasmücke, Heidelerche: 130 Brutvogelarten haben in der Goitzsche schon ein neues Zuhause gefunden.

Es freuen sich beispielsweise Knoblauchkröte, Laub- und Moorfrosch über neuen Lebensraum. Auch Biber und Fischotter wurden schon gesichtet. Nicht zu vergessen die vielen Insekten- und Pflanzenarten, wie zum Beispiel die blauflügelige Ödlandschrecke oder das Tausendgüldenkraut.

In der neuen Goitzsche-Natur gibt es noch Biotope, die in Kulturlandschaften selten geworden sind. Ein ideales Rückzugsgebiet für gefährdete Tier- und Pflanzenarten.

Eisvogel mit Fisch im Schnabel

Eisvogel beim Fischen

Falter-Spaziergang und Lurch-Safari – Raum für Naturerleben

Damit die Neusiedler nicht nur ankommen, sondern auch dauerhaft bleiben, muss ihr neuer Lebensraum störungsfreie Zone sein. Für den Menschen sind die Naturschutzflächen deshalb nur eingeschränkt nutzbar.

Baden und Wassersport sind nur an ausgewiesenen Stellen und im Rahmen der Gewässernutzungsordnung erlaubt. Reiten und Campen innerhalb der Naturschutzzone sind nicht gestattet.

Es bleiben aber trotzdem noch genügend Möglichkeiten, die Goitzsche-Wildnis hautnah zu erleben. Zum Beispiel existiert ein Wander- und Radwegenetz und der BUND veranstaltet zahlreiche Naturerlebnis-Aktionen: Projekttage, Natur-Führungen, Wildnis-Camps oder Fotosafaris. Viele Aktionen werden speziell für Kinder und Familien angeboten.

Die Menschen der Region sind inzwischen mit Recht sehr stolz auf ihre neue, wilde Goitzsche – eine Landschaft mit einer bewegten Geschichte und einer spannenden Zukunft.

SWR | Stand: 30.09.2019, 13:47

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