Gottfried Böhm – Architekt und Bildhauer

Porträt des Architekten Gottfried Böhm.

Beton

Gottfried Böhm – Architekt und Bildhauer

Von Christiane Tovar

Gottfried Böhm gilt als einer der bedeutendsten und vielfältigsten Architekten der Nachkriegszeit und wurde als erster Deutscher mit dem Pritzker-Preis ausgezeichnet, dem wichtigsten Architekturpreis.

Meilensteine seiner Architektur

Zu Böhms bekanntesten Werken gehört die Wallfahrtskirche in Neviges, die er Anfang der 1960er Jahre entworfen hat. Unter Kennern gilt sie als Jahrhundertbauwerk.

Die außergewöhnliche Betonkirche, eine von 69 Kirchen, die Böhm entworfen hat, liegt wie ein mächtiger Fels inmitten von Fachwerkhäusern. Doch sie ist nicht das einzige Bauwerk von Gottfried Böhm, bei dem Beton eine zentrale Rolle spielt.

Architekt aus Tradition

Ob Gottfried Böhm auch Architekt geworden wäre, wenn sein Vater einen anderen Beruf gehabt hätte, ist nicht bekannt. Doch durch seine Familiengeschichte kam Gottfried Böhm, der 1920 in Offenbach am Main geboren wurde, schon früh in Kontakt mit seinem späteren Beruf. Sein Vater Dominikus Böhm, der 1955 starb, war einer der wichtigsten Kirchenarchitekten seiner Zeit.

Gottfried Böhm interessierte sich allerdings nicht nur für Architektur, ihm lag auch die Bildhauerei am Herzen. So entschied er sich für ein Doppelstudium der beiden Fächer, das er 1945 abschloss. Ende der 1940er Jahre zog der junge Architekt nach Köln, wo er mit seinem Vater in dessen Büro seine ersten Auftragsentwürfe machte.

Böhm und der Beton

Von Anfang an beschäftigte sich Gottfried Böhm ganz besonders mit dem Material, das unter den Nationalsozialisten für öffentliche Gebäude verpönt war. Auch sein Vater nutzte Beton für seine Sakralbauten. Beliebt war der Baustoff vor allem deswegen, weil er den Architekten viel Freiraum gewährte.

Auch Gottfried Böhm war von der Idee fasziniert, dass mithilfe von Beton hängend gespannte und formstabile Decken möglich waren. Für seine Kirchenbauten konnte er mit seiner speziell entwickelten "Gewebedecke" große Strecken überbrücken.

Neu war auch, dass dazu keine dicken Wände und wuchtigen Säulen mehr nötig waren. Zudem konnte durch die neue Deckenkonstruktion günstiger gebaut werden, weil weniger Material gebraucht wurde.

Die Kapelle St. Kolumba in Köln, die Anfang der 1950er Jahre entstand, war das erste Bauwerk mit der neuen Gewebedecke aus Beton. Wenig später ging der damals 31-jährige Böhm für ein halbes Jahr nach Amerika und traf dort unter anderem die Bauhausarchitekten Walter Gropius und Ludwig Mies van der Rohe.

Allerdings waren die Einflüsse seines Vaters in Gottfried Böhms Entwürfen weitaus größer als die der beiden Baumeister der Moderne. Wie sein Vater verschrieb Böhm sich zunächst dem Sakralbau und entwarf über die Jahrzehnte mehr als 60 katholische Kirchen.

Ein Betongebirge zwischen Fachwerkhäusern

Zu den wichtigsten Böhm-Kirchen gehört sicherlich die Wallfahrtskirche "Maria Königin des Friedens", die in den 1960er Jahren in Velbert-Neviges in der Nähe von Wuppertal entstand. Für Kenner zählt sie zu den bedeutendsten Bauwerken des 20. Jahrhunderts. Gottfried Böhm wurde mit der Wallfahrtskirche international bekannt.

Die Nevigeser Kirche ist auch deshalb ein außergewöhnliches Bauwerk, weil sie komplett aus Sichtbeton besteht. Insgesamt wurden mehr als 7500 Kubikmeter Beton verbaut.

Besonders auffällig ist die Dachkonstruktion des mächtigen Gebäudes. Wie bei einem Gebirge neigen sich immer wieder neue Flächen in alle Richtungen. Kein Wunder, dass die Nevigeser ihrem Gotteshaus schnell den Namen "Betonfelsen" gaben.

Auch im Innern dominiert der Sichtbeton. Die Kirche, die an ihrem höchsten Punkt 34 Meter misst, beeindruckt im Innenraum nicht zuletzt durch ihre Emporen, Nischen und Kanzeln, die wie in Stein gehauen in die Wände eingearbeitet sind.

Moderne Kirche aus Beton mit einem Vorplatz, links kleine runde Häuser, die an Waben erinnern.

Die Wallfahrtskirche mit den Pilgerhäusern

Beton trifft Mittelalter

Fast zeitgleich zur Wallfahrtskirche in Neviges entstand das Bensberger Rathaus. Auch für dieses Gebäude verwendete Böhm Sichtbeton.

Das Rathaus war Böhms erster Profanbau. Obwohl es aus Sichtbeton ist, nimmt das mittlerweile denkmalgeschützte Bauwerk die Linienführung der mittelalterlichen Burg auf, die in direkter Nachbarschaft steht.

Kritiker lobten die Abkehr von der Zweckmäßigkeit der 60er-Jahre-Architektur. In den folgenden Jahren entstanden weitere Kirchen, bei denen Beton noch immer eine wichtige Rolle spielte.

Doch wie sich später herausstellte, hatte der Beton auch seine Schwächen. So mussten die Außenmauern von Böhms Bauwerken oft schon nach wenigen Jahren restauriert werden, weil der Beton durch die Witterungseinflüsse rissig geworden war.

Mehrgeschossiges Gebäude aus Sichtbeton.

Der "Affenfelsen", so nennen die Bensberger ihr Rathaus

Vom Beton zu Glas und Stahl

Anfang der 1970er Jahre wandte Gottfried Böhm sich anderen Materialien zu. In dieser Zeit prägten vor allem Stahl und Glas seine Architektur, darunter viele öffentliche Gebäude wie Verwaltungsbauten, Museen und Siedlungen im Rahmen des sozialen Wohnungsbaus.

Auffällig ist, dass Böhm dabei keinen durchgängigen Stil hatte, sondern die Gebäude immer den Gegebenheiten anpasste. So entstanden unter anderem eine gläserne Halle mit Betonfertigelementen und die moderne Rekonstruktion des Mitteltraktes des Saarbrücker Schlosses.

Dass Glas eine zunehmend wichtige Rolle in seinen Entwürfen spielte, zeigen auch die WDR-Arkaden in Köln, die 1996 entstanden sind.

Gebäude aus Glas und Stahl in der Dämmerung.

Die WDR-Arkaden beeindrucken auch in der Dämmerung

Stand: 26.09.2018, 10:12

Darstellung: