Weltweite Grippeepidemien
Seit dem Altertum bekannt
Grippeepidemien gibt es in der Geschichte der Menschheit wahrscheinlich schon seit langer Zeit. Bereits der berühmte griechische Arzt Hippokrates (circa 460-375 vor Christus) beschrieb eine Krankheit im nordgriechischen Perinthus, deren Symptome (unter anderem Husten und die folgende Lungenentzündung) heute dem Influenzavirus zugeschrieben werden. Er prägte auch in drei großen Werken, in denen er die Symptome vieler Infektionskrankheiten beschrieb, den Begriff der Epidemie (aus dem Altgriechischen: "epi" = über; "demos" = Volk).
Unter Epidemie wird in der heutigen Medizin ein räumlich und zeitlich begrenztes Auftreten massenhafter Infektionsfälle verstanden. Eine Epidemie wird zu einer Pandemie, wenn eine Infektionskrankheit länderübergreifend oder weltweit auftritt, ohne zeitliche oder räumliche Begrenzung. Seit der ersten Beschreibung der Symptome durch Hippokrates ist die Menschheit vermutlich von mindestens 30 Grippepandemien heimgesucht worden. Im 20. Jahrhundert brachen allein drei solcher Pandemien aus, die zugleich die meisten Todesopfer seit der ersten Beschreibung der Krankheit zu verzeichnen hatten.
Die Spanische Grippe von 1918/19
Keine andere Krankheit hat jemals in einem so kurzen Zeitraum so viele Menschenleben gefordert wie die Spanische Grippe. Mindestens 20 Millionen Menschen, manche Quellen sprechen sogar von über 50 Millionen, sind diesem Influenzavirus zum Opfer gefallen. Woher das Virus genau stammte, ist bis heute nicht klar. Die ersten bekannten Fälle traten im März 1918 in einem US-Militärcamp in Kansas auf. Von dort breitete es sich über Truppentransporte nach Europa aus. Im Mai des gleichen Jahres hatte das Virus über Frankreich die Iberische Halbinsel erreicht, wo acht Millionen Spanier erkrankten und der Krankheit damit ihren Namen gaben.
Im August verschwand das Virus wieder von der Bildfläche und man glaubte die Pandemie überstanden zu haben. Was noch niemand ahnen konnte, geschah kurze Zeit später: Das Virus kehrte im Herbst in einer zweiten Welle zurück, die viel verheerender war, als die erste. Lediglich die Menschen, die das Frühjahrsvirus überlebt hatten, waren nun immun gegen die zweite Welle. Das Virus war in der Zwischenzeit mutiert und viel aggressiver geworden. Die Krankheit schien an mehreren Orten der Welt gleichzeitig auszubrechen, insgesamt infizierte sich knapp ein Fünftel der Weltbevölkerung. Bis zum März 1919 starben in vielen Gegenden der Welt Millionen von Menschen durch Husten, hohes Fieber und Lungenentzündungen. Genaue Zahlen über die Todesopfer wird es nie geben, da viele Länder zu dieser Zeit noch keine ordentlich geführten Sterberegister besaßen. Genauso schnell wie sie kam, verschwand die Spanische Grippe auch wieder. Im Frühjahr 1919 war die weltweite Ausbreitung gestoppt, nur in einigen Regionen der Erde gab es noch kleinere Epidemien.
Grippewellen aus Asien
In Asien entstehen immer wieder neue Influenzaviren. Klima, Bevölkerungsdichte und die traditionelle asiatische Landwirtschaft, bei der Enten, Hühner und Schweine auf engstem Raum mit den Menschen zusammenleben, sind ein guter Nährboden für Viren und andere Krankheitserreger. Zwei der drei großen Grippepandemien des 20. Jahrhunderts entstanden nachweislich in Asien.
1957 brach die sogenannte Asiatische Grippe in Hongkong aus. Chinesische Flüchtlinge hatten das Virus in die Stadt gebracht. Von dort breitete es sich schnell in die USA und nach Europa aus. Insgesamt fielen der Asiatischen Grippe weltweit etwa eine Million Menschen zum Opfer, um die 30.000 davon in Deutschland. Dieser Virustyp war so gefährlich, da er eine Kombination aus dem Vogelgrippevirus und einem menschlichen Influenzavirus war. Beide Erreger können in infizierten Zellen ihr Erbgut untereinander tauschen und so kommt das menschliche Immunsystem mit einem völlig neuen Virustyp in Berührung.
Elf Jahre später, 1968, brach die letzte große Grippepandemie des 20. Jahrhunderts in Hongkong aus. Der Virustyp der so genannten Hongkong-Grippe war wiederum eine Mutation des Virus der vorangegangen Asiatischen Grippe mit einem Vogelgrippe-Virus. Bis 1970 kostete die Hongkong-Grippe weltweit über 800.000 Menschen das Leben, wiederum etwa 30.000 davon in Deutschland. Seitdem zirkulieren die Virentypen dieser beiden Krankheiten nicht mehr. Dies macht in der Zukunft besonders junge Menschen, die nach 1968 geboren wurden, für diese Arten der Influenza anfällig, da sie die erforderlichen Antikörper nicht bilden konnten. Experten warnen daher seit längerem vor den möglichen Auswirkungen einer neuen Welle dieser Virusvarianten.
Eine neue Pandemie
1997 erkrankte ein kleiner Junge in Hongkong an einer Grippe und starb wenige Tage später in einem Krankenhaus. Weitere 18 Menschen erkrankten in den folgenden Monaten an dem gleichen Virustyp. Es handelte sich um eine besonders aggressive Form des Hühnergrippe-Virus, der zum ersten Mal auf den Menschen übergegangen war. Sechs der erkrankten Menschen starben innerhalb kurzer Zeit. Die Gegenmaßnahmen, die zur Eindämmung des Virus getroffen wurden, waren drastisch. Da der Virus nicht von Mensch zu Mensch sondern nur von Huhn zu Mensch übertragen werden konnte, wurden in Hongkong 1,6 Millionen Geflügeltiere getötet. Möglicherweise hat diese Maßnahme die Menschheit vor einer weiteren weltweiten Grippepandemie gerettet.
Die Früherkennungssysteme zur Bestimmung von möglichen Grippewellen sind in den letzten Jahren deutlich verbessert worden. Ein weltweites Netz von Virologen kann sofort neue Typen von Viren bestimmen und mögliche Gegenmaßnahmen vorschlagen. Zudem hat die Weltgesundheitsorganisation WHO im Rahmen des "Pandemic Preparedness Project" die Staaten der Erde aufgefordert, Katastrophenpläne aufzustellen. Die Bundesregierung kam dieser Aufforderung nach und stellte im Januar 2005 den "Nationalen Influenzapandemieplan" vor, der die notwendigen Vorbereitungs- und Schutzmaßnahmen gegen eine neue Grippepandemie aufzeigt.
2009 kam der Pandemieplan zum Einsatz, als in Mexiko im Frühjahr innerhalb weniger Wochen 60 Menschen an der sogenannten Schweinegrippe starben, auch "neue Grippe" oder medizinisch "Influenza A/H1N1" genannt. Nachdem weltweit fast 28.000 Krankheits- und 141 Todesfälle gemeldet worden waren, erklärte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) die Schweinegrippe im Juni 2009 zu einer Pandemie mit der Warnstufe 6, was einen globalen Ausbruch bedeutet. Letztendlich verlief die "neue Grippe" aber deutlich milder als erwartet, weshalb Kritiker der WHO und anderen Gesundheitsorganisationen Panikmache vorwarfen.
Tobias Aufmkolk, Stand vom 14.01.2011









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