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Interview mit Romanautorin Eva Lohmann

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Burn-out mit Mitte 20 - Interview mit Romanautorin Eva Lohmann

"Der Tag, an dem ich in die Klapse komme, ist ein Donnerstag". Bereits die ersten Worte aus Eva Lohmanns Debütroman verraten, dass "Acht Wochen verrückt" trotz der Schwere des Themas ein leichtes Buch ist. Eva Lohmann war gerade mal Mitte 20 und arbeitete als Inneneinrichterin, als sie der Burn-out traf. Ihre persönlichen Erfahrungen mit dem "Infarkt der Seele" hat Eva Lohmann ihrer Romanheldin Mila mit leichter Feder auf den Leib geschrieben. Planet Wissen hat sie erzählt, wie es bei ihr zum Burn-out kam, was ihr bei der Therapie geholfen hat und wie sich ihr Leben dadurch verändert hat.

Autorin Eva Lohmann (Rechte: Eva Lohmann)

"Wie eine Puppe, die an allen Stellen kaputt ist"

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Planet Wissen (PW): Viele Menschen, die ein Burn-out bekommen, sind sehr aktiv und haben nie damit gerechnet an den Punkt zu kommen, an dem nichts mehr geht. Hätten Sie vorher geglaubt, gefährdet zu sein?

Eva Lohmann (E.L.): Nein, damit habe ich nicht gerechnet. Vor allem, wenn man noch recht jung ist, rechnet man nicht damit. Ich hatte mein Burn-out ja mit 27 Jahren. Es war ein schleichender Prozess, es ging mir hier schlechter und da schlechter. Irgendwann habe ich angefangen darüber nachzudenken, was mit mir nicht stimmen mag. Und dann bin ich an den Punkt gekommen, dass es vielleicht so etwas wie ein Burn-out sein könnte. Das hat sich jedoch über zwei Jahre hingezogen. Im Nachhinein kann ich sagen, dass sich bei mir schon mit 25 die ersten Anzeichen zeigten, die ich sehr lange verdrängt habe. Doch mit der Zeit wurde es immer intensiver, ich habe hier nicht mehr funktioniert und dort nicht mehr. Der richtige Breakdown kam dann recht schnell: Ich habe eine Gesprächstherapie begonnen und ein halbes Jahr später bin ich zusammengeklappt.

PW: Warum kam es bei Ihnen zum Burn-out?

E.L.: Bei mir, und nach meinem Gefühl auch bei vielen anderen Patienten, die ich getroffen habe, gab es einen enormen Drang nach Perfektionismus. Man möchte möglichst alles sehr gut erledigen, nicht nur für sich, sondern es soll auch den Ansprüchen anderer gerecht werden - im Job genau wie im Privatleben. Diesem intensiven Drang kann man natürlich irgendwann nicht mehr genügend standhalten. Oft ist dieser Perfektionismus ja auch gar nicht angebracht. Ich habe bei mir im Job zum Beispiel öfter erlebt, dass mein Chef zufrieden war, auch wenn ich nicht 100 Prozent gegeben habe und meine Arbeit selbst nicht gut genug fand.

Mein Perfektionismus wurde immer extremer, je näher ich meinem Zusammenbruch kam, nicht nur im Job. Gleichzeitig wollte ich gut aussehen, das richtige Gewicht haben, mich mit meinen Freunden total gut verstehen und amüsieren, auf kulturelle Veranstaltung gehen, ein ausgefülltes Liebesleben haben – mein Anspruch war, dass alles gut läuft. Perfektionismus ist etwas, was ich niemals von anderen erwarten würde und ich hätte nie bewusst gesagt "Ich will perfekt sein". Aber mein Handeln hat etwas anderes gezeigt: Ich bin immer einem Ideal hinterher gerannt.

PW: Haben Sie vor Ihrem Burn-out Alarmsignale bemerkt?

E.L.: Ich habe irgendwann gemerkt, dass ich unglücklich bin, jedoch lange gebraucht, um mir das einzugestehen. Mein Körper hat mich dazu gezwungen, er hat mir auffallende Signale gesendet. Vielen Patienten, mit denen ich gesprochen habe, ging es ähnlich. Die Alarmsignale des Körpers sind aber bei jedem verschieden. Ich habe plötzlich schlimme Hautprobleme bekommen. Ich hatte Pocken im Gesicht und an den Händen. Ich bin von Arzt zu Arzt gelaufen, doch die Ärzte konnten mir nicht sagen, was das ist. Ich habe auch sehr viel Geld für Alternativmedizin ausgegeben, aber keiner konnte mir helfen. Der Hautausschlag war ein visuelles Signal, das mir mein Körper gesendet hat, um mir zu zeigen: "Guck mal, da stimmt was nicht." Ich hatte zudem noch Magenprobleme und Kopfschmerzen. Viele haben auch Schlaf- oder Essprobleme. Ich habe meine körperlichen Signale irgendwann nicht mehr ignorieren können, weil sie sich so gehäuft haben. Wie ich in meinem Buch beschriebe: Ich habe mich gefühlt wie eine Puppe, die an allen Stellen kaputt ist, die man besser auf den Müll schmeißen sollte.

PW: Burn-out ist ein gesellschaftliches Tabuthema. Haben Sie von Anfang an offen darüber gesprochen? Wie hat Ihr privates und wie Ihr Arbeitsumfeld reagiert?

E.L.: Ich bin ja sofort in die Klinik gekommen, das war wirklich sehr extrem. Meinen Freunden und meinen Verwandten habe ich es sofort gesagt, und ich hatte das Gefühl, dass sie fast ein bisschen erleichtert waren, weil es jetzt eine Diagnose, einen Grund gab, warum ich die letzten Monate und Jahre so war. Bei meinen Arbeitskollegen waren die Reaktionen gemischt: Einige habe ganz natürlich reagiert, aber auch betroffen, weil sie das nicht kannten. In der Chefetage jedoch wurde das Thema eher ausgeschwiegen. Ich habe ziemlich bald gekündigt und so mussten sie sich auch nicht mehr damit auseinandersetzen. Ich hätte mir aber schon etwas Anteilnahme gewünscht, zum Beispiel in Form einer Karte, aber es kam nichts. Privat hingegen habe ich mich gut aufgefangen gefühlt. Ich habe aber bei anderen Patienten mitbekommen, dass auch das private Umfeld nicht immer damit umgehen kann. Es gibt traurige Geschichten, zum Beispiel von Frauen, die mit Burn-out eingeliefert wurden und daraufhin von ihren Männern verlassen wurden, weil sie damit nicht klar gekommen sind oder keine Lust darauf hatten. Vor allem bei männlichen Patienten gab es auch Akzeptanzprobleme auf der Arbeit.

PW: In Ihrem Buch geht es hauptsächlich um die Zeit, die Sie in einer psychosomatischen Klinik verbracht haben. War ein Klinikaufenthalt die einzige Möglichkeit, aus dem Burn-out heraus zu kommen?

E.L.: Für mich definitiv ja. Ich glaube, wenn man so tief drinsteckt, braucht man einen radikalen Schnitt. Es gibt mit Sicherheit auch Leute, die noch nicht so tief drin sind, die sich auch gemeinsam mit einem Therapeuten ambulant in Griff bekommen können. Aber irgendeine Art von professioneller Hilfe braucht man auf jeden Fall, sei es ein Klinikaufenthalt oder eine Therapie. Das Problem lässt sich nicht allein und auch nicht mit Hilfe von Freunden und Verwandten lösen.

PW: Wie sieht Ihr Leben nach dem Burn-out im Vergleich zu vorher aus?

E.L.: Bei mir hat sich allein schon dadurch viel verändert, dass ich noch während meines Klinikaufenthaltes gekündigt habe. Ich bin nun nicht mehr fest angestellt und muss nicht mehr jeden Tag zu einer bestimmten Uhrzeit an einem bestimmten Ort erscheinen. Ich habe mich beruflich selbstständig gemacht. Allerdings habe ich so auch kein regelmäßiges Einkommen mehr, was die Kehrseite ist. Ich merke aber immer wieder, wie sehr mein Job mein Leben beeinflusst hat. Ich fühle mich jetzt viel freier.

PW: Spüren Sie heute noch ab und an Tendenzen, Burn-out-gefährdet zu sein und wenn ja, wie gehen Sie damit um?

E.L.: Ja, ich spüre das noch, doch es ist jetzt anders. Als Freiberufler habe ich den Druck einer Festangestellten nicht mehr, wobei ich nun einen anderen Druck verspüre und sich so mein Perfektionismus wieder zeigt. Jetzt, wo ich gerade von meinem Buch lebe, bin ich darauf fixiert: Ich schaue immer wieder nach den Verkaufsstatistiken, schaue, wie das Buch läuft, wie ich im Interview rüberkomme. Da fällt mein alter Perfektionismus immer wieder auf mich zurück, doch mir ist das jetzt bewusst und ich kann mich hinterfragen und auch den Aufwand hinterfragen, den ich betreibe. Trotz dieses tief sitzenden Perfektionismus habe ich nun weniger Angst, dass etwas schief läuft. Ich weiß nun, dass ich nicht alles richtig machen kann. Aber das muss ich mir immer wieder sagen. Es ist nicht so, dass nach einem Klinikaufenthalt und einer Therapie plötzlich alles super ist. Man muss sich immer wieder an die Tendenzen erinnern, die man in sich trägt. Darin liegt jedoch auch eine Chance: Weil mir mein Perfektionismus jetzt präsent ist, kann ich damit umgehen.

PW: Warum war es Ihnen wichtig über Ihr Burn-out zu schreiben, also andere Menschen daran teilhaben zu lassen?

E.L.: Erstmal hatte ich gar keine Intention ein Buch zu schreiben, sondern ich habe in der Klinik Tagebuch geschrieben, wie die meisten Patienten. Ich habe dann ziemlich schnell gemerkt, dass ich auch die anderen Patienten intensiv beobachte und beschreibe, mein Blick nicht nur auf mich selbst, sondern auch nach außen gerichtet war. Dann habe ich irgendwann gemerkt, dass meine Aufzeichnungen langsam einen belletristischen Charakter annahmen. Ich habe schließlich meine handschriftlichen Aufzeichnungen in den Computer getippt und mir wurde klar: Ich will ein Buch schreiben. Und als es dann geklappt hat, der Verlag Interesse an meinen ersten Manuskriptseiten zeigte, war das natürlich ganz toll für mich.

Im Nachhinein ist mir aber erst bewusst geworden, was ein Buch über das Thema Burn-out bedeutet. Dass es ein Thema ist, das so viele Menschen beschäftigt. Schon in den ersten zwei bis drei Wochen der Buchveröffentlichung habe ich enorm viel Resonanz bekommen von Leuten, die selbst Betroffen sind oder aus dem Umfeld von Betroffenen kommen. Es freut mich sehr, wenn die Menschen mir mitteilen, dass mein Buch ihnen hilft. Mir wird auch jetzt erst richtig bewusst, was für eine Scham für viele Menschen hinter dem Burn-out steht. Das habe ich ja nie gespürt und deswegen bin ich immer sehr offen damit umgegangen. Ich finde es total schön, dass ich mit meinem Buch Menschen öffnen kann, über das Thema zu reden, was aber nicht meine ursprüngliche Intention war. Ich glaube durch meine nicht so ernste Herangehensweise ist mein Buch eher leicht und auch humorvoll geworden, obwohl es ein so ein schweres Thema behandelt.

Interview: Melanie Kuss, Stand vom 06.04.2011

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