Essstörungen

Krankheiten

Essstörungen

Nach der Pizza noch fünf Teller Nudeln, dazu Würstchen, Kekse, Bananen und tafelweise Schokolade – Menschen mit Esssucht verschlingen in kurzer Zeit Riesenportionen. Magersüchtige dagegen fühlen sich schon schlecht, wenn sie sich neben dem Kohlrabi und dem Knäckebrot als Tagesration noch einen Extra-Löffel Reis erlaubt haben. Eines haben die Betroffenen aber gemeinsam: Sie haben das natürliche Gefühl für Hunger oder satt sein verloren, kontrollieren ihr Essverhalten gar nicht oder zu stark.

Binge-Eating-Disorder

"Bei Chips kann ich erst aufhören zu futtern, wenn die Tüte leer ist." – Das kennt fast jeder. Krankhaft wird es aber erst, wenn Menschen alle paar Tage und oft über Jahre hinweg Fressanfälle haben. Betroffene verschlingen mitunter in einer Stunde 2000 Kalorien und mehr – so viel wie andere über den Tag verteilt.

Menschen mit unkontrollierbaren Essattacken leiden unter der Binge-Eating-Störung (Esssucht) und sind fast immer stark übergewichtig. Einige beginnen immer wieder Diäten oder legen Fastentage ein, die dann in der Regel aber von der nächsten Essattacke durchkreuzt werden.

Auf den Heißhunger folgt ein Gefühl der Leere, des Selbstekels, der Scham. Und wenn der Frust zu groß wird, ist der einzige Trost wiederum das Essen – ein Teufelskreis.

40 Prozent der Esssüchtigen sind Männer

Das Foto zeigt einen dicken, behaarten, nackten Mann, der auf einem Stuhl sitzt.

Essen

Binge Eating ist noch nicht gründlich erforscht, gilt aber inzwischen als die häufigste Essstörung – in Deutschland sind rund vier Prozent der Menschen betroffen. Auch in anderen westlichen Ländern steigt die Zahl seit Jahren an. Etwa 40 Prozent der Binge-Eater sind Männer. Damit liegt deren Anteil deutlich höher als bei anderen Essstörungen.

Nicht nur das zwanghafte Essen und das Übergewicht macht den Betroffenen zu schaffen, oft leiden sie auch unter Depressionen, Schlafstörungen und Stress. Die Krankheit kann außerdem Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Bluthochdruck verursachen. Und das Krebsrisiko steigt.

Bulimie (Bulimia nervosa)

Das Wort Bulimie ist aus dem Griechischen abgeleitet und lässt sich mit "Ochsenhunger" übersetzen. Die Symptome dieser Störung sind zunächst einmal ähnlich wie bei der Esssucht: regelmäßige Heißhungerattacken, bei denen sich Bulimiker hemmungslos den Bauch vollschlagen.

Ein Junge hängt mit dem Kopf über einer Kloschüssel um zu erbrechen.

Bulimiker erbrechen nach ihren Essattacken

Der Unterschied ist, dass sie nach solchen Völlereien ihren Mageninhalt möglichst schnell wieder loswerden – sie stecken sich den Finger in den Hals, bis sie erbrechen.

"Nach einem Essanfall fühle ich mich vollgefressen, fett und eklig. Erst, wenn alles wieder draußen ist, geht es mir besser", erzählt eine Betroffene.

Manche nehmen auch Abführmittel oder treiben exzessiv Sport, damit sie auf keinen Fall zunehmen. Schlank zu sein, ist den meisten Betroffenen sehr wichtig. Ihre Gedanken kreisen ununterbrochen ums Essen und um Kalorien.

Bulimikern sieht man ihre Sucht oft nicht an

Anders als Binge Eatern oder Magersüchtigen sieht man Bulimikern ihre Störung nicht an. Häufig haben sie ganz normales Gewicht oder sind schlank, denn sie sorgen ja dafür, dass ihr Körper die gegessenen Kalorien-Massen kaum verwerten kann.

Weil sie sich für ihre Essstörung schämen, halten die Betroffenen diese meistens geheim. Manchmal wissen selbst enge Freunde nichts davon.

Eine junge blonde Frau steht auf einer Personenwaage.

Verzweiflung am Gewicht

Neben der psychischen Belastung leiden Menschen, die über Monate oder Jahre regelmäßig erbrechen, oft unter Sodbrennen und riskieren, dass sich durch das künstlich herbeigeführte Zurückfließen der Magensäure die Speiseröhre entzündet.

Auch die Zahnoberfläche wird durch die Magensäure im Mund angegriffen, was schnell zu Karies führt. Durch das ständige Erbrechen, durch die Abführmittel und Diäten kann es zu schweren Mangelerscheinungen kommen, die im schlimmsten Fall lebensbedrohlich sind.

Magersucht (Anorexia nervosa)

An Magersucht erkranken weniger Menschen als an Esssucht oder Bulimie, aber dafür ist diese Essstörung umso gefährlicher: Zehn bis 15 Prozent aller Magersüchtigen sterben.

Das Foto zeigt das extrem abgemagerte Model Isabelle Caro vor einem Spiegel.

Das Model Isabelle Caro starb 2010 an Magersucht

Dabei fängt die Krankheit in der Regel scheinbar harmlos an: Die Betroffenen wollen ein paar Kilo abnehmen, schlanker, schöner werden. Weil sie häufig sehr zielstrebig sind, fällt es ihnen nicht schwer, ihre Kalorienmenge radikal zu drosseln.

Kein Zucker, kein Fett, kaum Kohlenhydrate – viele Magersüchtige erlauben sich nur Obst oder Gemüse. Sie zählen jede einzelne Kalorie – sogar dann, wenn sie nur einen Löffel abgeleckt haben. Sie wiegen sich mehrmals am Tag und verzweifeln an jedem Gramm, das sie zunehmen.

Hohe Dunkelziffer

Sind die Betroffenen erst einmal stark abgemagert, bekommen sie auch die unangenehmen körperlichen Nebenwirkungen ihrer Sucht zu spüren. Sie fühlen sich schwach und elend, leiden unter Kopfschmerzen, frieren ständig und verlieren Haare. Das Herz schlägt langsamer, bei Frauen bleibt die Menstruation aus.

Das Foto zeigt einen dünnen Jungen vom Hals an abwärts, der seinen Bauch mit einem Maßband misst.

Nicht nur Frauen werden magersüchtig

Im Extremfall wächst die sogenannte Lanugo-Behaarung am Rücken oder im Gesicht – ein feiner Flaum, den der Körper entwickelt, um sich vor Wärmeverlust zu schützen.

Bis heute gilt Magersucht als typische Frauen- oder Mädchenkrankheit. Immer öfter sind aber auch Männer oder Jungen betroffen. Die Dunkelziffer ist hoch, weil männliche Magersüchtige sich besonders schwer damit tun, sich und anderen ihre Störung einzugestehen.

Gründe für Essstörungen

Jeder Betroffene hat seine eigene Geschichte und immer sind es mehrere Faktoren, die zu einer Essstörung führen. Zwillingsstudien zeigen aber, dass es bei Magersucht eine genetische Veranlagung gibt: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein eineiiger Zwilling ebenfalls magersüchtig wird, wenn die Schwester oder der Bruder betroffen ist, liegt um 50 Prozent höher als bei zweieiigen Zwillingen.

Häufig stecken hinter einer Magersucht oder einer Bulimie Selbstzweifel, verbunden mit Perfektionismus. "Bis zum 13. Geburtstag war meine Tochter ein Musterkind" – diesen Satz höre er relativ oft von Eltern essgestörter Mädchen, sagt Psychologe Andreas Schnebel, Vorsitzender des Bundesfachverbandes Essstörungen (BFE).

Bei Jugendlichen, die alle Probleme mit sich selbst ausmachen und nicht gelernt haben, Konflikte austragen, ist die Magersucht oder Bulimie zuweilen ein stiller Hilferuf, ein unterbewusster Versuch, endlich die Aufmerksamkeit zu erhalten, nach der sie sich insgeheim sehnen.

Magersüchtigen gibt es ein Gefühl der Sicherheit, ihr Essverhalten kontrollieren zu können. Sie schaffen den totalen Verzicht, der anderen nicht gelingt. Das verleiht ihnen Selbstbewusstsein.

Das Foto zeigt den Bildausschnitt einer dicken Frau von Schultern bis Oberschenkeln, deren Bauch über den Bund der Jeans hängt.

Hinter Esssucht stecken oft seelische Probleme

Bulimiker können zwar ihr Essverhalten nicht immer steuern, gewinnen aber die Kontrolle über ihren Körper und ihr Gewicht durch das Erbrechen zurück.

Zur persönlichen Veranlagung kommen dann äußere Umstände wie eine Trennung der Eltern, ein Umzug, der Beginn der Pubertät oder seltener auch traumatische Erfahrungen wie der Tod eines Familienmitglieds oder sexueller Missbrauch.

Am wenigsten erforscht sind bislang die Auslöser für die Esssucht. Viele Binge Eater haben ein geringes Selbstwertgefühl und schon früh gelernt, sich bei Stress, Frust oder Konflikten mit Essen zu trösten.

Dass hinter starkem Übergewicht sehr oft seelische Probleme wie Depressionen stecken, werde immer noch viel zu selten erkannt, so Psychologe Schnebel.

Therapien bei Essstörungen

Fest steht: Je früher eine Essstörung erkannt und behandelt wird, desto größer ist die Aussicht auf Heilung. Die wichtigste Voraussetzung für eine erfolgreiche Therapie ist aber, dass der oder die Betroffene sich freiwillig dazu entschieden hat.

Zum einen lernen die Patienten bei einer stationären Behandlung wieder regelmäßig normale Portionen zu essen. Anfangs wird das streng kontrolliert, bis die Patienten sich eigenverantwortlich an die Regeln halten.

Das Foto zeigt eine schlanke Frau vorm Spiegel, deren Spiegelbild dick aussieht.

Magersüchtige müssen ihr Bild von sich korrigieren

Mindestens genauso wichtig ist es aber, in der Therapie die individuellen Gründe für die Essstörungen zu ergründen. Psychologen helfen Bulimikern, Mager- und Esssüchtigen herauszufinden, welche Situationen Essattacken nach sich ziehen.

Magersüchtige müssen lernen, ihre Panik vorm Zunehmen und das Gefühl des Kontrollverlustes beim Essen zu überwinden. Neuere Studien zeigen, dass Essgestörte oft ein verzerrtes Körperbild haben – Magersüchtige schätzen sich meistens dicker ein als sie wirklich sind.

Auch an dieser Stelle setzen die Therapien an: Die Patienten müssen sich regelmäßig im Spiegel betrachten, ihren geschätzten Taillenumfang mit gemessenen Werten vergleichen oder am Computer eigene Fotos mit Bildbearbeitung in die Breite ziehen, um die eigene verzerrte Wahrnehmung anschließend anhand des Originalfotos zu korrigieren.

Immer häufiger werden auch Familienmitglieder mit in die Therapie einbezogen. Dabei geht es aber nicht um Schuldzuweisungen. Das Klischee "Hinter jeder Magersucht steckt eine dominante Mutter" ist längst überholt.

Stattdessen sollen Eltern, Partner und Betroffene gemeinsam herausfinden, welche Probleme möglicherweise zur Essstörung geführt haben.

Autorin: Annette Holtmeyer

Stand: 17.03.2017, 12:00

Darstellung: