Burn-out-Syndrom
Was ist Burn-out?
Mittlerweile sind sich die meisten Psychiater und Psychologen darin einig, dass Burn-out nur ein beschönigendes Synonym für die mit negativen Vorurteilen behaftete Depression ist. Einen Burn-out zuzugeben, ist für viele Prominente und Top-Manager einfacher, als von einer Erschöpfungsdepression zu sprechen – nichts anderes aber ist ein Burn-out. Andersherum ist aber nicht jede Depression ein Burn-out. Der Begriff ist noch relativ jung: Der amerikanische Psychoanalytiker Herbert Freudenberger prägte ihn Anfang der 1970er Jahre. Doch die Symptome einer totalen emotionalen Erschöpfung sind schon viel älter, bereits das Alte Testament berichtet davon. Zum Massenphänomen wurde Burn-out aber erst in der modernen Gesellschaft.
Volkskrankheit Burn-out? (3'02'')
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In der heutigen Leistungsgesellschaft neigen viele Berufstätige zur Selbstausbeutung: durch Smartphone oder Laptop ständig erreichbar, Informationen in immer kürzeren Abständen und dabei noch ständig unterwegs – die Grenzen zwischen Freizeit und Beruf verschwimmen. Wer es nicht schafft, sich dem Dauerstress zwischendurch gezielt zu entziehen und sich Freiräume zu schaffen, ist gefährdet, irgendwann völlig zusammenzubrechen. Im Endstadium von Burn-out können Betroffene schließlich keine Leistung mehr erbringen, auch wenn sie es eigentlich wollen.
Wer ist gefährdet?
An Burn-out erkranken vor allem Menschen, die sich mit besonders viel Idealismus für ihren Beruf einsetzen, oft über die persönlichen Grenzen hinaus: Zum Beispiel Krankenschwestern, Ärzte oder Lehrer. Einer Potsdamer Studie von 2006 zufolge stehen 60 Prozent der Lehrer kurz vor dem psychischen oder physischen Kollaps und zeigen die Tendenz zum Burn-out-Syndrom. Mitarbeiter von Sozialämtern sind mit 55 Prozent ähnlich stark betroffen. Und auch Existenzgründer zählen mit 44 Prozent zur Risikogruppe. Nach dem Modell der "Gratifikationskrise" des Medizinsoziologen Johannes Siegrist ist das Risiko eines Burn-outs dann besonders hoch, wenn das Verhältnis von Verausgabung und Anerkennung aus der Balance gerät. Aber auch Menschen, die viel erreicht haben und gesellschaftlich angesehen sind, können betroffen sein. Miriam Meckel ist so ein Fall. Meckel, den meisten Deutschen als Partnerin von Moderatorin Anne Will bekannt, war die jüngste Lehrstuhlinhaberin Deutschlands und zuvor mit Mitte 30 schon Staatssekretärin und Regierungssprecherin in Nordrhein-Westfalen. Und obwohl sie selbst ein Buch über das "Glück der Unerreichbarkeit" geschrieben hatte, tappte sie in die Falle der ständigen Erreichbarkeit und Mobilität und brach irgendwann zusammen: Burn-out.
Wo liegen die Wurzeln?
Die Ursachen für eine Burn-out-Veranlagung liegen oft in der Kindheit. Menschen, die später in ein Burn-out geraten, sind oft in der Kindheit sehr leistungsorientiert aufgewachsen. Dieses Prinzip, sich ihre Wertschätzung über die eigene Leistung zu holen, setzen sie später im Beruf fort, ohne Rücksicht auf die eigenen Kraftreserven und ohne die eigenen Grenzen zu kennen. Es trifft oft einsatzfreudige, ideenreiche, überengagierte Menschen, die freiwillig länger arbeiten. Dahinter verbergen sich häufig Wahrnehmungsstörungen. Viele glauben, dass sie unentbehrlich sind. Misserfolge und Enttäuschungen werden nicht akzeptiert und die daraus folgende Konsequenz missachtet. Die eigenen Bedürfnisse spielen keine Rolle mehr.
Arbeiten bis zur totalen Erschöpfung
Burn-out entsteht über einen langen Zeitraum, häufig schleichend und vom Betroffenen selbst kaum bemerkt. In der ersten Phase der Krankheit zeigt sich die Erschöpfung noch vergleichsweise harmlos: Betroffene bekommen Schlafstörungen, Schmerzen oder sogar einen Tinnitus. Die meisten stürzen sich jetzt noch mehr in die Arbeit, statt sich zu erholen. Die Überlastung wird verleugnet, körperliche Erschöpfung mit Kaffee beseitigt und Schlafprobleme mit Tabletten behandelt. In der zweiten Phase wird die Erschöpfung deutlicher. Betroffene ziehen sich von Freunden und der Familie zurück, stürzen sich weiter in der Arbeit, ohne dabei sinnvolle Ergebnisse zu erzielen und haben Konzentrationsprobleme. Stimmungsschwankungen bestimmen den Alltag. Aggressionen wechseln mit Niedergeschlagenheit und Angst, wobei die Hilflosigkeit wächst. Erst in der dritten Phase spricht man von Burn-out: Erkrankte sind nun völlig erschöpft, apathisch und depressiv. Der innere Rückzug setzt ein. Damit verbunden ist Gleichgültigkeit, bis hin zur Ohnmacht gegenüber den täglichen Aufgaben. Die Kleidung wird nachlässiger, die Fernsehtage länger, Mahlzeiten unregelmäßiger und die Fehlerquote steigt. Manche denken sogar daran, sich das Leben zu nehmen.
Maßnahmen gegen die Krankheit (2'29'')
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"Faulsein ist wunderschön"
Um ein Burn-out-Syndrom zu behandeln, muss es zunächst erkannt werden. Das ist oft schwierig, weil die Symptome unspezifisch und nicht direkt zuzuordnen sind. Der Betroffene braucht aber professionelle Hilfe, denn alleine kann sich kaum jemand aus dem Erschöpfungszustand befreien. Ist die Krankheit erkannt, müssen die Patienten lernen, wieder auf sich und ihren Körper zu hören, Grenzen zu setzen und nicht mehr ständig erreichbar zu sein. Auf die Behandlung von Burn-out-Patienten haben sich mittlerweile viele Kliniken und Therapeuten spezialisiert. Neben Therapiegesprächen gehören oft Massagen, Entspannungsübungen und Sport zum Programm. Allerdings braucht die Therapie Zeit: Viele Betroffene fallen ungefähr drei Monate im Beruf aus. Gerade Menschen, die vorher täglich unter Strom standen und für ihren Beruf gelebt haben, fällt es schwer, sich darauf einzulassen.
Befindet man sich erst in einer Vorstufe zum Burn-out, kann man versuchen, sich selbst zu therapieren. Dazu sollte man einige wichtige Lebensregeln in den Alltag zurückholen, die meist längst verloren gegangen sind: abends früher ins Bett, viel Bewegung bei Tageslicht, vor allem in der dunklen Jahreszeit, Gartenarbeit, Sport treiben wie Fahrrad fahren, schwimmen oder Gymnastik, aber ohne Gesundheit gefährdenden Ehrgeiz. Helfen können auch Entspannungstechniken wie Autogenes Training, Yoga oder progressive Muskelentspannung. Außerdem ist es wichtig, Kontakte zu Freunden pflegen, denn zwischenmenschliche Beziehungen schützen vor dem "Ausbrennen". Und man sollte sich einfach mal einen Tag freinehmen - ganz für sich alleine. Dabei kann man sich Pippi Langstrumpf zum Vorbild nehmen: "Faulsein ist wunderschön."
Mareike Potjans, Claudia Kracht, Stand vom 30.12.2011
Sendung: Burn-out - Infarkt der Seele, 30.12.2011
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